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aus Heft 34/2015 Gesellschaft/Leben

»Wir müssen auf die Russen zugehen«

Interview: Thomas Bärnthaler und Rainer Stadler  Fotos: Robert Brembeck

Jahrzehntelang hat Hans-Dietrich Genscher für die Überwindung des Ost-West-Konflikts und die europäische Einigung gekämpft. Doch sein Vermächtnis ist ins Wanken geraten. Ein Gespräch über die Macht des guten Willens in politisch stürmischen Zeiten


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SZ-Magazin: Vor einigen Monaten antwortete Ihr Büro auf unsere Anfrage für ein Interview, Sie seien schwer erkrankt und könnten sich deshalb nicht öffentlich äußern. Das klang dramatisch.


Hans-Dietrich Genscher: Ich war praktisch seit September letzten Jahres außer Gefecht gesetzt. Anfang Januar habe ich meinen Kardiologen gefragt: Na, wie sieht’s aus? Bitte nicht drumherum reden! Da sagte er: Also wenn Sie’s denn wissen wollen mit unserer Kunst sind wir am Ende. Den Rest müssen Sie alleine schaffen.

Und was waren Ihre Gedanken?
Das kann es doch noch nicht gewesen sein! Und ich habe mich an die Worte eines Arztes erinnert, der mich mit 19 wegen einer Lungentuberkulose behandelt hatte: Junge, die Überwindung deiner Krankheit ist zu fünfzig Prozent abhängig von deinem Willen und deiner inneren Kraft. Entwickelst du diese Stärke, dann kannst du es schaffen. Er sollte Recht behalten.

Inzwischen sind Sie 88 Jahre alt.
Ich kann noch nicht wieder so gut gehen, aber ansonsten fühle ich mich richtig gut.

Was ist das Schlimmste am Alter?
Ich nehme das so, wie es ist. Ich beklage mich nicht, sondern erfreue mich jeden Tag aufs Neue, es bis hierher gebracht zu haben. Angesichts der Erkrankungen, die ich immer wieder hatte, hätte ich das nie gedacht. Als junger Mann musste ich wegen der Lungentuberkulose insgesamt drei Jahre in Heilstätten und Krankenhäusern verbringen.

Wie sieht ein normaler Tag im Leben des Pensionärs Hans-Dietrich Genscher aus?
Ich habe mehr Zeit für meine Frau, die Familie, für das Lesen und die Pflichten, die nicht aufhören.

Welche Pflichten?
Wenn Sie bekannt sind, bekommen Sie einen unglaublichen Schriftverkehr. Besonders als die Sache mit dem russischen Unternehmer Michail Chodorkowski in der Zeitung stand, für dessen Freilassung ich mich 2013 eingesetzt hatte, brach eine Welle von Zuschriften los. Viele Menschen baten, ich solle mich für ihr Anliegen einsetzen, oft Eltern von jungen Leuten, die im Zusammenhang mit Drogen in Asien verhaftet wurden. Gerade sie bedürfen einer gründlichen Antwort, weil sie meist ratlos und verzweifelt sind.

Ihre diplomatischen Dienste sind also bis heute gefragt.
Natürlich gibt es auch immer wieder Anfragen aus der Partei, ob man nicht aushelfen könne – oft in dem Glauben, in unserer Zeit sei alles besser gewesen.

Und, war es das?
Ich habe das immer für Schwärmerei gehalten. Wie oft haben Walter Scheel und ich uns anhören müssen: Ja, als der Heuss noch am Ruder war, das waren Zeiten!

Sie haben einen großen Teil Ihrer politischen Karriere in die Annäherung zwischen West und Ost investiert. Die gegenwärtige Entfremdung zwischen Russland und dem Westen muss Sie doch persönlich treffen.

Ich mache mir Sorgen, das stimmt. Ich will es so ausdrücken: Nach dem Fall der Mauer gab es große Perspektiven, die nicht genutzt worden sind. Und als die Probleme eskalierten, sind die Institutionen, die wir eigentlich hatten, nicht genutzt worden.

Welche Institutionen meinen Sie?
Zum Beispiel den NATO-Russland-Rat – eine kühne Idee. Dass davon so wenig Gebrauch gemacht wird, verstehe ich nicht. Dieser Rat wurde ja gerade für diese Zeiten gemacht – nicht wenn die Sonne scheint, sondern wenn es regnet. Ich höre immer wieder, wie schwer es ist, alle gemeinsam an den Tisch zu bekommen. Natürlich ist das eine beschwerliche Prozedur. Aber immer noch besser als diplomatische Funkstille. Gottlob ist unsere Regierung beharrlich darum bemüht, den Faden nicht abreißen zu lassen.

Es geht in dem Streit mit Russland nicht nur um Befindlichkeiten. Putin hat die Krim annektiert und damit das Völkerrecht gebrochen.

Außenpolitik verlangt, auf sein Gegenüber Einfluss zu nehmen und sich nicht abzuwenden. Nur so kann man die Dinge in eine andere, das heißt bessere Richtung lenken.

Der Westen hat mit Sanktionen reagiert. Ein Fehler?
Ich glaube nicht, dass sie die Wirkung haben, die man sich erhofft. Putin dagegen sind die Sanktionen innenpolitisch gar nicht so unrecht; so kann man eigene Probleme abwälzen. Außerdem leidet auch unsere Wirtschaft unter den Sanktionen.

