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aus Heft 34/2015 Gesellschaft/Leben

Freier Fall

von Lara Fritzsche  Fotos: Daniel Delang

Anja Sturm scheint die große Verliererin im Münchner NSU-Prozess zu sein. Nach 224 Verhandlungstagen will ihre Mandantin Beate Zschäpe ihr nicht mal mehr die Hand geben. Dennoch wirkt Anja Sturm gelöst wie nie. Woher der Wandel?



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Als die Anwälte Heer, Stahl und Sturm am Morgen des 20. Juli 2015 das Münchner Oberlandesgericht um die Entbindung von ihrem Mandat im NSU-Prozess bitten, scheint es, als endete die Geschichte von Anja Sturm mit einem Rückzug. Als hätte sie aufgegeben. Sie, die im Mai 2013 angetreten war, um als Anwältin von Beate Zschäpe nicht nur die mutmaßliche Terroristin, sondern den ganzen Rechtsstaat zu verteidigen. Das sagte sie damals auch so.

An diesem Montag wirkt es so, als wolle sie nur noch raus aus der Sache. Und niemanden wundert das so richtig. Was auch immer sich diese Anwältin erhofft hat: reich zu werden, berühmt zu werden, oder auch nur all ihr Können zu zeigen, es kam alles anders. Sie hat nicht nur nichts gewonnen. Sie hat sogar verloren durch diesen Prozess, so wirkt es. Irgendwie ging alles schief. Von Anfang an.

Als Anja Sturm das Mandat annahm, hieß es, es sei ein Himmelfahrtskommando: so ein Prozess, so eine Angeklagte, so viel zu verhandeln. Und was da alles auf dem Spiel steht: Ein Staat, der jahrelang weggesehen, zehn Morde nicht aufgeklärt und stattdessen die Opfer und ihre Familien kriminalisiert hat, der seine V-Leute beschützt hat und Akten geschreddert, der will jetzt in München vor Gericht beweisen, dass er ganz genau hinsehen kann. Es geht hier auch um die Ehre einer Demokratie. Und mittendrin diese Frau, die auf der falschen Seite steht, die mit Beate Zschäpe eine Staatsfeindin vertritt und sich auch sonst irgendwie unangemessen verhält; die im Gerichtssaal lächelt, grüne Sommerkleider trägt, die zwei Kinder hat, diese aber bei ihrem Mann zurücklässt, die Krebs hatte und wieder Kippen raucht. Und dass sie nichts davon als wilde Pose inszeniert, sondern stocksteif ungewöhnlich ist, macht das alles nur noch merkwürdiger. Eine Anwältin, die nicht abgebrüht und zynisch über ihr Mandat spricht, die sich jeden flapsigen Halbsatz über ihre Mandantin verbittet. Irgendwie ungewohnt. Kennt man doch sonst nur Anwaltsfiguren, die vor Gericht mit allen Psychotricks vorgehen: die Wortfallen auslegen und Stolperrückschlüsse ziehen und lauern auf den Moment, in dem ein Zeuge ihrem Blick nicht standhält, und die abends dann beim Scotch genüsslich sezieren, wie sie die Straftat ihres Mandaten in Wohlgefallen aufgelöst haben. Und das immer mit Blick auf die nächtliche, amerikanische Großstadt. Aber das ist eben nur im Fernsehen so.

Anja Sturm mag keine Anwaltsserien. Und jede Art von Personenkult ist ihr suspekt, besonders wenn es dabei um sie selbst geht. Wo sie in der Gerichtspause ihr Mittagessen einnimmt, sucht sie danach aus, wo am wenigsten los ist. Unter den Nebenklagevertretern läuft ein Restaurant unweit des Gerichts nur unter der Bezeichnung »Wo sich die Sturm immer versteckt«.

