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aus Heft 43/2015 Literatur

Deutschstunde

Von Ingo Schulze, Katja Lange-Müller und Dirk Kurbjuweit  Fotos: Fabian Zapatka

Schriftsteller sind es gewohnt, sich einem Publikum auszusetzen. Auch Kritik hören sie oft. Aber was, wenn es unfreiwillige Leser sind? Wir haben drei Autoren in Schulklassen geschickt, die gerade ihr Buch durchnehmen.

»Tristesse und Orientierungslosigkeit«: Ingo Schulze hört zu, was die zehnte Klasse am Dathe-Gymnasium über sein Buch zu sagen hat.


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Ingo Schulze

»Simple Storys«
Im Mittelpunkt des Werks von Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, stehen die Folgen der Wende. So auch in »Simple Storys« von 1998: Die Geschichten über einfache Leute aus einer ostthüringischen Kleinstadt nach dem Mauerfall ergeben ein komplexes Bild davon, welche Atmosphäre in der ehemaligen DDR herrschte und welche Sorgen ihre Bürger umtrieben, als plötzlich alles anders war als vorher.

Zuerst sollte ich vielleicht sagen: Es ist nicht so, dass ich oder die anderen aus der Klasse etwas gegen Schriftsteller hätten. Aber die Situation war folgende: Das Buch haben wir immerhin geschenkt bekommen, es kostet knapp zehn Euro. Wir haben es gelesen und dann darüber gesprochen und auch ein Schema erarbeitet, auf dem die Beziehungen der einzelnen Figuren zueinander zu sehen ist. Eine weitere Aufgabe bestand darin, eine Rezension über das Buch Simple Storys zu schreiben. So weit geht das schon in Ordnung, aber wenn man sich vorstellt, dass sich jemand, den wir gar nicht kennen, den wir uns nicht ausgesucht haben, über dessen Charaktereigenschaften wir gar nichts wissen, sich in unsere Klasse setzt, uns beobachtet, alles mitschreibt, was wir sagen – und dann wird das Ganze auch noch veröffentlicht … Das ist schon krass, oder? Und wir müssen Unterricht spielen und so tun, als wäre nix. Das geht doch nicht, finde ich. Genau. So haben wir das schon vorher gesehen, bevor Herr Schulze kam. Das hat nichts mit Herrn Schulze persönlich zu tun. Ich dachte mir noch: Er und der Fotograf – einen Fotografen sollte es auch noch geben – machen das natürlich, weil sie Geld dafür bekommen. Die verdienen richtig gut dabei. Genau!

Am Donnerstagmorgen – immerhin musste er sehr früh aufstehen – habe ich ihn gleich erkannt, wie er da vor der Schule stand. Man hätte ihn für einen Touristen halten können. Unsere Schule ist ja gleich neben dem »Berghain«, neben diesem Club, den die Älteren so geil finden. Um die Schule herum sieht es schon ein bisschen wüster aus als sonst in Berlin, fast wie ein Gewerbegebiet, das nicht fertig geworden ist oder wo man noch nicht so richtig weiß, was daraus noch werden soll. Ich wette, das kommt in seinem Artikel vor, so wie er rumgeschaut hat. Am liebsten hätte ich gefragt, ob er was suche. Aber dann war schon Herr Priebe da, Herr Priebe und sein Kaffeepott und seine Zigarette. Und kaum sahen die Kleinen aus der 7 Herrn Priebe, ihren Klassenlehrer, kamen sie an und hielten ihm die Faust hin – »Gib Ghettofaust«, sagte der Kleine. Das hat den Schriftsteller beeindruckt. Zu seiner Zeit …

Ihn interessierte offenbar alles. Sogar den Spruch, den die vom Abi 2010 ins Treppenhaus gepinselt haben, hat er sich abgeschrieben: »Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist unsere. Jean-Paul Sartre«.

Dann setzte er sich ganz nach hinten. Warum, weiß ich nicht. Von der Hälfte der Klasse sah er da nur die Rücken. Ich konnte ihn ganz gut beobachten.

Er hat sich kurz vorgestellt und uns gedankt, dass er hier sein darf. Er sprach davon, wie ungewohnt es für ihn sei, einfach mal nur zuhören zu dürfen, weil er ja sonst immer reden muss. Aber das Zuhören wird ihm auch nicht besonders gefallen haben. Wir fingen dann nämlich an, unsere Rezensionen zu lesen.

