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aus Heft 11/2016 Liebe & Partnerschaft

Die Urlaubsreifeprüfung

Von Yvonne Eisenring und Sascha Chaimowicz (Text + Fotos) 

Mann lernt Frau kennen, Mann kommt Frau näher, Mann fährt mit Frau in den Urlaub – so läuft es meistens. Was passiert, wenn man die Reihenfolge umdreht? Bei dieser Sofort-Pärchenreise wurden zwei Fremde zu … ja, was genau? Ein Experiment.

SIE hät es gut mit ihm im Flugzeug aus, weil ER sich im Gespräch wirklich bemüht.


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Er:
Passkontrolle am Flughafen Tampa, Florida. Der Grenzpolizist fragt: »In welchem Verhältnis stehen Sie zueinander?« Wir schweigen. Yvonne setzt offenbar darauf, dass die Frage verschwindet, wenn wir still sind. Ich antworte: »Wir sind Freunde.« Der Polizist reicht uns kommentarlos die Pässe.

Meine Freunde haben vor dieser Reise nicht verstanden, was ich da mache. Warum reise ich mit einer fremden Frau in den Urlaub? Gerade ich. Die meiste Zeit der vergangenen Jahre war ich Single. Ich genieße es, allein zu sein. Ich wohne in einer wunderschönen 1,5-Zimmer-Wohnung in der Münchner Innenstadt. Jeden Sonntag gehe ich allein ins Kino um die Ecke, ohne absprechen zu müssen, welchen Film ich sehen will. Aber das heißt nicht, dass ich nicht gern eine Beziehung führen würde. Ich bin 31. Mein Problem: Ich finde die entsprechende Person nicht. Ich gehe regelmäßig auf Dates. In Bars, auf Konzerte, in Restaurants. Dort erzählt man sich dann, was man arbeitet, dass man gern Tennis spielt, wie witzig man die US-Komikerin Amy Schumer findet. Zwei Abende später führt man die gleiche Show vor einer anderen Person auf.

Die Reise mit Yvonne soll ein Gegenentwurf sein. Ein Experiment. Was, wenn wir so tun, als wäre die Suche abgeschlossen? Wenn wir das, was eigentlich erst nach Monaten und Jahren kommt – tagelang beieinander sein, am Strand Sonnenuntergängen entgegenlaufen – rigoros vorziehen? Florida schien uns das perfekte Reiseziel. Pärchenparadies. Weiße Sandstrände, Palmen, dreißig Grad, kaum Ablenkung.

ER liebt ausgiebiges Frühstück - zum Glück isst auch SIE gern gut.


Sie: Wir heben ab. Ich sitze fest. Sascha links von mir. Würden meine Freunde meinen Typ definieren, würden sie einen Mann wie Sascha beschreiben. (Ich streite ab, dass ich einen Typ habe.) Er gefiel mir auch, als wir uns zum ersten Mal sahen. Kennengelernt haben wir uns vor drei Monaten, wir verstanden uns, damals in der Bar, wir tranken und lachten, es war ein gutes erstes Date, sogar ein sehr gutes. Dann folgte: nichts. Sascha lebt in München, ich in Zürich. Wir hatten zu tun. Irgendwas hat man ja immer zu tun. Und dann fragte er, ob wir zusammen Urlaub machen wollen. Ich sagte zu. Weil ich die Idee lustig fand. Und weil ich es spannend fand, etwas zu wagen.

Er: Mein erster Eindruck, als wir uns am Flughafen treffen: krasser Auftritt. Sie wirkt gar nicht nervös. Die roten Locken. Enge Jeans, braune Lederjacke, Stiefel mit Absätzen. Ihr aufrechter, langsamer Gang. Zu ihr passt der Song These Boots Are Made For Walking von Nancy Sinatra. Ihr ernster Fotomodel-Blick. Wie sie den Kopf in den Nacken zurückwirft, wenn sie laut lacht.