An einem warmen Märztag 2014 sitzt sie dort, raucht, trinkt Espresso und atmet durch. Zunächst hatte sie sich in eine Vinothek gegenüber zum Mittagessen gesetzt, aber als sie dann bei Bruschetta und Suppe saß, kamen drei Journalisten vom Hörfunk dazu und nahmen auf den Barhockern neben ihr Platz. Anja Sturm nickte höflich und verfluchte ihre Bestellung, die so schwierig zu essen ist; die Tomaten fielen vom gerösteten Brot, der Löffel für die Suppe war überhaupt nicht richtig tief, sie kriegte den Teller nicht leer, ihr Blick wurde unruhig, nur weg hier. Sie sagte dann kaum ein Wort, erst nach dem Ortswechsel in ihr Versteck, bei einer Zigarette, entspannte sie sich wieder. Es ist das erste Treffen mit dem SZ-Magazin, drei weitere werden folgen, dazu mehr als zwanzig Mails und einige Telefonate. Mit der Frau von den Fotos, der taffen Anwältin mit Rollkoffer, Sonnenbrille und Bleistiftrock, hat sie gerade nicht viel gemein. Viele Monate später wird sie über diese Zeit lachen. Darüber lachen, dass sie so verbissen war, dass sie alles im Griff haben wollte. Obwohl sich zu diesem Zeitpunkt schon gezeigt hatte, dass es der Prozess ist, der sie im Griff hat. Und nicht nur sie, auch ihre Familie. Im Sommer 2013, nur ein paar Monate nach Prozessbeginn, musste Sturm ihre Berliner Kanzlei verlassen. Die Kollegen dort wollten dem öffentlichen Druck nicht länger standhalten, den solch ein streitbares Mandat mit sich bringt. Anja Sturm suchte eine andere Kanzlei in Berlin, aber niemand nahm sie auf. Am Ende fand sie Obhut bei ihrem Verteidigerkollegen Wolfgang Heer in Köln. Sie fühlte sich im Stich gelassen damals, war enttäuscht, aber gewehrt hat sie sich nicht. Restzweifel blieben: Vielleicht hatte sie selbst ja auch irgendwas nicht richtig gemacht? Vielleicht war sie mit schuld an allem, hatte das alles falsch eingeschätzt? Könnte das sein?

Anja Sturm stellt sich häufig selber Fragen. So als würde sie eine Instanz von außen simulieren, um möglichst klar und akkurat zu antworten. Wenn man nur so vor sich hin denkt, leise, im Kopf, dann führt man nicht jeden Gedanken sorgfältig zu Ende, aber in einem lauten Selbstgespräch, wenn die Frage ausformuliert im Raum steht, muss man seine Worte genau wählen. Das Präzise mag sie. Ihr Vater ist Physiker: das Leben in klaren Formeln. Vielleicht kommt es daher. Anja Sturm will manchmal so präzise sein, dass sie komplizierte, verschachtelte Sätze formuliert, um wirklich alles unterzubringen, jedes Für und Wider. Die Sätze versteht dann keiner. Vor allem die Zeugen vor Gericht nicht. Dann sieht man Sturms Blick an, dass sie sich am liebsten noch mal selbst befragen würde, sich noch mal neu herausfordern, präziser zu sein. Sie ist streng mit sich selbst. Die drei Male, die sie mit sich vor Gericht zufrieden war, kann sie genau benennen. Ihre Fehler auch. Und wie es jeweils dazu kam, analysiert sie so erbarmungslos, als ginge es dabei nicht um sie.

