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aus Heft 10/2016 Musik

»Ich bin kein fröhlicher Mensch«

Interview: Gabriela Herpell  Foto: Keystone/dpa/picture alliance

Die Künstlerin Laurie Anderson im Interview über ihren Klavier spielenden Hund, den Tod ihres Mannes Lou Reed und ein Telegramm mit ungewöhnlichem Inhalt, das ihr John F. Kennedy einst schickte.

Laurie Anderson war stets auf zarte Weise radikal: Beeinflusst von Künstlern wie Brian Eno, Philip Glass, William Burroughs verquickte sie Musik, Bilder, Sprache, Geräusche zu ihrem eigenen Ausdruck.
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SZ-Magazin: Zu Beginn Ihres Films Heart of a Dog gebären Sie im Traum einen Hund. Man stellt sich auf einen surrealistischen Film ein. Dann wird er eher autobiografisch. Warum diese erste Szene?
Laurie Anderson: Sie haben es schon gesagt: Die ersten zwei, drei Minuten eines Films, eines Konzerts, die ersten Seiten eines Buchs entscheiden darüber, was die Leute weiter von diesem Werk erwarten. Wenn sie Folkmusik hören, eine Gitarre, eine Mundharmonika dazu, erwarten sie Folkmusik. Wenn sie nach 45 Minuten eine Oper zu hören bekommen, sind sie verstört. Das nutze ich. Der Anfang ist für mich ein Joker. Ich kann danach machen, was ich will.

Der Film ist ein Doku-Essay: Sie reihen Bilder und Filmausschnitte lose aneinander, Sie erzählen aus Ihrem Leben und denken laut nach, dazu Ihre Musik.
Ich hoffe, dass es ein Film über Fragen geworden ist. Was ist Liebe? Wo gehst du hin? Was willst du?

Der Hund war ja wirklich Ihr Hund. Welche Rolle spielt er für Sie?
Mich hat seine Perspektive interessiert. Außerdem hat meine Arbeit immer ein zentrales Thema – Empathie. Das ist das größte Talent von Hunden: Sie sind außerordentlich empathisch. Sie wissen genau, was der Mensch in welcher Situation braucht. Wenn es dir guttut, rollen sie sich neben dir zusammen. Wenn du herumtanzt, tanzen sie mit dir herum. Hunde lieben uns.

Wir lieben sie auch, fast undifferenziert: Wir kaufen einen Hund, zwei Tage später lieben wir ihn.
Der Mensch ist so veranlagt, dass er für andere sorgen möchte. Sich kümmern. Das ist tief in uns drin. Und machen wir uns nichts vor: Wir stellen den Hunden das Futter hin, also müssen sie uns gefallen. Ich denke oft darüber nach, wie es andersherum wäre: Hunde würden uns zu essen geben, und wir müssten ihnen gefallen. Was wir da für Tricks anwenden würden. Aber das ist ja auch eine Form von Liebe. Ich habe Lolabelle geliebt.

Lolabelle ist gestorben, auch das erfährt man im Film. Haben Sie einen neuen Hund?
Ja. Will. Er ist klein und braun. Er malt nicht und spielt auch nicht Klavier. Er findet Bälle besser.

Es wirkt schon ein bisschen abgefahren, dass Sie Lolabelle beigebracht haben, Klavier zu spielen, finden Sie nicht?
Ich hatte nicht vor, einen Zirkushund aus ihr zu machen. Doch als sie blind wurde, verunsicherte sie das, sie war unglücklich. Sie fühlte sich nicht mehr gebraucht. Die Musik hat ihr einen neuen Lebensinhalt gegeben. Sie spürte, dass sie die Leute damit unterhielt. Sie bekam Applaus. Musik hat ihr das Leben gerettet. Vögel singen ihre Partner herbei. Komponisten und Popstars machen Musik, um Frauen kennenzulernen. Musik ist Kontakt.

War Lolabelle Ihr Hund oder der Ihres Mannes?
Sie war eher auf mich bezogen. Aber sie war unser beider Hund. Wir haben versucht, sie überallhin mitzunehmen. Sie liebte die Bühne. Wenn vor einem Konzert all die Menschen auf der Bühne herumwuselten, Kabel verlegten, Licht aufbauten, Soundcheck machten, war sie glücklich. Das war ihre kleine Herde, sie passte auf sie auf.