»Dieser Roman ist keine fesselnde Lektüre«, begann M. »Das Werk enthält weder einen Konflikt noch eine Herausforderung, auf deren Meisterung man wartet.«

Ich weiß nicht, ob es ihm wirklich nichts ausgemacht hat. Man hört ja doch lieber was Gutes über sich als was Schlechtes. Bei Schriftstellern wird das auch nicht anders sein. Aber er hat sich das alles angehört und sich Notizen gemacht. Als die Rezension voranschritt, hat er nur noch einzelne Wörter aufgeschrieben, wenn ich das richtig beobachtet habe.

»Der Leser«, redete M. weiter, »wird beim Lesen in einen kurzen Schock- oder Reizmoment versetzt, indem ihm der Autor durch die Erzählung der Charaktere ein realitätsnahes und detailliertes Schauspiel beschreibt.«

Aber irgendwann hat er aufgehört, sich Notizen zu machen, sich zurückgelehnt und gelächelt. Denn die Rezension nahm eine Wendung, die ich nach diesem Beginn nicht erwartet hatte.

»Hat man sich durch 29 Geschichten durchgelesen und blickt man dann zurück, erkennt man, dass die Beziehungen zwischen den berichtenden Charakteren die Verbindung zwischen den einzelnen Geschichten aufbauen und den Roman wie mit einem Netz zusammenhalten. So berichten letztendlich alle nicht nur über ihr Leben, sondern gemeinsam mit den Erzählungen aus ihrem Leben über die Zeit, die für viele für Unruhe und Ungewohntheit gesorgt hat. Und das macht aus diesem Roman ein einzigartiges, jedoch nicht für alle geeignetes Werk, das durch seine außergewöhnliche neue Struktur aus vielen verschiedenen Perspektiven gelesen und kritisiert werden kann.«

Herr Priebe lobte die Rezension und fragte, ob Herr Schulze etwas dazu sagen wolle. Er vermied es aber, sich direkt zu der Rezension von M. zu äußern. Sinngemäß sagte er, dass es gut sei, wenn ein Buch uns Widerstand leiste, wenn wir nicht auf der Stelle alles verstünden. Er selbst, so Schulze, habe oftmals Bücher weggelegt, die Monate oder ein paar Jahre später genau die richtigen für ihn gewesen seien. Gäbe es diesen Widerstand nicht, sähe ja die Welt in uns genauso aus wie die Welt außerhalb von uns, und wir würden von gar nichts mehr überrascht und zum Nachdenken angeregt. Er findet es also ganz in Ordnung, wenn uns jetzt was nicht gefällt. Vielleicht aber erinnern wir uns später mal daran, und dann sei es die richtige Zeit, es wieder zu lesen. Darauf hat niemand von uns etwas gesagt.

Bei der nächsten Rezension ging es ähnlich. Zuerst dachte ich, das sei ein Verriss: »Die Idee ist nicht übel: Ingo Schulze schreibt 29 Kurzgeschichten, die alle im selben DDR-kurz-nach-der-Wende-Kosmos spielen, nennt sie Kapitel und bastelt damit einen Roman zusammen. Das Problem seines ambitionierten Mosaiks ist jedoch, es funktioniert nicht.«

Ich musste ein Lachen unterdrücken.

»Diese Tristesse und diese Orientierungslosigkeit, die dem Leser begegnen, verantwortet teils auch Ingo Schulzes Schreibstil. Das Ganze wird mit einem kaum mehr unterbietbaren Minimalismus an Emotion, Ausdruck und Atmosphäre dargeboten, das im Leser ein unsentimentales und kaltes Gefühl entstehen lässt.« Herr Priebe nickte anerkennend. »Da der Leser nicht auf Wertungen eines allwissenden Erzählers basieren kann, wird er gezwungen, sich in die Rolle der Charaktere hineinzuversetzen. Normalerweise wird bei so einer Erzählweise erwartet, dass beim Lesen keine sprachlichen Bilder entstehen. Das Gegenteil ist der Fall: Beim Lesen bleiben einige Bilder im Kopf hängen, aufgrund ihrer grotesken Eigenart. Nach der Lektüre erinnert man sich genau, auf welch tragikomische Weise Enrico F. im Treppenhaus verunglückte, und man erinnert sich auch genau daran, wie Martin M. in seinem Taucheranzug verprügelt wird.«

Es trauten sich dann immer mehr, ihre Rezension vorzulesen. Insgesamt, würde ich sagen, ist er mit einem blauen Auge davongekommen.

