Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 46/2015 Kunst

»Es gibt keine Helden mehr«

Von Aleksandar Duravcevic   Foto: Gil Inoue; Porträtfoto: Pini Saluk

Aleksandar Duravcevic hat eine Skulptur geschaffen, die an die wahren Helden des Mittelmeers erinnern soll.

Anzeige
»›The real hero is always a hero by mistake; he dreams of being an honest coward like everybody else.‹ (›Der wahre Held ist immer ein Held aus Versehen, sein Traum wäre es, ein ehrlicher Feigling zu sein wie alle.‹) Dieses Zitat des italienischen Schriftstellers Umberto Eco ist der Ausgangspunkt für meine Arbeit mit dem Titel EROE.

Der Mittelmeerraum ist die Wiege zahlreicher Helden, Jesus oder Mohammed, die ägyptischen Götter, die Helden der Antike – Herakles, Odysseus, Achilles. In der Mythologie geht es immer um Helden und ihre Taten. Der Held agiert an der Schwelle zum Tod. Was er tut, ist so bedeutsam, dass er sich durch seine Taten entwickelt und jemand anderes wird, und die Götter stehen ihm bei, weil er mutig ist. Gut möglich, dass der Held gar kein Held sein möchte. Es widerfährt ihm einfach. Es ist diese Unwissenheit, gepaart mit seiner Aufrichtigkeit, die einem Helden die Kraft gibt, im entscheidenden Moment über sich hinauszuwachsen. In Montenegro sagen wir: ›Na muci se poznaju junaci‹ – ›In schwierigen Zeiten zeigt sich der Held‹. In Montenegro bin ich mit den Geschichten dieser Helden auf- gewachsen. Heute muss ich feststellen: Es gibt sie nicht mehr. Vor 50 Jahren gab es sie noch: Willy Brandt, Charles de Gaulle, Martin Luther King, aber heute? Ich sehe nicht mehr die charismatischen und ritterlichen Figuren, die uns inspirieren und träumen lassen, die die Welt in eine andere Richtung lenken könnten. Unsere Helden heute, das sind Apple, Google und Facebook, auf jeden Fall internationale Konzerne. Wenn ich eine Apple-Filiale betrete, komme ich mir vor wie in einer Kirche; alles ist verglast und symmetrisch, uniformierte Apple-Mitarbeiter warten auf ihre Kunden wie ein Priester auf die Gläubigen. Meine Skulptur EROE soll an die Zeit wahrer Helden erinnern.

Es war mir wichtig, dass sie aussieht, als hätte man sie auf dem Meeresboden gefunden, als handelte es sich um eine Reliquie, vielleicht aus Bronze, aus einer untergegangenen Epoche, die jahrhundertelang auf dem Meeresgrund gelegen hat.«

Aleksandar Duravcevic, geboren 1970 in Montenegro, emigrierte nach dem Ende des Jugoslawienkrieges in die USA und lebt heute in New York. Einige seiner Arbeiten gehören zur Sammlung des Metropolitan Museum of Art in New York. Bei der 56. Kunstbiennale in Venedig war Duravcevic in diesem Jahr der Repräsentant von Montenegro.

Anzeige

  • Kunst

    Wie Sperrmüll zu Kunst wird

    Ein unbekannter Künstler verpasst Gerümpel in den Straßen von Los Angeles traurige Clownsgesichter. Seine Arbeiten sind inzwischen sehr begehrt – dabei wurde der Mann eher zufällig zum Streetartist.

    Von Jona Spreter
  • Anzeige
    Kunst

    »Das wollen Sie mich wirklich alles fragen?«

    Zuerst schien Sophie Calle schockiert von den Interview-Fragen. Dann erzählte die Künstlerin bereitwillig von ihrem Werk, dem Tod ihrer Eltern, ihrer Leidenschaft für Stierkampf – und der Abschiedsfeier, die sie für ihre Brüste veranstaltet hat.

    Von Tobias Haberl
  • Kunst

    Warum immer wieder Kunst?

    Seit 20 Jahren gestaltet einmal im Jahr ein Künstler das SZ-Magazin. Die Welt der Kunst hat sich seitdem massiv verändert. Sie gewann an Aufmerksamkeit und Finanzkraft, büßte aber zunehmend ihr Geheimnis und ihr revolutionäres, bewusstseinsförderndes Potenzial ein. Und jetzt? 

    Von Tobias Haberl