Sie: Fast elf Stunden sitzen wir Bein an Bein. So lange dauert der Direktflug von Zürich nach Tampa. Es dauert nicht lange, und wir reden über Sex. Kein außergewöhnliches Thema für ein zweites Date. Ungewohnt ist, wie wir darüber reden. Es ist, als wollten wir austesten, wie weit wir gehen, wie unverschämt wir fragen können. Wir sprechen über Tabus im Bett und darüber, ob man über das eigene Sexleben schreiben würde. Ich schüttle den Kopf. Habe ich noch nie gemacht. Werde ich auch nie. Auch nicht in diesem Artikel. Das ist mir zu intim. Ich hoffe, Sascha sieht das ähnlich. Er nickt.

Zum Glück war meine Sorge, wir könnten schon nach kurzer Zeit nichts mehr zu reden wissen, unbegründet. Sascha hat zu jedem Thema eine Meinung oder eine Geschichte, er ist einer dieser Menschen, die Dinge erzählen, die absurd sind, diese aber so erzählen, als wären sie völlig normal, was das Ganze noch absurder macht. Ich bekomme manchmal keine Luft mehr, weil ich so lachen muss. Dann werde ich rot. Das ist peinlich. Wären wir jetzt in einer schummrigen Bar, sähe man das nicht. Aber es ist hell. Ich kann nichts verstecken, sehe dafür aber Dinge, die mir sonst nie auffallen würden: Auf der Hand hat Sascha ein Muttermal, das aussieht wie ein Glückskäfer, der zum Zeigefinger krabbelt. Er ist Linkshänder. Seine Schrift ist krumm. Sein hellblaues Hemd ist nicht oder schlecht gebügelt.

ER geht gern am Strand spazieren, SIE kann mit Spaziergängen nichts anfangen.


Er: Wenn Yvonne mit der Stewardess ihr charmantes Schweizerdeutsch spricht, verstehe ich sie nicht einmal. Yvonne sagt, dass sie große Lust habe, in Florida Achterbahn fahren zu gehen. Ich gebe zu, dass ich mich in meinem Leben noch nie auf eine Achterbahn getraut habe. Sie erwähnt, dass sie es unerträglich findet, ganze Tage am Strand zu verbringen. Ich habe mir extra Bücher für den Strand eingepackt. Sie steht auf Campen in der Natur, ich erzähle, dass ich mal ohnmächtig geworden bin, als eine Spinne von der Decke ins Waschbecken vor mir fiel.

Ich glaube, dass man in Beziehungen nicht nur auf den Partner, sondern auch auf seine eigene Rolle innerhalb der Partnerschaft stehen muss, damit sie gelingt. Neben Yvonne komme ich mir nach einer Stunde wie Woody Allen vor, witzig, aber auch schrullig. Ich frage mich, was in Yvonnes Kopf vorgeht. Denn ich weiß, dass ich während dreistündiger Bar-Verabredungen wie der, die wir hatten, in der Lage bin, einen eher draufgängerischen Eindruck zu machen. Ist ja auch nicht schwer: selbstbewusst pseudomännliche Drinks bestellen (Old Fashioned), von Bergwanderungen erzählen (auch wenn es in Wahrheit nur eine in fünf Jahren war). Ist sie jetzt schon enttäuscht? Aber es hilft ja nichts, ihr etwas vorzumachen. Ich werde mich nicht tagelang verstellen können.

Sie: Sascha schaut Harry und Sally und lacht bei der Orgasmusszene. Ich überlege, wann ich zuletzt mit einem Mann ferngesehen habe. Es ist eine Weile her. Ich finde schön, meine Fernbedienung nicht teilen zu müssen. Ich bin auch nicht wirklich auf der Suche nach einer Beziehung. Was ich will, ist dieses Gefühl. Ich will konstant im Kreis hüpfen und Céline-Dion-Lieder singen. Ich will mich verlieben. Nur passiert das nicht. Ich bin ausgesprochen gut darin, einen Grund zu finden, warum ein Mann nicht zu mir passt. Bis jetzt habe ich an Sascha nichts gefunden, was mich stört. Aber wir sind ja noch in der Luft.

Er: Ankunft im »Sandpearl Resort« in Clearwater, dem Hotel für unsere ersten beiden Nächte: vier Sterne, gewienerte Steinböden, Calypso-Sound im Hintergrund, Flamingo-Gemälde an cremefarbenen Wänden, mehrere Restaurants, Cocktailbars, eigener Strand. Für heute und morgen haben wir zwei Zimmer gebucht.

