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aus Heft 38/2015 Mann und Frau

Heult doch!

Von Lara Fritzsche  Foto: David Brandon Geeting

Männer geben sich heute weich und verpeilt. Das ist wieder nur ein Trick.

Heimlich weint man am besten beim Duschen: Das Gesicht ist eh nass.
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Sie sind überall im Internet. Männer, die sich zu ihren Kindern ins Gitterbettchen quetschen, damit die endlich einschlafen, sie auffangen, bevor sie kopfüber vom Sofa fallen, ihnen die Haare mittels Staubsauger zum Zopf zusammenbinden. Vätervideos sind die neuen Katzenvideos.

In Fernsehserien wie Modern Family ist der Dad in all seiner Normalität eine Hauptfigur. Schauspieler wie Til Schweiger, Hugh Grant, Adam Sandler haben sich auf die Rolle des verpeilten Vaters spezialisiert, die machen das hauptberuflich.

Wie schön. Endlich ist der Mann kein Muskelberg ohne Hirnmasse mehr, kein Hardcore-Bürositzer, kein emotionsloser Sexsucher. Endlich kann er zeigen, wie er wirklich ist: normal.

Und die Feldforschung bestätigt diesen Eindruck. Samstagnachmittag in einem Münchner Vorort, ein Dutzend Familien mit Kindern ist in einem ordentlichen Garten zusammengekommen, um zu grillen: das Anschauungssubjekt in seinem natürlichen Revier. Und was tut er, der Mann? Er erzählt nicht von seinen beruflichen Erfolgen, sondern von seinen privaten Misserfolgen. Ja, das Gartengatter habe er ölen wollen, aber dann sei alles voller Öl gewesen, sehe doof aus, jetzt müssten sie es eigentlich neu streichen. Ja, und die Schnürsenkelkonstruktion an seinem Schuh, die sei provisorisch, vor einem halben Jahr gerissen. Und, Moment, hier verbrennen grad die Koteletts, kann das wer? Es wurde ein Wettrüsten der Ratlosigkeit.

Auch die Werbung, die ja sonst immer ein Ideal verspricht, lässt den Mann jetzt einfach mal machen: Wer heute ein Deo vermarktet, lässt in seinem Spot keinen Superhelden mehr auftreten, sondern steckt einen normalen Mann in einen Supermarkt, gibt ihm ein nölendes Kind an die Hand und feiert ihn, wenn er es bis zur Kasse schafft. Früher zeigten Werbespots den Alltag von Geheimagenten. Heute hat der Mann genug herausgefunden, der in Erfahrung bringt, welche Sorge seine pubertierende Tochter gerade quält. Dass die Werbemänner diese neue Papawampe tragen und ihnen das Vorderhaar ausgeht, ist da nur konsequent. Der Mann von heute ist eben anders. Er macht nicht mehr alles mit sich aus, sondern ist ein Teil der Gemeinschaft, kein einsamer Wolf mehr, sondern ein sympathisch überforderter Kleinrudelführer.

Ein letztes Tabu scheint es aber selbst bei diesem Trend zu geben: den Mann, der weint. Denn so häufig man den Mann inzwischen bei dem sieht, was normale Männer tun: Weinen sieht man ihn nicht. Eine Freudenträne, wenn sein Fußballverein siegt oder sein Baby geboren wird, okay. Aber aus Verzweiflung weinen, so richtig mit schüttelndem Schluchzen, bebender Brust und rinnender Rotze – das findet öffentlich nicht statt.

Und da kommt der Verdacht auf, dass diese Normalität nur kokettiert ist, die Verpeiltheit nur vorgeschoben, also: dass ein weiteres unrealistisches Männerkonzept präsentiert wird. Denn vor dem letzten Boten aufgeweichter Geschlechterstereotypen macht er ja Halt, der neue Mann, seine Tränen liefert er nicht.

Der Mann öffnet sich, er gibt zu, dass auch er mehr schlecht als recht besteht im Alltag, er kriegt manches nicht hin und kann darüber lachen. Aber die Selbstironie schafft ja wieder eine Distanz. Der Mann sagt: Ich gehöre hier eigentlich nicht hin. Der Supermarkt ist sein Hürdenlauf, der Garten sein Trial-and-Error-Parcours. Er spielt nur.

Der angeblich so reflektierte, zugängliche, offene, weichherzige Mann ist kein Spiderman, kein Batman, sondern ein Norman: Die Normalität ist seine neue Tarnung.
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