Ihr Mann, der Musiker Lou Reed, starb 2013. Er kommt im Film nicht vor. Aber es ist ein Film über die Liebe. Über Beziehungen. Und über Verlust.
Es ist kein Film über ihn. Aber Lou hat das letzte Wort. Mit seiner Musik. Das Lied Turning Time Around handelt von Zeit und Liebe. Was sie gemeinsam haben, was nicht, wie sie sich gegenseitig beeinflussen. Das passte. Und es ist so ein schöner Song! Lou war immer in meine Arbeit involviert. Als Musiker und als Kritiker.

Richtig, dass er oft zu Ihnen sagte, mach’s nicht zu kompliziert?
Ja. Lou hat die Dinge beim Namen genannt. Er hat über die komplexesten Dinge in aller Einfachheit geschrieben. Man musste da nichts decodieren. Er wollte nicht clever sein, sondern erhellend.

Sie beide waren in den Achtzigerjahren ziemlich erfolgreich. Wie vertraut waren Sie mit der Arbeit des anderen, bevor Sie sich kennenlernten?
Ich glaube, er kannte mehr von mir als ich von ihm.

Sie wohnten nicht weit voneinander entfernt in New York.
Zwei Blocks auseinander. Aber New York ist unterteilt in die verschiedensten Szenen, die Modeszene, die Musikszene, die Literaturszene. Wir waren beide in der Musikszene, aber die teilt sich wieder in Mikroszenen auf. Ich gehörte eher in die Mikroszene Kunstmusik, er in die Mikroszene Rockmusik. Natürlich gab es Überschneidungen, die Kunstrockmusik.

Aber Sie haben sich nicht in den Achtzigern in New York, sondern 1992 in München kennengelernt.
Auf einem Musikfestival, ja. John Zorn spielte zum ersten Mal seine Komposition Kristallnacht. Normalerweise lernt man die anderen Musiker auf solchen Veranstaltungen nicht kennen. Aber weil John, der selbst Musiker ist, es organisiert hat, wollte er, dass alle einander kennenlernten und miteinander musizierten. So sind wir uns begegnet. Wir mochten uns gleich.

Sie waren Mitte vierzig, Lou Reed war fünfzig Jahre alt. Würden Sie heute sagen, dass Sie da erst bereit füreinander waren?
Wie kommen Sie darauf? Wer entscheidet das? Meinen Sie, dass unsere Begegnung vorbestimmt war? Dass es Schicksal war? Ich glaube nicht daran. Ich glaube, Dinge ereignen sich, weil eine Kombination aus menschlichem Willen und Zufall sie herbeiführt. Du fliegst in ein anderes Land zu einem Festival, weil du dort spielen möchtest. Ich verfolge meine Ziele. Daran ist nichts vorherbestimmt.

Aber Sie glauben an den Zufall?
Ja. Man kann in einem Haus sein mit jemandem, den man dreißig Jahre nicht gesehen hat und den man wirklich gern wiederträfe, aber er ist im Raum nebenan, und man verpasst sich. Ist das Vorsehung? Spricht man dann von Schicksal? Na- türlich nicht. Man spricht von einer verpassten Chance. Das Leben ist voller verpasster Gelegenheiten. Auch davon handelt mein Film.

Ihre Mutter ist im Film ein wichtiges Thema. Als Sie von ihrem Tod erfuhren, wurde Ihnen klar, dass Sie sie nie geliebt haben. Hat Sie das selbst schockiert?
Es ist ein Tabu. Man spricht das nicht aus. Es wird als das Natürlichste der Welt betrachtet, dass Mütter ihre Kinder lieben und Kinder ihre Mütter. Aber wie oft ist es so? Wenn ich mir nur die Reaktionen auf den Film ansehe, scheint es oft nicht der Fall zu sein. Ich habe von vielen Töchtern gehört, dass sie sich ihr ganzes Leben damit herumgeschlagen haben, ihre Mütter nicht lieben zu können. Dass sie es aber nie sagen konnten. Männer stehen nicht so unter diesem Druck.