Später konnten wir ihm dann Fragen stellen. Als P. sagte, er wolle beim Lesen dem Alltag entfliehen, und außerdem möchte er sich mit den Figuren identifizieren, sagte Schulze, dass es ihm gar nicht darum gehe, dass man sich mit einer Figur identifiziere, sondern dass man die interessant finden solle. Und statt dem Alltag zu entfliehen, lese er, um mit seinen Erfahrungen nicht allein zu bleiben. Er hat versucht, das zu erklären. Es gehe ihm um den Alltag. Aber wenn es nun mal viele Alltage gebe? Wir sprachen darüber, was die Mehrzahl von Alltag ist. Zum Glück haben wir ja alle ein Handy unter der Bank …

Ich hätte gern mit Herrn Schulze darüber gesprochen, dass meiner Ansicht nach viel zu viel geredet wird. Wenn man das überflüssige Gerede weglasse, dann könnte man das Buch auf ein Drittel zusammenkürzen. Darauf hat er aber nichts gesagt, sondern nur so gelächelt. Es ging noch darum, ob das nun eine Sammlung von Kurzgeschichten ist oder doch ein Roman. Er fand natürlich, dass das ein Roman sei, weil es wichtig sei zu wissen, was vorher und nachher mit den Figuren passiert. Aber ohne unser Schema, das an der Wand hängt, verliert man ganz schnell die Übersicht. Ich kann doch nicht immer vor dem Schema sitzen, wenn ich lese. Herr Schulze meinte aber, das sei so, als würde man neu in eine Klasse oder eine Stadt kommen. Da müsse man die Beziehungen der anderen untereinander ja auch erst herausfinden, und manches, was man schon mal wusste, vergisst man auch wieder oder ordnet es falsch zu. Das mag ja so sein, aber beim Lesen nervt das.

Herr Schulze hat noch darüber gesprochen, dass wir auf die Wörter, die wir verwenden, und auf die Fragen, die man uns stellt, aufpassen sollten, dass es schon falsche Fragen gäbe, und auch Wörter, die einen in die Irre führten. Das zu erörtern, fehlte es an Zeit. Herr Schulze las uns noch vor. Er meinte, das sei die früheste Lesung, die er je gemacht habe.

Als er mit Herrn Priebe und dem Fotografen zusammenstand, sagte er, er wisse überhaupt nicht, wie er darüber schreiben solle, denn er sei es schließlich gewohnt, immer zu erfinden und sich nicht wie ein Journalist zu verhalten. Er sagte das lachend, so, als meine er es gar nicht ernst. Ich kann nur hoffen, er erfindet nichts. Das wäre wirklich gemein.

Am Ende hat Herr Schulze gefragt, ob er sich die Rezensionen ablichten dürfte. Meine hat er nicht bekommen.

Ich weiß nicht, ob ich das Buch noch mal lesen werde, um nachzuprüfen, was dran ist an dem, was er gesagt hat. Ich meine das mit dem Widerstand des Buches und dass es später für einen eine andere Bedeutung haben kann. Damit ließe sich ja immer alles rechtfertigen, wenn einem was nicht gefällt.

Er hat noch was gesagt, was sich vielleicht auf den Spruch im Treppenhaus bezog, dass man sich die eigene Geschichte immer erzählen müsse, sie sozusagen neu erfinden müsse im Erzählen oder eben im Lesen, damit es die eigene wird. Oder so ähnlich. Das hätte ich auch gern genauer erklärt gehabt. Zusammenfassend würde ich sagen, dass es nicht so schlimm gekommen ist, wie ich es erwartet hatte, obwohl ich erst mal lesen sollte, was und wie er über uns schreibt. Er hat ja gesagt, dass er sich bei uns wohl fühle, weil hier eine offene Atmosphäre herrsche und wir einen netten Umgang miteinander hätten. Man würde bei uns wirklich ein Interesse spüren, ein kritisches Interesse.

Wenn er es ehrlich meint, was er gesagt hat, dass ein Buch ohne Leser kein Buch ist, sondern ein Stapel bedruckten Papiers, nichts weiter, wenn es letztlich ums Lesen geht, um die Leser, also um uns, wenn wir Leser genauso wichtig sind wie die Schriftsteller, wenn ich das so richtig verstanden habe, dann wäre es doch nur folgerichtig, wenn er uns von seinem Honorar auch was abgäbe. Denn schließlich könnte er seinen Artikel ohne uns nicht schreiben. Hundert oder zweihundert Euro für unsere Abschlussparty würden, finde ich, seinen Äußerungen weiteres Gewicht verleihen. Genau!

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