Horizonterweiternd: Zwei Menschen trauen sich den zweiten Schritt vorm ersten zu.


Sie: Mein Zimmer ist riesig. Auch mein Bad und die Terrasse sind riesig. Der Teppich ist weich, überall stehen Lampen und Sessel. Ich verteile meine Kleider und Schuhe im ganzen Raum, ich bin so viel Platz nicht gewohnt.

Er: Yvonne öffnet ihre Zimmertür, sie trägt ein blaues Kleid. Sieht großartig aus. Sie möchte raus zum Strand. Ich habe irre Hunger, bin leicht genervt, sage aber nichts. Wir ziehen die Schuhe aus. Warmer Sand, Palmen, das leise Meeresrauschen, kein Mensch in der Nähe. Jetzt küssen? Ich merke: Mir ist das zu kitschig. Zu romantisch. Es geht nicht.

Zehn Uhr am Abend, Hotelbar. Yvonne bestellt Prosecco, ich betrinke mich mit Chardonnay. Dazu ein Burger. Ich könnte mich danach sofort ins Bett fallen lassen. Aber das ist der erste Abend, das kann ich nicht bringen. Wir gehen zurück an den Strand. Entdecken eine Hängematte. Das Betrunkensein nimmt dem Kitsch seine Wucht. Wir legen uns hinein, umgeben von Palmen. Und knutschen. Aha. Unkomplizierter als gedacht. Es ist kurz vor zwölf. Ich schlafe in der Hängematte ein, Yvonne auch. Um halb zwei wache ich auf, wecke sie, wir gehen auf die Zimmer.

Sie: Beim Frühstück diskutieren wir über getrennte Schlafzimmer. Sascha ist dafür, ich bin dagegen. Mein Argument: Ich schlafe besser, wenn ich nicht allein bin. Ich finde auch gemeinsam wohnen gut. Sascha ist anderer Meinung. Das Einzige, was für eine gemeinsame Wohnung spreche, sei die Miete, die geteilt werden kann. Zwei Schlafzimmer seien sowieso ein Muss. Schrecklich, diese Einstellung! Egal, was ich sage, er hat ein Gegenargument. Andere würde das vielleicht aufregen. Aber ich finde das gut. Ich finde das sogar sehr gut.

SIE kriegt von Fremden viele Komplimente für ihre Haare. ER hält sich damit zurück.


Er: Angenehm: Sie isst gern. Wir bestellen zum Frühstück Eggs Benedict und Pancakes. Ich könnte nicht mit einer Frau zusammen sein, die in Restaurants nur in Salaten herumstochert. Yvonne geht nach dem Frühstück ins Zimmer zum Duschen. Ich warte im Innenhof des Hotels. Als sie wiederkommt, schlage ich vor, am Strand spazieren zu gehen. Findet sie merkwürdig. Wie kann man darauf keine Lust haben?

Sie: Es ist zwölf Uhr. Schlimmste Mittagshitze. Ich habe sicher schon einen Sonnenbrand auf den Schultern. Ich konnte ja nicht wissen, dass »Wollen wir kurz ins Meer hüpfen, bevor wir losgehen?« heißt, dass wir endlos den Strand rauf und runter spazieren. Klar, der Sand fühlt sich gut an unter den Füßen. Aber dieses Spazieren? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt spazieren gegangen bin. Sascha sagt, er spaziere oft und ausgiebig. Er treffe sich auch mit Freunden zum Spazieren. Es ist so uncool, dass es wieder gut ist.

Er: Sie fährt gern Auto. Wenn wir das als Gemeinsamkeit nicht hätten, wäre es hart. Offene Fenster, Fahrtwind, Florida riecht nach Pinienwald und Sumpf. Es zieht das Amerika an uns vorbei, das ich aus Serien und Filmen kenne. Mittagspause in einem Fischrestaurant mit Wellblechdach: Wir essen Crab Cakes (Frikadellen aus Krebsfleisch) und Calamari, sie trinkt einen Longdrink mit Wodka, ich einen Mojito aus einem Plastikbecher. Das Trink- und Essverhalten nennt Yvonne unsere »Insel der Gemeinsamkeit«. Auf dem Weg zum Auto überlege ich, wie es wäre, den Arm um sie zu legen. Ich glaube, ganz gut. Ich lasse es sein, ich weiß nicht, warum.