Wie kommen Sie darauf?
Söhne können weggehen. Jeder sagt, klar, er braucht seine Freiheit. Und wenn ein Vater seinen Sohn nicht liebt, ist das nicht schön, aber wir haben das tausendfach gehört. Es ist kein Tabu, es kommt vor. Aber Töchter, die ihre Mütter nicht lieben? Mütter, die ihre Töchter nicht lieben? Ist nicht vorgesehen.

Hat es für Sie etwas verändert, das im Film ausgesprochen zu haben?
Ich bin immer froh, wenn ich die Wahrheit artikulieren kann. Das bewirkt etwas. Ich habe es, als es einmal ausgesprochen war, besser akzeptieren können. Meine Mutter hat mich auch nicht geliebt. Sie konnte nicht lieben. Und das war plötzlich in Ordnung so. Ich habe mich an all die Dinge erinnert, die ich von ihr gelernt habe. Bücher zu lieben zum Beispiel.

Sie hat acht Kinder bekommen und nicht lieben können?
Sie ist von ihrer Mutter auch nicht geliebt worden. Sie wusste nicht, wie man liebt. Sie war eine hervorragende Schülerin, sehr klug, sehr tüchtig. Sie vermisste die Liebe nicht, sie gehörte gar nicht zu ihrem Vokabular. Sie war fröhlich. Mein Vater liebte mich. So konnte ich wenigstens irgendwann lieben.

In den Siebzigerjahren zeigten Sie in New York Ihre ersten Performances. Seitdem sind Sie immer Avantgarde gewesen, schräg, einen Schritt voraus, assoziativ, verklausuliert. Sie machten elektronische Musik, als es noch keine gab, und erfanden Ihr eigenes Instrument, den Viophonografen. Wer hat Sie inspiriert?
Samuel Beckett. Jack Kennedy. Ihn habe ich wirklich bewundert. Ich habe ihm Briefe geschrieben, als er Senator war und für das Amt des Präsidenten kandidierte. Es liefen die Vorwahlen in Wisconsin, 1960. Ich schrieb, lieber Senator Kennedy, ich finde großartig, wie Sie Ihren Wahlkampf führen. Ich kandidiere auch für die Präsidentschaft, für die Schülervertretung. Haben Sie einen Rat für mich? Er schrieb einen langen Brief zurück. Einer seiner Punkte war: Verbringe Zeit mit den Schülern, finde heraus, was sie wollen, und versprich es ihnen. Zwei Monate später schrieb ich zurück, vielen Dank für Ihren Brief, ich habe meine Wahl gewonnen, meine besten Wünsche für Ihre Wahl. Er schickte mir ein Telegramm mit Glückwünschen und zwölf roten Rosen. Das war am nächsten Tag die Titelzeile der Lokalzeitung, und alle Frauen schwärmten davon, wie romantisch Jack Kennedy war.

Hat er die Vorwahlen in Wisconsin gewonnen?
Hat er. Er kommt im Film vor. Ich erzähle, dass ich meine Rückenprobleme nicht mehr so schlimm fand, weil auch er welche hatte.

Sie lagen als Kind zwei Jahre mit kaputtem Rücken im Krankenhaus. Sie waren vom Sprungbrett im Schwimmbad gesprungen, um Ihre Geschwister zu beeindrucken, und auf dem Beton gelandet.
Ich erzähle diese Geschichte im Film, weil sie zu denen gehört, die man immer von sich erzählt, um zu erklären, wie man so als Kind war. Eines Tages wurde mir klar, dass ich, obwohl ich längst erwachsen war, immer noch die Kinderversion dieser Geschichte erzählte. Die Zeit verändert Dinge, die Zeit verändert dich, deine Identität. Sie sollte sich auch darauf auswirken, wie man Geschichten erzählt.

Und was ist die Erwachsenenversion der Geschichte?
Im Krankenhaus haben sie alle Kinder, die irgendwelche Verletzungen hatten, in ein Zimmer gesteckt. Wir lagen da und hörten nachts die Schreie von Kindern, die an Brandverletzungen starben. Diesen Teil der Geschichte habe ich nie erzählt, weil ich damals nicht sagen konnte: Wir liegen hier in einem Zimmer mit sterbenden Kindern. Das macht mir Angst. Dafür habe ich immer den Teil erzählt, dass die Ärzte mir sagten, ich würde nie wieder laufen können, und dass ich sie doof fand und ihnen das nicht glaubte.