Wollen Sie damit sagen: Dem Westen bleibt nichts anderes übrig, als die Einverleibung der Krim zu akzeptieren?
Natürlich nicht. Aber wenn man Einfluss auf die andere Seite nehmen will, muss man mit ihr reden. Und zwar ohne Voraussetzungen. Für mich war in den Siebzigerjahren die deutsche Entspannungspolitik und die KSZE-Konferenz der Weg zur Entkrampfung des Ost-West-Verhältnisses und schließlich zur deutschen Einheit. Wenn wir gesagt hätten, erst muss Deutschland vereinigt werden, dann können wir miteinander reden, dann würden wir heute noch auf beides warten.

Haben Sie Verständnis für die Sorge der Russen, von der NATO eingekreist zu werden?
Objektiv besteht kein Anlass dafür. Aber die Osterweiterung hätte im Dialog mit Russland so gestaltet werden können, dass die Sorge wahrscheinlich gar nicht erst aufgekommen wäre. Schließlich hatten wir zuvor auch die sehr viel kompliziertere Frage der NATO-Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands gelöst. Ich habe meinem Kollegen Schewardnadse damals gesagt: Wir haben jetzt 500 000 Soldaten. Wir bieten euch an, dass das vereinigte Deutschland weniger Soldaten haben wird als Westdeutschland allein, also 350 000 bis 400 000. Heute sind es noch weniger.

Diese Reduzierung kam aber erst auf Drängen von Schewardnadse zustande, des sowjetischen Außenministers.
Nein, wir hatten davor natürlich ausführliche Gespräche. Was ich sagen will: Wenn jemand schwächer wird, muss man ihm die Hand geben, das wird er nicht vergessen. Wenn man die Hand entzieht, wird er auch das nicht vergessen. Wir leben heute in einer globalisierten Welt und sind viel mehr als früher auf Kooperation zwischen den Staaten angewiesen. Die alte Politik der Konfrontation – Wer ist der Stärkere? Wer hat das Sagen? – ist unzeitgemäß. Wir brauchen die gemeinsame Kraft aller, um die Krisen um uns herum zu lösen. Dass wir dort, wo wir kooperieren, auch erfolgreich sind, hat vor Kurzem das Iran-Abkommen gezeigt. Die Russen hätten das locker blockieren können, wenn sie gewollt hätten. Haben sie aber nicht. Das heißt: Wenn beide Seiten es wollen, kann man.

Glauben Sie, dass auch die Krisen im Irak und in Syrien nicht so eskaliert wären, wenn die Russen und die Amerikaner zusammenarbeiten würden?
Durchaus. Sie müssen überlegen: Wie haben wir den Kalten Krieg überwunden, allerdings unter maßgeblicher Mitwirkung der Europäer. Oder, um es noch deutlicher zu sagen, der deutschen Entspannungs- und Sicherheitspolitik. Dazu musste erst einmal das Klima entgiftet werden. Am Ende stand die Charta von Paris aus dem Jahr 1990. Die ist ein politisches Programm für einen gewaltigen Raum – von Vancouver bis Wladiwostok. Er verbindet drei Kontinente miteinander. Und aus der Sicht von damals die beiden Welten. Das war ein Konzept, das auch sehr stark im Interesse des Ostens lag. Man könnte den 25. Jahrestag dieser Charta, der im November dieses Jahres ansteht, sehr gut nutzen für einen Neuanfang, indem man eine Konferenz einberuft und untersucht, was können wir jetzt tun, um den Norden der Erdkugel wieder zu stabilisieren. Das muss mit der Sprache beginnen und auch mit der Abrüstung der Sprache. Jeder muss klar und ehrlich sagen, was wollten wir am Ende des Kalten Krieges? Die Teilungsgrenze Europas nach Osten verschieben oder die Teilung Europas beenden? Wir wollten das Letztere.

Dazu braucht es auf beiden Seiten Menschen, die guten Willens sind. Ihre Entspannungspolitik fiel ja auch nur auf fruchtbaren Boden, weil Gorbatschow bereit war, Gemeinsamkeiten zu suchen.
Dazu kam seine enorme Weitsicht. Lange bevor das Wort Globalisierung in die politische Debatte eingeführt wurde, hatte Gorbatschow eine Rede vor der UN gehalten, im Dezember 1988, wo er feststellte, es gibt Probleme, die uns alle betreffen. Die müssen wir deshalb auch gemeinsam angehen. Da hatte er natürlich völlig recht. Man kann auch heute rückblickend sich nur wundern, wie Gorbatschow auch im Westen zunächst verkannt wurde. Auch Bush senior hat dann nach dem Ende des Kalten Kriegs von der neuen Weltordnung gesprochen – was sein Sohn später etwas übertrieben hat.

Das ist sehr diplomatisch ausgedrückt.

Dazu kann ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, die mir vor einigen Jahren zugetragen wurde: Da war eine hohe Persönlichkeit bei Bush senior zu Besuch beim Kaffee auf der Ranch. Und die beiden Söhne, der spätere Gouverneur und der spätere Präsident, spielten Ball. Da fragte der Gast: Können Sie sich denn vorstellen, dass einer von denen mal Präsident wird? Ehe der Vater antworten kann, sagt die Mutter: Aber der nicht! Sie deutete auf George W. Bush.

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Thomas Bärnthaler und Rainer Stadler

hatten im Archiv viel über das komödiantische Talent ihres Interviewpartners gelesen. Was sie nicht wussten: Hans-Dietrich Genscher ist ein famoser Stimmenimitator. Das stellte er im Interview ganz beiläufig unter Beweis: Als Franz Josef Strauß könnte er jederzeit beim politischen Aschermittwoch auftreten.

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