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Gesellschaft/Leben 29. Dezember 2015

Gutes Tun besser machen

Von Christoph Gurk  Illustration: Marcus Butt / Gettyimages

Was kommt von meiner Spende überhaupt an?, fragen sich viele. Die Denkrichtung des »Effektiven Altruismus« will Wohltätigkeiten optimieren – und fragt sich zum Beispiel, ob es sich lohnt, Blindenhunde auszubilden.

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Im Flugzeug auf dem Weg von München nach London. Irgendwo über dem Ärmelkanal holt die Stewardess eine Plastiktüte aus einem Kofferfach und geht lächelnd durch die Sitzreihen. »Wir sammeln Spenden für Flüchtlinge«, erklärt sie. Passagiere kramen nach ihren Brieftaschen und werfen Geldscheine in die Tüte. Als Will MacAskill am nächsten Tag von dieser Episode hört, sagt er: »Ein großer Fehler.«

MacAskill ist ein schlanker Schotte mit rotblonden Haaren. Er sitzt im Lincoln College der Universität von Oxford. Die Lehnstühle sind mit Samt bezogen, vor dem Fenster nieselt Regen auf einen perfekt getrimmten Rasen. MacAskill ist Philosophie-Dozent in Oxford, mit gerade einmal 29 Jahren. Und er ist einer der Vordenker des Effektiven Altruismus, einer weltweiten Bewegung, dessen Anhänger nicht damit zufrieden sind, Gutes zu tun, sondern Besseres machen wollen – mit Daten und Informationen. Wohltaten sollen nicht mehr von Herzen kommen, sondern vom Hirn, Gefühle sollen ersetzt werden durch Empirie. »Es geht darum, seine Zeit und sein Geld so effektiv wie möglich zu nutzen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen«, sagt MacAskill.

Darum sei es ein großer Fehler, meint er, sein Geld in einem Flugzeug in eine Plastiktüte zu werfen: Schließlich sei unklar, wieviel Nutzen diese Spende tatsächlich für die Flüchtlinge hätte – und ob das Geld woanders mehr bewirken könnte. »Der Unterschied zwischen einer guten und der besten Hilfsorganisation ist riesig«, sagt MacAskill. »Es kommt bei Spenden weniger darauf an, wie viel man gibt, sondern an wen. Wenn man fünf Euro spendet statt einem Euro, kann man fünfmal so viel Gutes tun. Wenn man aber der besten Organisation Geld gibt statt einfach nur einer guten, erreicht man vielleicht hundertmal so viel.«

Bei der Frage, wie Hilfsorganisationen zu bewerten seien, zählte bisher vor allem, wie transparent sie arbeiten und wie viel Geld vor Ort ankommt. Was dort aber mit den Mitteln passiert und was sie tatsächlich bewirken, wird selten untersucht. Als wäre die weltweite Spendengemeinschaft ein gutmütiger Onkel, der mit offenen Armen gibt, sich danach aber nicht weiter kümmert, was mit seinen Gaben geschieht.

Genau da wollen Effektive Altruisten wie Will MacAskill ansetzen. In seinem Buch »Doing Good Better« beschreibt er ein Beispiel aus Kenia. Dort wollte eine Organisation die Schulbildung verbessern. Sie gab den Schülern neue Bücher und stellte mehr Lehrer ein, doch die Noten der Kinder änderten sich kaum. Dann versuchten die Entwicklungshelfer einen neuen Weg: Entwurmungsmittel. Bilharziose ist eine der am weitesten verbreiteten Krankheiten der Welt, 1,5 Milliarden Menschen sind mit den Würmern infiziert. Die Parasiten können Kinder so sehr schwächen, dass sie in der Schule fehlen. Als Folge der Entwurmungsmittel, schreibt MacAskill, sanken die Fehlzeiten dramatisch, und die Kinder kamen nicht nur öfter zur Schule, sie konnten dem Unterricht auch besser folgen. Sie bekamen bessere Noten und am Ende auch bessere Jobs. Für MacAskill ist das ein Paradebeispiel für Effektiven Altruismus: weil hier Daten und Informationen dazu beitragen, Hilfe effektiver zu machen.

2007 gründeten zwei Hedgefonds-Analysten aus den USA »Give Well«, eine gemeinnützige Organisation, die zu einer Art Informationsbüro für Effektive Altruisten geworden ist. Give Well bewertet Hilfs- und Wohltätigkeitsorganisationen hinsichtlich ihrer Effektivität. Mitarbeiter erstellen dafür detaillierte Fallstudien, beispielsweise über die »Against Malaria Foundation«: Die Organisation verteilt in Afrika, Asien und Lateinamerika Moskitonetze, die mit Insektiziden behandelt sind und im Schnitt fünf bis acht Dollar kosten. Laut Give Well senken sie die Kindersterblichkeit und die Zahl der Malariainfektionen deutlich. Auf dieses Ergebnis kam Give Well, indem die Organisation die Lebensdauer der Netze mit der Wirkung der Insektizide verrechnet und die Bevölkerungsstruktur einbezogen hat, dazu die Kosten, die Kindersterblichkeit und die Zahl der bereits existierenden Netze. Am Ende einer langen Excel-Liste gibt Give Well an, dass die Against Malaria Foundation für etwa 3340 Dollar ein Menschenleben rette und damit so günstig wie kaum eine andere.

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