Eine andere aufwühlende Geschichte aus Ihrer Kindheit: Ihre Zwillingsbrüder ertrinken fast.
Mein Bruder schickte mir Filme aus unserer Kindheit. Winterlandschaften. Ich mit Schlittschuhen auf einem zugefrorenen See. Da erinnerte ich mich daran, wie ich auf Schlittschuhen den Buggy mit meinen kleinen Zwillingsbrüdern übers Eis schob. Dann brach der Buggy ein, die Zwillinge versanken. Diese Geschichte gehörte nicht in mein Repertoire.

Aber sie ist fast unglaublich. Wie schafft es ein Kind, zwei Babys aus dem eiskalten Wasser zu retten?
Ich war schuld daran, dass sie einbrachen. Ich war verantwortlich für sie. Ich wusste, dass ich nicht ohne sie nach Hause kommen konnte. Da wäre ich lieber tot gewesen. Als ich mit ihnen nach Hause zurückkehrte, rechnete ich damit, dass meine Mutter fragen würde, was hast du dir denn dabei gedacht? Aber sie sagte: Was für eine gute Schwimmerin du bist! Sie war gut zu mir.

Haben Sie sich in dem Moment von ihr geliebt gefühlt?
Ich würde es nicht Liebe nennen. Es war Respekt. Anerkennung. Das kommt der Liebe schon ziemlich nah. Es gibt ja Millionen Formen von Liebe.

Nach dem Tod Ihres Mannes hielten Sie eine Rede, in der Sie sagten, dass er Ihr bester Freund war und der Mensch, den Sie am meisten bewunderten. Aber man solle nicht um die Toten weinen. Warum nicht?
Das Tibetische Totenbuch verbietet es zu weinen. Man weint um sich selbst. Man soll sich aber auf den Menschen konzentrieren, der gegangen ist. Er muss durch den Bardo hindurch, eine Art Zwischenzustand zwischen Tod und Wiedergeburt, der 49 Tage dauert. Wenn man weint, hält man ihn zurück. Man muss ihn gehen lassen, ihm Energie für den Übergang zukommen lassen.

Nach 49 Tagen darf man weinen?
Wenn man dann noch möchte. Aber wenn man sich so lang auf den anderen konzentriert hat, muss man oft gar nicht mehr für sich selbst trauern. Für die Tibeter ist Trauer nichts Positives. Sie sagen, man soll versuchen, Trauer zu empfinden ohne traurig zu sein.

Klingt kompliziert.
Ist sehr schwierig. Aber ein gutes Training. Es gibt ja wirklich genügend traurige Dinge, die sich jeden Tag ereignen. Wenn du versuchst, sie wegzuschieben, kommen sie zu dir. Aber wenn du akzeptierst, dass es sie gibt, und sie dich nicht zu einem traurigen Menschen machen, dann kannst du eine gute Zeit haben. Und darum bist du hier: um eine sehr, sehr, sehr, sehr gute Zeit zu haben. Nicht um zu leiden und für deine Sünden oder die eines anderen zu bezahlen. Du bist hier, um Freude zu haben. Das ist nicht naiv. Die Tibeter glauben nicht, dass die Welt schön ist. Auch dem Buddhismus zufolge ist das Leben als Allererstes Leiden. Aber es nützt nichts, traurig darüber zu sein. Mach das Beste draus, das ist die Aufgabe. Besonders weil die Buddhisten an die Wiedergeburt glauben, wie ich auch.

Und können Sie den Tod Ihres Mannes traurig finden, ohne traurig zu sein?
Wie viele gute Jahre möchten Sie denn haben? Nichts hält ewig. Ich bin sehr dankbar, diese 21 Jahre gehabt zu haben. Es hätte mir auch nicht passieren können. Ich habe geliebt. Ich bin von Natur aus kein fröhlicher Mensch, sondern eher düster. Wie viele andere auch versuche ich, meiner dunklen Seite mit Ironie, mit Humor, mit Fröhlichkeit zu begegnen. Man ist ja auch immer das Gegenteil dessen, was man ist.

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Gabriela Herpell

war Mitte der Siebzigerjahre nicht progressiv genug, um Laurie Anderson zu kennen. Sie hörte damals fast nur eine Platte: »Transformer« von Lou Reed. Wenn sie einschlief, während die Musik noch lief, knackte der Plattenspieler die ganze Nacht.

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