Sie: Abends im Restaurant, von unserem Tisch aus sieht man den Strand und den Mond, es ist angenehm warm, und von irgendwoher kommt Musik. Wären wir im Film, stünden jetzt verliebte Blicke und zufällige Berührungen im Drehbuch. Mir käme das hier völlig deplatziert vor. Mir wird klar: Ich habe kein Gespür für diese Art von Romantik. Aber Sascha kann ebenfalls nichts mit klassischer Romantik anfangen. Das macht uns zu Verbündeten. Wir spielen »romantisch sein« und amüsieren uns dabei. Nach dem Essen setzen wir uns in die Hotelbar und schauen den tanzenden Leuten zu. Sascha ist absolut fasziniert von der Szene. Ich bin fasziniert, dass er so fasziniert ist.

SIE fragt sich, ob er sie eigentlich attraktiv findet - ER sagt dazu so wenig.


Er: Zwei ältere weiße Herren legen Hip-Hop-Hits auf. In Da Club von 50 Cent, Mama Said Knock You Out von LL Cool J. Die Refrains singen die beiden selbst. Vor ihnen tanzen Familien, Eltern, Jugendliche. Super Szene. Wir gehen wieder raus zum Strand, Mitternacht, Weißweingläser in der Hand. In Boxershorts springe ich ins Meer, Yvonne kommt nach.

Zurück im Hotelzimmer, notiere ich vor dem Schlafen: »Momentaner Gefühlszustand: Betrunken habe ich Lust, mit ihr zu knutschen. Ansonsten finde ich sie unglaublich angenehm.«

Sie: Wir sind im »Waffle House« in St. Pete Beach. Ich komme von der Toilette zurück. Sascha schaut mich verwirrt an. Unsere Frühstücksrechnung ist bezahlt worden. Von anderen Gästen, die schon gegangen sind. Ich finde es sehr nett, Sascha fühlt sich davon überfordert. Wir legen 20 Dollar Trinkgeld auf den Tisch und gehen. Draußen merkt er, dass er den Autoschlüssel liegengelassen hat. Aber er könne da jetzt nicht mehr rein. Die Kellner könnten denken, er wolle das Trinkgeld wieder an sich nehmen. Ich müsse den Schlüssel holen. Das meint er völlig ernst.

Da ist er sonst so selbstbewusst, und dann bringt ihn eine beglichene Rechnung aus dem Konzept! Es stört mich nicht. Im Gegenteil, es rührt mich. Vor allem auch, weil ich dabei sein darf, wenn die Maske fällt. Das erzeugt ein – für ein zweites Date völlig atypisches – Gefühl von Nähe.

Er: Aus der Woody-Allen-Falle komme ich nicht richtig raus. Sie ist die Abenteuerlustige, ich wirke im Vergleich kontrolliert bis neurotisch. Nach dem Besuch im »Waffle House« gehen wir Kajakfahren. Wir setzen uns in dieses wackelige gelbe Plastikboot, und mir wird schwindelig, weil ich glaube, wir kippen jeden Moment in den alligatorfarbenen Sumpf. Und Yvonne? Lacht. Ich glaube, beim gewöhnlichen Kennenlernen fände ich diese Rolle unmöglich. Ich versuche, wenn ich Frauen treffe, stark zu wirken. Interessanterweise stört mich das ungewohnte Rollenverhältnis auf dieser Reise wenig. Hier scheint mir alles weniger aufgesetzt. Entspannter. Bei normalen Dates geht es stärker um die eigene Leistung: Ich liefere zwei, drei Stunden eine möglichst charmante Version von mir ab und erhalte dafür bestenfalls positives Feedback. Eine Whatsapp-Nachricht zum Beispiel, in der steht, wie schön der Abend gewesen sei. Auf dieser Reise aber verfolge ich keine Agenda. Das Experiment ist so dominant und gleichzeitig so merkwürdig, dass wir beide schlichtweg versuchen, uns möglichst normal zu verhalten.

