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aus Heft 35/2015 Gesellschaft/Leben

Fingerspitzengefühl

Seite 3: Wenn jemand einen Job brauchte, riet sie: Mach Nägel!

Von Christoph Gurk und Lea Hampel  Foto: Leta Sobierajski
Juni 1975: Thuan Le ist seit zwei Monaten in den USA und fängt ganz von vorne an.


Nicht alle Frauen aus der Gruppe um Thuan Le bleiben beim Nägelmachen. »Ein paar sind in Gegenden gezogen, die sozial schwächer waren«, sagt Thuan Le. »Dort gab es keine Kunden.« Doch viele beginnen, wie Thuan Le in Nagelstudios zu arbeiten, und ihr guter Ruf spricht sich herum. Immer mehr von ihnen machen sich selbstständig. Am Anfang sei sie in Santa Monica die einzige Vietnamesin gewesen, die Nägel gemacht hat, sagt Thuan Le. »Dann hat ein vietnamesisches Studio aufgemacht, dann noch eins und noch eins. Und 1982 ging der Boom richtig los.«

Viele der Flüchtlinge aus Vietnam fanden nach ihrer Ankunft Arbeit in der Elektrobranche, sie setzten in Fabriken Autoradios oder Haushaltsgeräte zusammen. Doch die Branche gerät Anfang der Achtzigerjahre in eine Krise, es gibt Massenentlassungen. »Meine Schwester hatte bei Motorola am Fließband gestanden«, sagt Thuan Le. »1982 wurde sie entlassen – und mit der Entschädigung hat sie einen Maniküre-Kurs bezahlt. So haben das damals viele gemacht.«

Das Nagel-Geschäft ist bis heute ideal für Migranten: Die Anfangsinvestitionen sind gering, Sprachkenntnisse kaum nötig, die Techniken lassen sich in kurzer Zeit lernen, oft ist der Beruf nicht geschützt, übrigens auch in Deutschland nicht. Und er lässt sich überall ausüben.

Dass damals gerade die Vietnamesen das Nagelgeschäft revolutionieren, hat aber auch kulturelle Gründe. »Sie wollten den Amerikanern auf keinen Fall zur Last fallen und unbedingt selbstständig sein«, sagt Tippi Hedren. Die Vietnamesen arbeiten hart und sie sind günstiger als die alteingesessenen Studios.

Gleichzeitig zieht die Nachricht vom lukrativen Geschäft immer weitere Kreise. »Eine Freundin von mir war so etwas wie eine Sozialarbeiterin für Flüchtlinge aus Vietnam«, sagt Thuan Le. »Wenn jemand einen Job brauchte, riet sie: Mach Nägel!«

Will jemand ein neues Studio aufmachen, dann leihen Verwandte und Freunde ihm das Startkapital. Und bald betreiben Vietnamesen nicht nur Nagelstudios, sie stellen auch das Zubehör her und eröffnen Schulen, die die Techniken unterrichten, etwa das Advanced Beauty College, gegründet von einem Freund von Thuan Le. Die Schule bietet Kurse auf Vietnamesisch, Zehntausende Maniküristen hat sie bis heute ausgebildet, ein Großteil von ihnen Vietnamesen oder vietnamesischstämmige Amerikaner. Von der Westküste greift der Trend aufs ganze Land über – mit jeder Vietnamesin, die das Nägelmachen lernt und dann umzieht, breitet sich das Netz der Salons weiter über die USA aus.

Es dauert nicht lange, da schwappt der Trend nach Europa über. Schnell zu lernende Jobs sind auch hier beliebt, und die perfekten Nägel der Hollywood-Diven sieht man ebenso auf Leinwänden in London, Brüssel und Berlin. Verwandte der vietnamesischen Einwanderer kommen aus Europa, lernen das Geschäft in den USA und bringen es mit zurück. In Deutschland ist der eigene Salon in den Neunzigerjahren eine gute Option für Vietnamesen, die einst als Gastarbeiter in die DDR gekommen sind und mit der Wende arbeitslos wurden.

Der Wettbewerb, der im Nagelgeschäft entsteht, hat natürlich Folgen: Fallende Preise werden an die Arbeiterinnen weitergegeben, sie leiden unter giftigen Dämpfen, endlosen Arbeitstagen und Lohndumping. Es gibt Berichte über Salons in den USA, die ihren Angestellten 66 Stunden Arbeit pro Woche abverlangen und ihnen pro Stunde nur 1,50 Dollar zahlen. Deutsche Konkurrenten werfen vietnamesischen Inhabern dagegen oft Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung vor.

Den Namen von Tippi Hedren kennen in der Branche noch heute alle Vietnamesen. Mittlerweile gibt es ein Stipendium für angehende Maniküristinnen, das nach ihr benannt ist. »Godmother of the Vietnamese Nail Industry« ist der dazugehörige Spitzname, unter anderem wird sie so an einem der kalifornischen Nagel-Colleges der ersten Stunde genannt, an denen es längst auch Kurse auf Vietnamesisch gibt. Hedren und die Vietnamesinnen der ersten Generation sehen sich regelmäßig, und einmal pro Woche geht Hedren zu einem Mann mit vietnamesischen Vorfahren, der ihre Fingernägel pflegt. »Wäre eine der Frauen von damals in meiner Nähe, würde ich natürlich zu ihr gehen«, sagt Hedren.

Thuan Le ist heute in Rente, trotzdem arbeitet sie an zwei Tagen in der Woche – weil sie es sonst vermissen würde. »Ich habe die guten Zeiten der Nagelbranche kennengelernt«, sagt sie. »Heute müssen die Maniküristen viel härter arbeiten, und das für viel weniger Geld.« Inzwischen drängen auch neue Gruppen in den Markt: Koreaner und Chinesen. In New York, der Stadt mit den meisten Nagelstudios in den USA, dominieren die neuen Gruppen schon die Branche. Sie bieten Maniküren im Schnitt für etwas mehr als zehn Dollar, die Hälfte des zuvor üblichen Preises. Es ist das gleiche Erfolgsrezept, mit dem einst die Vietnamesen den Markt revolutionierten.

Foto: Intertopics, privat

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Lea Hampel und Christoph Gurk

bekamen von Tippi Hedren noch zu hören, wie sehr sie sich darüber ärgere, keine Beteiligung an der Nagelindustrie zu haben. Das Geld wolle sie nicht für sich, sondern für ihre »Roar Foundation« für Wildkatzen. In den Siebzigerjahren hielt sich Hedren zu Hause einen Löwen namens Neil.