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Gesellschaft/Leben 10. März 2016

Wie meine Nachbarin 70 Kilo abgenommen hat

Von Renate Meinhof  Foto: Claudia Klein

»Wie wird man bitte in so kurzer Zeit so viel dünner?«, fragte sich unsere Autorin. Also klingelte sie einfach mal bei Claudia. Die Geschichte einer Halbierung.


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Wir haben eine Heldin im Haus, sie heißt Claudia und ist Friseurin im eigenen Salon. Gerade macht sie Spagat, oben, auf dem schmalen Kaminsims im Flur des Vorderhauses. »Toll!«, raunt zärtlich die Fotografin des SZ-Magazins, »super bist du! Weißt du das? Super.«

Im Oktober 2014 war es, da konnte Claudia Mey kaum mehr atmen. Im Dezember beschloss sie abzunehmen. Sie wog 138 Kilogramm. Eine Masse, die sie sich angegessen hatte, seitdem sie 14 war. Näherte Claudia Mey sich der schweren, hölzernen Schwingtür, die die Briefkastenreihe im Vorderhaus von der Hoftür trennt, so fürchtete man immer, sie könnte steckenbleiben.

Jetzt ist sie 45 und wiegt die Hälfte, nämlich siebzig Kilogramm. Sie hat sich in 14 Monaten halbiert. Neulich kommt ein Kunde in ihren Salon, lange war er nicht da. Claudia Mey hilft ihm aus dem Mantel, führt ihn zum Waschbecken. »Na ja«, sagt der Mann und lehnt sich zurück, »ist schon in Ordnung, wenn Sie mich schneiden, ich hatte zwar einen Termin bei der Claudia gemacht, aber ...« - »Aber ich bin doch die Claudia«, hat sie geantwortet, hat gelacht, schallend: »Claudia Mey, das bin ich!«

Wenn Claudia Mey darüber spricht, wie sie vor ihrem Entschluss gegessen hat, benutzt sie martialische Worte: reinkolben, hinterkiemen, den Bauch volldonnern, sich vollkloppen. Sie sagt: »Essen war wie eine Sucht, jedenfalls nichts, was irgendwie mit Genuss zu tun hatte.« Schon als Kind wird sie zur Abmagerungskur geschickt, mit 15, vergeblich. Jahrzehntelang trägt sie nur Kaftans. »Ich hab tausendmal probiert abzunehmen, ich hab alle Diäten durch, wirklich alles. Aber es hat nie so klick gemacht.

Im August 2012 starb ihr Bruder, an einem Herzinfarkt, an Hirnschlägen. Uwe, er war Maler und Lackierer. Sie hatten einander gern. »Schwesterchen«, so hat er sie manchmal genannt. Als Claudia Mey zwei Jahre nach seinem Ende eines Nachts im Bett lag und nicht schlafen konnte, da hatte sie plötzlich Todesangst. »Ich wusste, dass ich nicht lange leben würde, wenn ich nicht abnehme. Da habe ich überlegt: Mensch, Claudia, du hängst doch an deinem Leben. Ich habe jahrelang nur verdrängt, man verdrängt ja alles. Ich habe immer Ausreden gehabt, warum ich so viel essen muss.«

Geht sie ins Fitnessstudio? »Nein, gar nicht. Ich habe mir ganz leichte Übungen gegoogelt, die mache ich abends auf dem Bett, nichts, was die Gelenke irgendwie belastet. Das tut mir gut.«

Früher hatte sie Größe 58, heute Größe 38. Wenn man ihr zuhört, denkt man: Vielleicht sollten Sie jetzt Coach werden, Ernährungsberaterin.

»Nee, nee, ich bleibe schön Friseurin.«

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