Wir fahren die Westküste Floridas entlang nach Naples. Die Fahrt dauert drei Stunden. Ich denke darüber nach, wie verschieden wir sind. Überzeichne ich die Unterschiede, weil ich mich aus dem Verhältnis wieder ausklinken will? Wenn ich darüber nachdenke, hat sich dieser Selbstschutzmechanismus bei mir schon öfter gezeigt. Ich frage mich selten, was mir an einem potenziellen Partner gefällt, sondern eher, was mich nervt. Wahrscheinlich ist das typisch für die moderne Dating-Welt: Man bewahrt sich intuitiv davor, sich emotional an eine Person zu binden. Bloß unabhängig bleiben. Unverletzbar sein. Das gelingt wohl besonders gut, wenn zwischen zwei Verabredungen mehrere Tage oder sogar Wochen liegen. Das ist oft die Zeit, in der wir – bewusst oder unbewusst – Gefühle herunterkühlen, unsere Souveränität wiederherstellen. Wenn man sich aber, wie wir, die ganze Zeit sieht, fällt es viel schwerer, sich dem Sog der anderen Person zu entziehen. Das merke ich, wenn ich sie ab und zu vom Fahrersitz aus von der Seite anschaue. Ich finde sie schön, aber nicht nur auf diese »Du siehst hot aus in dem Kleid«-Art.

Drei Pancakes später beginnt SIE über ihr Verständnis von Liebe nachzudenken.


Sie: Wir sitzen im Auto, und ich überlege, was Sascha von mir hält. Findet er mich spannend? Lustig? Oder einfach nett? Ich weiß es nicht. Er macht praktisch keine Komplimente. Ich weiß nicht einmal, ob er mich schön findet. Im Normalfall würde ich das Interesse an der Art messen, wie ein Mann schreibt, wie oft er sich meldet, wie schnell er mich wiedersehen will. Wenn aber die SMS nur lautet »Treffen wir uns in zehn Minuten in der Lobby?«, dann entfallen diese Signale.

Er: Wie vereinbart: die erste Nacht im gemeinsamen Hotelzimmer. Yvonne bittet mich, die Vorhänge zuzuziehen. Mache ich sonst nie. Die Lichter von draußen stören mich nicht. Den Fernseher, den ich eingeschaltet habe, soll ich bitte auch ausmachen. Ein Zimmer zusammen finde ich weniger einengend, als ich dachte. Eigentlich ganz schön. Und ein gemeinsames Zimmer hat natürlich Vorteile. Welche, darüber schweige ich, denn Yvonne hat auf dem Hinflug betont, dass sie niemals schreiben würde, was bei ihr im Bett passiert. Sie wird es dann auch nicht lesen wollen, schätze ich. Für mich ist auf jeden Fall klar, dass ich ihr morgen vorschlagen werde, wieder nur ein Zimmer zu nehmen.

Sie: Ich schleiche mich schon am Morgen um acht aus dem Zimmer – barfuß, weil ich meine Schuhe nicht finde und das Licht nicht anmachen will. Ich will Sascha nicht wecken. Im selben Zimmer zu sein stört mich nicht. Mir ist auch egal, wenn mich Sascha ungeschminkt sieht. Was mir fehlt, ist Zeit. Ich setze mich in der Lobby auf einen großen Sessel. Ich will auf Pause drücken. Das Erlebte ordnen. Das Gesagte analysieren. Dann kommt Sascha und setzt sich zu mir. Ich stehe auf. Ich sage, ich gehe mich anziehen, dann können wir los. Im Zimmer lege ich mich aufs Bett. Dann dusche ich lange und schminke mich langsam. Ich bügle sogar mein Kleid. Ich versuche, Zeit zu schinden. Aber ich kann jetzt nicht schon wieder zurück. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Sascha wartet.

Er: Yvonne entschuldigt sich dafür, dass sie heute Morgen so lange gebraucht hat. Ich mag Menschen, die zu spät kommen, sie entlasten mich. Sonst bin ich oft derjenige, auf den andere warten.

