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Sport 03. Dezember 2015

Skifahren mit Schiiten

Interview: Bence Jünnemann-Illés  Fotos: Ruedi Flück

Weil heimische Skipisten überfüllt waren, sind zwei Schweizer in den Iran aufgebrochen. Sie fanden unberührte Tiefschneehänge – und eine unerwartet lebendige Freeski-Szene. Ein Gespräch über fremde Pisten.

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Hölzerne Skihütten, schneebedeckte Bergspitzen, weitläufige Tiefschneehänge - lediglich der Blick ins Tal unterscheidet sich von Schweizer oder österreichischen Skigebieten. Unter einer trüben, grauen Smogschicht erkennt man die Konturen einer 12-Millionen-Einwohner Stadt: der iranischen Hauptstadt Teheran.

Gemeinsam mit seinem Freund Benoit Goncerut machte sich der Schweizer Ex-Profi-Freeskier und Filmproduzent Arnaud Cottet im März 2013 auf den Weg dorthin, um die eindrucksvollen Bergketten des Elburgsgebirges zu befahren. Während der Reise lernten sie Sina Shamyani kennen. Shamyani steht seit seiner Jugend regelmäßig auf Skiern und arbeitet als Skilehrer. Bei den Ausflügen der Schweizer bot er sich als Tourenführer an.

Gemeinsam drehten sie im Februar 2015 einen Kurzfilm, der unter dem Namen Salaam Azizam (übersetzt etwa »Hallo, Kumpel«) im Rahmen des European Freeride-Filmfestivals präsentiert wurde. Die Gruppe tourte im November für zwei Wochen durch Europa und machte unter anderem in München, Berlin und Wien halt. Ein Gespräch über große Leidenschaft, die iranische Kultur und Klischees:


SZ-Magazin: Herr Shamyani, Sie waren gerade in Deutschland, Österreich, Polen und in der Schweiz. Wie hat Ihnen der Aufenthalt gefallen?
Sina Shamyani: Es war das erste Mal, dass ich mein Heimatland verlassen konnte. Ich bin sehr stolz, dass ich es mit dem Skifahren so weit gebracht habe. Ich genieße die Zeit hier sehr. Die europäischen Städte und Landschaften sind wunderschön. Mit meiner Heimat ist das alles nicht zu vergleichen, dort sehen Stadt und Land ganz anders aus.

Bitte beschreiben Sie uns Ihren Kurzfilm. 
Die meisten Skifilme sind sehr actionreich. Je höher und weiter die Sprünge, je tiefer der Powder, desto besser kommt der Film bei den Sehern an. Wir wollten von diesem klassischen Schema abweichen. Natürlich sieht man uns auch spektakuläres Skifahren, gleichzeitig wollten wir den Zusehern aber die iranische Kultur und unsere Ski-Community näherbringen.




Teheran ist vom Elburs-Hochgebirge umgeben, dessen Gipfel über 5000 Meter hoch in den Himmel ragen. Der höchste Berg ist der Damavand mit 5604 Metern über dem Meeresspiegel. Im gesamten Land gibt es etwa zwanzig kleine Resorts. Vier davon befinden sich in unmittelbarer Nähe zu Teheran. Das Größte der Skigebiete, Dizin, ist in weniger als zwei Fahrstunden erreichbar.


Wie beliebt ist Skifahren in Ihrem Land?
Es ist beliebter, als viele denken. Ich schätze, dass es hier etwa 50 000 Skifahrer gibt. Gemessen an der Einwohnerzahl ist das natürlich nicht viel. Bedenkt man aber, dass der Großteil des Landes aus Sand und Steinen besteht, ist das schon eine beträchtliche Zahl. Allerdings fahren die meisten Skifahrer ziemlich schlecht. Das liegt daran, dass sie es nur selten auf die Piste schaffen. Dafür fahren jene Leute, die in den Bergen wohnen umso besser.

Wann haben Sie mit dem Skifahren angefangen?
Ich bin mit zehn Jahren das erste Mal auf Ski gestanden. Meine Eltern haben mich schon früh zu dem Sport gebracht. Ich bin in den Bergen aufgewachsen, daher war es für mich nicht schwer, auf die Piste zu kommen. Und die Berge sind sehr schneesicher, in einem guten Winter sind die Lifte von Anfang November bis tief in den Hochsommer in Betrieb. Vor allem für Abseitsfahrer sind die Schneeverhältnisse optimal. Der Schnee ist sehr trocken, das ergibt ein perfektes Pulver. Obwohl sehr viele Tiefschneehänge mit den Liften erreichbar sind, sind sie fast gänzlich unberührt. Nur für die ganz besonderen Abfahrten muss man dann tatsächlich das Skifell aufziehen.



We Ride In Iran: Salam Azizam teaser from Cause on Vimeo.

Auf Ihrem Instagram-Profil sieht man Sie beim Surfen, Skifahren und Klettern. Das Profil könnte genauso von einem jungen Europäer stammen. Wo sehen Sie die größten kulturellen Unterschiede?
Besonders unter jungen Menschen sehe ich nicht viele Unterschiede. Jeder kann ohne Probleme mit dem Skifahren anfangen. Jeder kann sich in einer Skischule einschreiben. Ob Junge oder Mädchen – da gibt es keine Unterschiede. In den westlichen Medien werden viele Dinge schlimmer dargestellt, als sie es tatsächlich sind. In den vergangenen Jahren hat sich vieles zum Besseren gewendet. Und es wird jedes Jahr besser. Auch die Ein- und Ausreise ist sehr einfach. Europäer können ohne weiteres nach Iran kommen, um hier Skiurlaub zu machen.

Freeriding gilt in Europa nicht nur als Sport, sondern auch als Lebenseinstellung. Ist das in Iran ähnlich?
Die meisten Jugendlichen haben nicht viel Kontakt zu westlichen Ländern. Viele sammeln ihr gesamtes Können aus Skifilmen und versuchen, die Tricks am nächsten Tag einfach nachzumachen. Das Gleiche gilt für Kleidung und Lifestyle. Sie tragen ähnlich Ausrüstung und übernehmen sogar die Sprache. 

Mittlerweile hat Arnaud Cottet zusammen mit seinem Freund Benoit Goncerut ein Projekt namens We Ride in Iran gegründet, das die Weiterentwicklung der iranischen Freeskiszene unterstützt. »Es freut mich sehr, dass wir in den vergangenen Jahren zu einem Teil dieser Gemeinschaft geworden sind«, erzählt der Filmproduzent. »Wir möchten den Menschen im Westen zeigen, dass der Iran kein so düsterer Ort ist, wie viele denken. Vor drei Jahren dachten unsere Freunde noch, dass wir in den Dschihad ziehen. Heute wollen uns alle auf unseren Reisen begleiten.« 

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