Erst mal sieht es so aus, als behielten alle recht: Dieses Mandat ist ein Himmelfahrtskommando. Im ersten Umschlag, den Anja Sturm in der neuen Kanzlei öffnet, ist ein Drohbrief. Auch später wird sie immer wieder welche kriegen. Ein Absender wünscht ihr den Brustkrebs zurück, den sie besiegt hatte, kurz bevor sie dieses Mandat annahm. Und während die Bild-Zeitung ihren Lesern Fotos zeigt, auf denen Anja Sturm sich zu ihrem Rollkoffer hinunterbeugt und ihr Rock hochrutscht, sehen ihre Kinder sie immer seltener: Zum ersten Weihnachtsfest nach dem Prozessbeginn bekommen die Jungs Kakaotassen mit dem Porträt der Mutter darauf geschenkt. Aber kneifen geht auch nicht, sie ist Alleinverdienerin, ihr Mann kümmert sich um die Kinder. Ihr Gehalt war besser als das ihres Mannes, der als Kommunikationsberater arbeitet. Da war es nur folgerichtig, die Rollen so zu verteilen. Anja Sturm ist pragmatisch, auch dann, wenn es wehtut. Eigentlich wollte sie nach der Geburt ihr Arbeitspensum reduzieren, viel Zeit mit ihren Babys verbringen. Aber seitdem ist ihr Mann die erste Ansprechperson für die Kinder, er ist ihre Stütze in der Zeit nach dem Umzug, er ist die Konstante zu Hause. Bis es mitten im Prozess zur Trennung kommt, die Ehe ist am Ende. Das Fazit nach 224 Tagen NSU-Prozess: Alleinerziehende Alleinverdienerin Mitte vierzig verteidigt mutmaßliche Terroristin gegen deren Willen, und dabei wird ihr langsam das Geld knapp. 900 Euro bekommt Sturm pro Sitzungstag, die reichen gerade, um die Kosten zu decken: die Kanzlei in bester Lage in der Nähe vom Kölner Appellhofplatz, die Wohnung am Waldrand im Osten der Stadt und – seit der Trennung – auch noch eine Kinderfrau. Man müsste meinen, Anja Sturm wäre am Ende.

Der Prozess am Oberlandesgericht München ist anstrengend, auf eine Art, wie man es selten in der Zeitung lesen kann. Bedrückend, weil dieser Verhandlungssaal so gebaut ist, dass man sich vor keinem Blick zurückziehen kann. Dazu künstliches Licht, viel Braun und Orange, und die Türen sind von der gleichen Oberfläche wie die Wand rechts und links von ihnen; so wirkt es, wenn sie geschlossen sind, als gäbe es aus diesem Oktogon kein Rauskommen. Bockige Ermittler und stumpfe Nazis wechseln einander als Zeugen ab, erinnern sich nicht oder wollen sich nicht erinnern, und alles liegt unter dem ständigen Tippen der Gerichtsschreiber, Anwälte und Journalisten. Im Sommer wird es richtig heiß, die Luft steht. Und immer wieder kommt es zu Wortwechseln, die witzig sein könnten, wenn sie nicht so traurig wären. Da fragt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl einen Zeugen, woher er die Frau Zschäpe kennt, und die Antwort lautet: »Ich kenne die Beate nicht.« Da lacht sogar die Beate. Und diese rechtsradikalen Männer haben sich gegenseitig Spitznamen gegeben, die den Richter zwingen, Fragen zu stellen wie diese: »Waren an diesem bereits erwähnten Tag auch die Herren Kicke und Kacke dabei?« Der Zeuge bejaht. Und fügt an, dass auch Mappe dagewesen sei und »die Geklonten« – zwei Brüder, von denen man wohl annehmen darf, dass sie sich recht ähnlich sehen.

Ansonsten bleibt zu beobachten, wie Sturm und Zschäpe einander ignorieren. Dass sie sich nicht mehr die Hand geben. Dass sie nicht mehr die Köpfe zusammenstecken. Und dass Anja Sturm mal wieder den Sitzplatz wechseln muss. Angefangen hat sie auf Platz Nummer vier, hinter Heer, Zschäpe und Stahl, vom Richter aus gesehen. Zwischenzeitlich war sie aufgerückt: saß auf dem Platz neben Zschäpe, saß sogar mal ganz vorn auf dem ersten Stuhl beim Richterpult, als Zschäpes Nummer eins.

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Lara Fritzsche

glaubt, dass nie eine Bonbondose mehr öffentliche Beachtung erfahren hat als die von Wolfgang Heer, aus der Beate Zschäpe sich im Oberlandesgericht München hin und wieder bedient hat. Ganz klar ein Exponat fürs Bonner Haus der Geschichte.

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