Dreißig Grad in den Straßen von Old Naples, wir laufen zum Meer. Yvonne möchte nicht rein. Wir schwitzen. Zum ersten Mal ärgere ich mich richtig. Ein Streit würde aber nur damit enden, dass ich allein ins Wasser gehe und sie beim Parkplatz wartet. Wir steigen einfach ins Auto und fahren Richtung Tampa. Mir fällt auf, dass ich mich noch nie während eines Dates gestritten habe. Warum auch? Die zwei Stunden hält man notfalls auch mit Ärger im Bauch durch. Und danach sieht man sich eben nie wieder.

Sie: Wir sitzen in der »Tapas Lounge« in Tampa, ich habe zu viel getrunken und bin anhänglich. Ich will meinen Barhocker näher zu Sascha rücken und verliere dabei fast das Gleichgewicht. Sascha hält mich, damit ich nicht runterfalle. Das gefällt mir. Ich finde schön, von ihm gehalten zu werden. Ich bin das Gegenteil von heute Morgen. Sascha hat nicht gefragt, als ich nach mehr als einer Stunde zurück in die Lobby kam, warum ich so lange brauchte. Ich weiß nicht, ob er bewusst geschwiegen hat. Jedenfalls war es richtig, denn das Gefühl, dass mir alles zu viel ist, ging im Laufe des Tages wieder weg.

Er: Ich habe zu viel getrunken, wir wanken nach nebenan in ein Restaurant namens »Anise«. Als ich von der Toilette zurückkomme, sagt Yvonne, sie habe jedes zweite Gericht auf der Karte bestellt. Ich muss lachen, weil sie mir das so ernst erzählt, als handle es sich um einen besonders raffinierten Kniff. Ich umarme sie. Der Kellner bringt Chicken Wings, einen Wrap, ein Stück knuspriges Hühnerfilet auf einer süßen Waffel. Die Gerichte machen den Eindruck, als wären die Mitarbeiter in der Küche so betrunken wie wir.

Sie: Wir reden über uns. Zum ersten Mal sagen wir, was wir aneinander mögen. Wie wir über den anderen denken. Ich erfahre, dass ich ein schönes »Resting Face« habe (was das ist, muss ich noch googeln), dass ich falsch zu Liedern summe und dass mich Sascha gut findet. So generell. Das wusste ich nicht. Es hätte mich nicht überrascht, wenn Sascha gesagt hätte, dass er mich mag, wie man halt eine nette Bürokollegin mag. Ich glaube, weil wir so viel Zeit miteinander verbringen und gemeinsam Entscheidungen treffen müssen, nehmen wir dem Kennenlernen die Anspannung. Hoffen, Warten, Bangen fallen weg. Wir freunden uns fast gezwungenermaßen an. Ich fühle mich Sascha näher als vielen anderen Männern, die ich länger kenne und öfter getroffen habe. Er ist mir vertraut: wie er redet, wie er lacht, wie er sich bewegt. Ich würde behaupten, ihn allein an seinem Gang zu erkennen. Leichte Rücklage, wippend, ungehetzt und trotzdem schnell. Ich kenne auch Angewohnheiten, von denen ich glaube, dass nicht viele Frauen sie je kennengelernt haben: Sascha lässt während des Zähneputzens den Wasserhahn laufen. Er stellt sofort den Fernseher an, wenn er ein Hotelzimmer betritt. Und lässt nachts das Fenster oder die Terrassentür weit offen.

Auf dem Rückflug: ER findet, man sollte möglichst früh zusammen verreisen.


Er: Im Hotelzimmer in Tampa, ich mache eine letzte Bemerkung zum gemeinsamen Wohnen: Warum sind die Wände von Hotelbadezimmern immer häufiger aus Glas? In welchem Beziehungszustand muss man sich befinden, um seinem Mann vom Bett aus beim Zähneputzen zusehen zu wollen? Ich verstehe das nicht.

