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Gesellschaft/Leben 29. Dezember 2015

Gutes Tun besser machen

Seite 3

Von Christoph Gurk  Illustration: Marcus Butt / Gettyimages


Dort veranstalten Konzerne wie Google schon Konferenzen zum Effektiven Altruismus. Dustin Moskovitz, Mitgründer von Facebook, spendet nach den Grundsätzen des Effektiven Altruismus, und Peter Thiel, ein deutsch-amerikanischer Starinvestor, nannte den Effektiven Altruismus den »Beginn von etwas außerordentlich Großem«.

Dass die Idee der Effektivität bei guten Taten die Start-up-Gemeinde begeistert, wirkt naheliegend. Effektivität ist ohnehin ein gigantischer Trend in der Technikszene. Es gibt heute Apps zum Schnelllesen, es gibt Pulver, die für gestresste Entwickler die Mahlzeiten ersetzen sollen, und es gibt »Quantified Self«: Selbstoptimierung durch das Sammeln von Körperdaten. Wenn man sich selbst also besser machen kann durch Effektivität, warum nicht auch die Welt?

Zudem spricht der Effektive Altruismus eine Generation an, die ein paar Monaten Entwicklungshilfe sehr offen gegenübersteht, aber gleichzeitig die Hilfsbranche extrem kritisch sieht. Spenden würden ohnehin versickern, meinen viele, und Hilfe bringe oft nichts. Die Idee des Effektiven Altruismus verspricht dagegen nicht nur Wirksamkeit, sie liefert auch Zahlen. Wohltaten bekommen ein Preisschild. Zum Beispiel jene 3340 Dollar für ein gerettetes Leben bei der Against Malaria Foundation. Jeder kann ein Held sein, versprochen, und dafür muss man kein Arzt werden und auch kein Feuerwehrmann oder Entwicklungshelfer. Man muss man noch nicht einmal aufstehen von seinem Schreibtisch. Alles, was man braucht, sind Geld und die richtige, sprich: beste Organisation. Der Effektive Altruismus bettet gute Taten in ein klares Regelwerk ein. Gibst du dies, bekommst du das. Und solltest du Fragen oder moralische Bedenken haben: Folge den Zahlen. In einer Welt, die aus Krisen, Kriegen und Katastrophen zu bestehen scheint, geben sie all denen Orientierungshilfe, die nicht mehr wissen, wo sie mit dem Helfen anfangen sollen.

Kritiker werfen der Idee des Effektiven Altruismus vor, dass sie die Welt zwar besser machen, sie aber nicht verändern wolle. Das System, das arme und wohlhabende Menschen hervorbringt, bleibt unangetastet. Und denkt man die Idee weiter, kommt man ziemlich schnell zu dem Punkt, an dem man sich fragen muss, wo die Jagd nach dem Besten denn eigentlich endet. Was geschähe zum Beispiel mit Malerei, Musik oder Theater in einer auf Effektivität hin durchrationalisierten Wohltätigkeitswelt? Ein Gemälde rettet keine Leben, eine Oper heilt keine Krankheiten.

Folgt man der Logik des Effektiven Altruismus, dürften Kunst und Kultur erst wieder durch Spenden gefördert werden, wenn weltweit Armut, Hunger, Unterentwicklung und Seuchen eliminiert sind. Das Gleiche gilt für Sportvereine und Pfadfinderschaften, für Trachtengruppen, die Nachbarschaftshilfe und andere Vereine und Organisationen, die die Welt schöner, interessanter oder liebenswerter machen, aber nicht objektiv besser. Und wenn der einzige Maßstab die Zahlen sind und nicht die Nächstenliebe, müsste man bei der Obdachlosenhilfe oder der Berg- und Seenotrettung fragen, wie groß die Hilfe wirklich ist, die sie leisten  und ob man mit den Spenden nicht anderswo mehr erreichen könnte.

Das ist das Grundproblem des Effektiven Altruismus: Es geht um die Menschheit und nicht um die Menschen. »Es kostet etwa 50 000 Dollar, in den USA einen Blindenhund zu trainieren«, sagt MacAskill. »Damit hilft man einer Person. In einem Entwicklungsland könnte man mit dem Geld aber einfache Operationen zahlen, die Hunderte Menschen von Blindheit heilen könnten.« Statt sich mit philosophisch brisanten Fragen wie der Verteilungsungerechtigkeit herumzuschlagen, ziehen Effektive Altruisten wie Will MacAskill lieber Studien aus der Tasche und folgen den Zahlen. Sie sind ihr Freibrief, der sie von jeder moralischen Last befreit.

4,96 Milliarden Euro haben die Deutschen 2014 gespendet. Das Geld ging an Suppenküchen oder Obdachlosenhilfen, an das Rote Kreuz oder Tierheime. Vielleicht haben Menschen an die Katastrophenhilfe gespendet, weil sie Fernsehbilder von weinenden Kindern gesehen hatten, vielleicht haben sie an Forschungseinrichtungen gespendet, weil ein Angehöriger gestorben war. Man kann spenden, weil man den Flüchtlingen am Münchner Hauptbahnhof helfen will oder auch nur, weil man in einem Flugzeug von einer Stewardess mit einer Plastiktüte in der Hand darum gebeten wird. Kurz: Es gibt viele Gründe, helfen zu wollen, und alle sind gut. Das sagen auch die Effektiven Altruisten. Nur sagen sie eben auch, dass eine Spende eine Verschwendung ist, wenn sie an eine gute und nicht an die beste Organisation geht.

»Wir sagen nicht, dass es schlechte Organisationen gibt«, sagt MacAskill. »Wir wollen nur, dass Leute über ihre Spende nachdenken.« MacAskill hat eine Untersuchung gelesen, in der nur zehn Prozent der Befragten sich Gedanken darüber gemacht hatten, an wen sie spenden. Er kann das nicht verstehen, genau sowenig wie er verstehen kann, dass jemand die Ideen und Ansprüche des Effektiven Altruismus für arrogant hält. »Das Problem ist, dass die Menschen nicht ehrlich sind, wenn es ums Spenden geht. Vielen geht es nicht nur darum, Gutes zu tun. Sie spenden, weil sie zeigen wollen, dass sie eine gute Person sind. Oder sie spenden, weil es sich gut anfühlt. Aber das will niemand zugeben, und so kritisieren die Leute stattdessen lieber den Effektiven Altruismus.«

Die Kritik sieht MacAskill als weiteren Beweis dafür, wie wichtig es sei, bei guten Taten die Gefühle außen vor zu lassen. Schließlich sei es nicht wichtig, warum man spende, sondern nur an wen. »Wo es um das Ergebnis geht, haben Emotionen keinen Platz. Niemand würde Geld in eine Firma investieren, weil ihm dabei immer so warm ums Herz wird. Warum sollte das bei Spenden für Hilfsorganisationen anders sein?«

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