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aus Heft 47/2015 Die Gewissensfrage

Das hätt's nicht gebraucht

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger 

Wenn Freunde einem einen Gefallen tun: Muss man ihnen dann als Gegenleistung etwas schenken? Oder reicht ein ehrliches »Dankeschön«?



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»Wenn ich um einen Gefallen wie Blumengießen gebeten werde, ist es mir unangenehm, wenn ich ›zum Dank‹ eine Kleinigkeit geschenkt bekomme. Ich tue den Gefallen ja aus Freundschaft und erwarte keine Gegenleistung, die für mich einer Bezahlung gleichkommt. Bin ich nun aber verpflichtet, Freunden für einen Gefallen etwas als Gegenleistung zu schenken?« Thorsten K., Wuppertal    

Zu den am schwierigsten auszusprechenden Wörtern der deutschen Sprache gehört offenbar »Danke«. Das meine ich nun nicht im üblichen Kulturpessimismus, dass sich ja heute keiner mehr bedankt, dass es keine Höflichkeit mehr gibt und ohnehin alles den Bach runtergeht, sondern umgekehrt. Es scheint sehr schwierig, einfach nur »Danke« für etwas zu sagen und sonst nichts zu tun. Kein Gegengeschenk, keine Gegeneinladung, keinen Gegengefallen. Das könnte daran liegen, dass man »nichts schuldig bleiben will« und die Gegengabe auf eine Gabe, einschließlich Gefallen, ein sehr grundlegendes soziologisches Prinzip darstellt.

Allerdings gilt das auch in die andere Richtung. Viele tun sich genauso schwer damit, ein materialisiertes »Dankeschön« in Form eines Geschenks einfach zu akzeptieren. Das latente Unwohlsein des Beschenkten erweist sich als ungemein kräftiger Mechanismus. Dabei ist ein materialisiertes Danke etwas Schönes, wenn es dazu dient, das inhaltliche Danke zu unterstreichen und zu zeigen, dass man den Gefallen nicht als selbstverständlich nimmt. Unschön wird es erst, wenn es tatsächlich zu so etwas wie einer Art Bezahlung verkommt. Nur, und das ist das Entscheidende: Ob es das tut, hängt von den Beteiligten ab. So herzlich, wie man den Gefallen leistet, so herzlich kann man sich auch mit einem Geschenk bedanken und dieses Geschenk wiederum annehmen. Es geht darum, alldem eine Leichtfüßigkeit und Leichtherzigkeit zu geben, weg vom strengen Austausch, der Aufrechnung. Interessanterweise bietet das Bairische eine gelungene sprachliche wie inhaltliche Lösung für dieses Problem im Sinne einer für das Bairische typischen Dialektik, die auch gegensätzliche Aussagen widerspruchsfrei nebeneinander stehen lassen kann: »Des hätt's fei net braucht. Aber g’freit hot’s mi scho.«

Literatur:

Auf Hochdeutsch würde das bayerische Zitat sinngemäß lauten: »Das wäre doch nicht nötig gewesen. Aber ich habe mich dennoch darüber gefreut.«

Das hier angesprochene Phänomen des materialisierten Danks, allgemeiner von Gabe und Gegengabe, ist das der Reziprozität, die ein soziologisches Grundprinzip darstellt und zu der es deshalb eine Fülle von Literatur gibt, die sich vor allem auf den klassischen materiellen Gabentausch bezieht.

Der Klassiker schlechthin ist dabei: Marcel Mauss: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 9. Auflage 1990.

Christian Stegbauer: Reziprozität. Einführung in soziale Formen der Gegenseitigkeit. 2. Auflage, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011

Einen sehr guten Überblick über das Themengebiet bietet die von Frank Adloff und Steffen Mau herausgegebene Textsammlung: Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005. Darin finden sich unter anderem auch Auszüge von wichtigen Stellen aus Marcel Mauss’ Die Gabe (S. 61-72). Hervorragend aber auch die von den beiden Herausgebern verfasste Einführung Zur Theorie der Gabe und Reziprozität mit vielen weiteren Literaturhinweisen (S. 9-57). Für das hier interessierende Phänomen insbesondere: Marshall D. Sahlins, Zur Soziologie des primitiven Tauschs S. 73-91. Georg Simmel: Exkurs über Treue und Dankbarkeit, S. 95-108, aus: Georg Simmel, Soziologie. Untersuchung über die Formen der Vergesellschaftung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1992, S. 652-670. Alvin W. Gouldner: Etwas gegen nichts. Reziprozität und Asymmetrie, S. 109-123 Peter M. Blau: Sozialer Austausch, S. 125-137.


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