Sie: Vergnügungsparks gehören zur primitivsten Art, sich zu vergnügen. Alles quietscht, alles glitzert – ich liebe sie. Wir sind am Tag unserer Heimreise im Busch Gardens Park in Tampa. Ich würde gern mit jeder Bahn fahren. Sascha nicht. Er hasst zwei Dinge: Spinnen und Achterbahnen. Trotzdem steht er mit mir an. Bei gefühlten vierzig Grad. Obwohl er sich ja gar nicht traut, mitzufahren. Müsste ich jemandem erklären, warum ich Sascha einen der tollsten Männer finde, die ich in den vergangenen Jahren kennengelernt habe, und dürfte nur einen Satz sagen, wäre es vielleicht dieser: Er wartet sechzig Minuten mit mir, damit ich zwei Minuten durch die Luft fliegen kann.

Er: Wir sind im Auto auf dem Weg zum Flughafen. Wenn Yvonne, wie so oft, gute Laune hat, summt sie auf erstaunlich schiefe Art zu schrecklichen Radio-Popsongs. Ich höre ihr dabei gern zu. Ich habe mich oft gefragt, was dazu führt, dass Menschen sich verlieben. Vielleicht ist es genau dieses Zeug, das man auf Dates verborgen hält. Diese kleinen Eigenheiten. Ich verstehe zum ersten Mal: Es geht um das, was passiert, wenn Menschen sich unbeobachtet fühlen. Empfinde ich das, was ich dann sehe, als rührend – oder stößt es mich ab? Unsere Reise macht solche Schrullen sichtbar, und zwar schon nach kurzer Zeit. Bin ich nun verliebt? Oder auf dem Weg dorthin? Ich schwanke. Mal kommt Yvonne mir wie eine gute alte Freundin vor. Und ein, zwei Stunden später fühle ich mich zu ihr hingezogen, als wäre ich verknallt. Was ich schon sagen kann: Über die Tage werden die einzelnen Hingezogenheits-Momente mehr.

Fünf Tage sind vergangen, und ich möchte meinen Single-Freunden zu Hause raten, es mir nachzumachen. Okay, natürlich kann man nicht jedes Mal in den Urlaub fahren, wenn man jemanden kennenlernt und interessant findet. Doch gleich zu Beginn viel gemeinsame Zeit verbringen, das ist machbar. Nach ein paar Tagen weiß man: Man will entweder einfach nur weg. Oder eben nicht.

Sie: Wir landen in Zürich. Ich weiß nicht, wie ich mich verabschieden, was ich sagen soll. Sascha wirkt auch unbeholfen. Wie macht man weiter, wenn man als zweites Date im Urlaub war? Folgt als drittes Date, dass man bei Ikea Möbel für die gemeinsame Wohnung aussucht? Oder war es das jetzt? Von null auf hundert und doch nicht weitergekommen?

Während ich allein auf die Straßenbahn warte, bekomme ich eine Whatsapp-Nachricht. Eine Freundin will wissen, wie es war, ob ich mich verliebt habe. Ich lege das Smartphone in die Tasche zurück. Bin ich verliebt? Ich glaube: Nein. Mir ist nicht schwindelig vor Aufregung, ich will keine Céline-Dion-Lieder singen. Aber ich könnte mich in Sascha verlieben. Ich weiß, wie er ist, ich finde, er ist großartig. Im Gegensatz zu anderen Männern kann ich bei ihm nichts hineininterpretieren. Ich wüsste, wenn ich mich verliebe, warum ich mich verliebe. Aber große Gefühle entstehen, jedenfalls bei mir, erst mit der Zeit. Ich brauche Abstand, um zu wissen, ob ich Nähe will. Mir fällt unser Gespräch vom Rückflug ein. Sascha fragte mich, was mich am meisten genervt hat. Nach langem Überlegen war meine Antwort: Einmal lief der Fernseher noch, als ich schlafen wollte. Wie banal! Fünf Tage Zeit und nichts, was mich richtig nervt. Ich nehme mein Handy und tippe: Wenn ich keinen Grund finde, zu gehen, ist das dann der Grund, zu bleiben?
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Yvonne Eisenring und Sascha Chaimoiwicz

Nach der Reise schickten die Autoren einander ihre Texte per Mail - und drückten zeitgleich auf »Senden«, damit keiner einen Wissensvorsprung hatte. Ob die beiden nun ein Paar werden? Mal sehen, vielleicht druckt das SZ-Magazin ja in einem Jahr eine Fortsetzung. Oder auch nicht.