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aus Heft 04/2016 Das Beste aus aller Welt

Beschränkter Übergang

Von Axel Hacke  Illustration: Dirk Schmidt

Das Internet erleichtert den Zugang zu Wissen ungemein. Leider beschleunigt es zurzeit auch die Ausbreitung der Dummheit. Unser Kolumnist hätte dafür eine gute Lösung.

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Die Pocken sind ausgerottet, die großen Pest-Epidemien sind Geschichte, Ebola ist in Afrika so gut wie besiegt. Nun bedroht eine neue Seuche die Menschheit: Dummheit.

Das Schwierige an der Dummheit ist, dass man sie nicht leicht erkennt. Sie macht keinen Ausschlag, es zerfaulen keine Körperteile, man hustet nicht, bekommt kein Kopfweh. Woran erkennt man Dummheit? Am Nichtwissen?

Nehmen wir David Ortega aus dem Dschungelcamp (das ist der junge Mann, der kürzlich die wirklich interessante These vertrat, die Dinosaurier seien ausgestorben, »weil sie Scheiße gebaut haben«): David wusste, als die Rede auf Johnny Cash kam, nicht, wer das war. Er versuchte in seiner Ratlosigkeit, sich die Person so zu erklären: »Johnny ist ein lustiger Name, und Cash ist Dinero. Also ein Mann, der Geld gemacht hat.«

Macht nichts, David Ortega! Übrigens: David ist zum Beispiel kein lustiger Name, er ist hebräischen Ursprungs und bedeutet auch: »Liebling Gottes«. Und jetzt, David, pass gut auf: Weißt Du, wer Gott ist? Es ist Johnny Cash, und wenn Du Glück hast, wirst Du eines Tages vor ihn treten dürfen, und er wird The Man Comes Around für Dich singen, und Gunter Gabriel wird zu seinen Füßen liegen und mitbrummen, und alles wird gut sein. Nein, den Dummen erkennt man nicht daran, dass er nichts weiß, jedenfalls ist das nicht die ganze Wahrheit. Das Hauptkennzeichen des Dummen ist: Er will auch nichts wissen! Das heißt, er könnte etwas wissen, aber er weist dieses Wissen zurück. Er meidet es. Denn er hält sich für so klug, dass er glaubt, Wissen nicht zu benötigen.

In diesem Sinn ist der dümmste Mensch des Planeten Donald Trump, ein Mensch, der so reich ist, dass er sich nicht nur ein Abonnement einer guten Tageszeitung leisten könnte, sondern gleich die Tageszeitung selbst. Trotzdem hält er Paris für eine deutsche Stadt, nur als Beispiel jetzt.

Aber wer würde von Trump reden, jubelten ihm nicht so viele Menschen zu, dass er sich ernsthaft um die amerikanische Präsidentschaft bewerben könnte, Menschen, die ihrerseits ernsthaft nicht nur glauben, sondern fest zu wissen meinen, dass das Universum 10 000 Jahre alt ist. Der amerikanische Autor Charles Simic hat in der New York Review of Books unsere Zeit als Age of Ignorance bezeichnet, das »Zeitalter der Beschränktheit«. Das ist nun wirklich interessant: dass nämlich die Dummheit sich rasend ausbreitet, obwohl – durch das Internet – der Zugang zu jeglicher Art von Wissen so leicht geworden ist wie nie.

Das Verrückte ist aber, dass eben das Internet auch der weitaus bedeutendste Verbreitungsweg der Dummheit ist, ja, die derzeit grassierende Dummheits-Epidemie ist überhaupt nur via Internet so riesengroß geworden. Denn das internationale Computernetz ist voll von Nichtwissenwollenden, einige Klicks reichen, um auf Menschen zu treffen, die auf die »Lügenpresse« schimpfen und die, wenn sie einem Zeitungs- oder Rundfunkreporter begegnen, schreien, er solle verschwinden. Die aber gleichzeitig selbst unaufhörlich Lügen verbreiten, ja, sich an der Lüge berauschen, und so gelangt der Dumme viel schneller als einst in jenen Taumel der Selbstgewissheit, der ihn recht eigentlich kennzeichnet und ihm das Gefühl gibt, das ihm am allerwichtigsten ist: nicht allein zu sein.

Der Spiegel konnte das sehr schön am Beispiel des sogenannten »Ziegenmords von Lostau« belegen, der zunächst auf der Facebook-Seite des stellvertretenden Sprechers der AfD in Wuppertal auftauchte: Flüchtlinge hätten die Ziegen im Streichelzoo von Lostau in Sachsen-Anhalt »geschlachtet und am Lagerfeuer verzehrt«. Zügig verbreitete sich die Geschichte im Netz, wütend wurde sie von vielen kommentiert, die sich einen Dreck um deren Wahrheitsgehalt scherten. Denn: In Lostau gibt es keinen Streichelzoo. Die Geschichte war frei erfunden.

Diese Tatsache aber erfährt der Dumme nie. Er müsste dazu, zum Beispiel, den Spiegel lesen. Das aber tut er nicht, denn, wie gesagt: Der Dumme könnte wissen. Aber er will es nicht.

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Von Axel Hacke

möchte betonen, dass das Universum nicht 10 000 Jahre alt ist, sondern wesentlich älter: Johnny Cash hat es mit den Worten »I fell into a burning ring of fire« bereits vor rund 13,8 Milliarden Jahren erschaffen.