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SZ-Diskothek 04. März 2016

»Das hätte meinem Vater gefallen«

Interview: Johannes Waechter  Foto: Rozette Rago

Dhani Harrison, Sohn von George Harrison, im Interview über eine neue Tribut-CD, die wahre Natur seines Vaters und den größten Schatz in dessen unveröffentlichten Aufnahmen.

Dhani Harrison beim GeorgeFest zusammen mit Brandon Flowers (links).
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Dhani Harrison, die neue Doppel-CD GeorgeFest dokumentiert ein Konzert in Los Angeles im Februar 2015, bei dem ein Haufen jüngerer Musiker die Songs Ihres Vaters gespielt hat, Leute wie Brandon Flowers, Butch Walker und Ben Harper. Wer von denen kannte sich am besten mit der Musik von George Harrison aus?

Hm, interessante Frage. Wayne Coyne und Stephen Drozd von den Flaming Lips sind sicherlich Experten für seine psychedelische Seite und haben beim Konzert eine abgefahrene Version von »It's All Too Much« präsentiert, einem Beatles-Song, der noch nie live gespielt worden war. Auch die Version von »My Sweet Lord« von Brian Wilson und Al Jardine ist fantastisch. Aber mir fällt es schwer, da jemand hervorzuheben - alle hatten ihre Hausaufgaben gemacht.

Unter lauter jüngeren Musikern war Brian Wilson an dem Abend der einzige Zeitgenosse Ihres Vaters, der auf der Bühne stand. Wie kam es dazu?
Ich glaube, er wäre gern schon beim Concert For George im Jahr 2002 dabei gewesen. Ich weiß, dass er ein großer Fan der Love-Show [in Las Vegas] ist, und natürlich gab es eine Menge Liebe zwischen ihm und meinem Dad, wie überhaupt zwischen den Beatles und Beach Boys. Weil wir so eine diverse Gruppe von Leuten waren, war es kein Problem für ihn mitzumachen. Und wir Jüngeren haben uns natürlich geehrt gefühlt, er ist schließlich ein großer Held von uns allen. Ich konnte es zuerst kaum glauben, als er anrief und sagte, dass er mitmachen wolle. Das war einer dieser Tage wo man einfach nur denkt ... wow!

Ich finde Norah Jones' Version von »Something« herausragend. Könnte das vielleicht damit zusammenhängen, dass Norah Ihren Vater, anders als die anderen Musiker, tatsächlich kannte? Schließlich waren George Harrison und ihr Vater Ravi Shankar enge Freunde.
Ja, vielleicht. Unsere Familien sind tatsächlich sehr eng miteinander. Beim Concert For George ist Norahs Halbschwester Anoushka mit den Schülern von Ravi Shankar aufgetreten und hat die klassische indische Musik gespielt, die mein Vater so liebte - das war mindblowing. Das hätte beim GeorgeFest nicht gepasst, der Abend war als Clubshow konzipiert. Aber Norah ist großartig, schon bei ihrem Fernsehauftritt ein paar Tage vorher war ich den Tränen nahe. Wie ich es überhaupt toll fand, sie wiederzutreffen, wir sehen uns leider nur, wenn wir zur gleichen Zeit irgendwo auftreten.

Neben GeorgeFest haben Sie sich in den vergangenen Jahren intensiv mit den Solo-Alben Ihres Vaters beschäftigt und diese in zwei aufwändigen Boxen wieder zugänglich gemacht.
Ja, eine ziemlich lange Zeit standen keine Platten meines Vaters in den Läden. Kurz bevor er starb hat er selbst damit angefangen, seine alten Platten zu remastern. Wir haben zusammen daran gearbeitet, wie auch am Album Brainwashed, das ich dann nach seinem Tod zusammen mit Jeff Lynne fertig gestellt habe. Jetzt gibt es die beiden Boxen The Apple Years und The Dark Horse Years, aber es war ein komplizierter Prozess, all diese unterschiedlichen Aufnahmen auf denselben Standard zu bringen. Ich habe das zusammen mit Paul Hicks gemacht, der schon der Katalog der Beatles und die Musik der Love-Show neu gemastert hat

Was war für Sie persönlich die größte Entdeckung?
Oh, es gibt so viele interessante Outtakes und Alternativ-Versionen. Zum Beispiel vom Beatles-Song »The Inner Light« [veröffentlicht als B-Seite von »Lady Madonna«]. Die Backing Tracks dafür hat mein Vater mit indischen Musikern in Bombay aufgenommen, zur selben Zeit wie sein Album Wonderwall. Man ist dabei, wie sie den Song zusammen erarbeiten. Indische Musik wird ja generell nicht notiert, sondern mündlich weitergegeben, und man kann hören, wie mein Vater den Musikern erklärt, was ihm vorschwebt. Davon gibt es mehrere verschiedene Takes – noch ohne Gesang und Mitwirkung der anderen Beatles.

Es muss toll sein, beim Remastern so tief in so schöne Musik einzutauchen.
Einerseits schon. Andererseits ist es auch ein undankbarer Job: Wenn es den Fans nicht gefällt, werden sie dir die Schuld geben. Aber wenn sich alles richtig anhört, hat man nur das gemacht, was man tun sollte.

Wird es noch weitere George-Harrison-Wiederveröffentlichungen geben?
Ja, im Laufe des Jahres kommt noch ein Vinyl-Boxset mit seinen Soloalben heraus, aber das war es dann auch. Ich glaube nicht, dass man in Zukunft da nochmal ran muss. Ich denke, wir haben jetzt ein gutes Level erreicht.

Im Booklet der CD haben Sie über die Songs geschrieben, diese würden einiges über die »true nature« Ihres Vaters verrraten. Was war denn seine wahre Natur?
Was ich da gemeint habe, ist ein bisschen schwer zu beschreiben. Nehmen Sie zum Beispiel »Taxman«. Der Song ist rebellisch, wütend, aber auch ein bisschen zynisch und sarkastisch, und ich habe all das in der Version der Cold War Kids wiedergefunden. Ich glaube, dass sie erfasst haben, wie mein Vater sich gefühlt hat, als er den Song geschrieben hat, und so seiner »true nature« nahe gekommen sind. Genauso Butch Walker, der »Any Road« in einer Punk-Version gespielt hat. Das hätte meinem Vater gefallen, habe ich gedacht.

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Johannes Waechter

Seit Anfang 2009 untersucht Johannes Waechter in seinem Musikblog den großen Zusammenhang zwischen vergangener und aktueller Musik, inspiriert von Bob Dylans Worten: »It's always good to know what went down before you, because if you know the past, you can control the future.« Dafür hat er über 100 Interviews mit Künstlern wie Lady Gaga, Willie Nelson, Patti Smith, Ry Cooder, Bryan Ferry, Mavis Staples und Marianne Faithfull geführt - alle älteren Texte aus dem Blog finden Sie hier.

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