Sexuell aufgeladen

An der Energiewende wird oft kritisiert, die Politik sei hier nicht nah genug an den Menschen, das sei alles nicht handfest genug, nicht an den Bedürfnissen der Verbraucherinnen und Verbraucher orientiert. Wie es anders geht, demonstriert der amerikanische Multimedia-Konzern Pornhub.com. Die Porno-Firma steigt ins Energie-Geschäft ein: Derzeit testen sie in der Beta-Phase das so genannte »Wankband«, zu Deutsch etwa: »Masturbationsgeschmeide«.

Es handelt sich um ein Armband, in dem sich ein kleiner Generator befindet. Er erzeugt durch die bei der Selbstbefriedigung gängigen Handbewegungen Strom, indem er mechanische in elektrische Energie umwandelt (die Hersteller weisen darauf hin, dass das Gerät sich nicht in erster Linie an Männer richtet, sondern absolut unisex ist). Da das »Wankband« über einen USB-Ausgang verfügt, kann man mit Hilfe des in Handarbeit erzeugten Stroms ein Telefon oder Tablett aufladen. So geht volksnahe erneuerbare Energie! Nie wieder eine Steckdose suchen, nie wieder im Kollegenkreis nach dem passenden Ladekabel fragen. Stattdessen: »Mist, mein Akku ist leer. Könnt ihr mich kurz alleine lassen?«

Leider gibt es noch keine genauen Daten über die Leistungsfähigkeit des Geräts, aber orientiert an anderen Akkus, die sich durch die Umwandlung von Bewegungsenergie selbst aufladen, ist eine Schätzung möglich. Beim ähnlich konstruierten »Ampy« etwa muss man eine halbe Stunde Joggen, um drei Stunden sein Smartphone betreiben zu können. Da das »Wankband« etwa ein Drittel kleiner ist und beim so genannten Taschenbillard schätzungsweise etwa halb so viel Bewegungsenergie anfällt wie beim Joggen, käme man auf ein Verhältnis von mindestens eins zu eins: eine Stunde Selbstbefriedigung also gleich eine Stunde Smartphonebetrieb.

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Hiermit wäre die perfekte Symmetrie der Bedürfnisbefriedigung erreicht: Da bereits fast die Hälfte der Pornografie über Mobilgeräte konsumiert wird, macht sich also der Pornokonsument, der sich im Besitz eines »Wankbands« befindet, unabhängig von allen anderen Energiequellen: den Akku aufladen, um das zu tun, womit man ihn aufgeladen hat. Der Nutzer (oder die Nutzerin) wird energetisch gesehen so zum Idealbild des emanzipierten Verbrauchers, der den Begriff Nachhaltigkeit wieder und wieder und wieder und wieder mit neuem Leben füllt. Seit Menschengedenken gilt das Perpetuum Mobile aufgrund des Energieerhaltungssatzes als ein Ding der Unmöglichkeit. Die Thermodynamik wäre nun durch die Pornodynamik widerlegt: der mit einem »Wankband« ausgestattete Konsument kann ohne weitere Energiezufuhr ewig in Bewegung bzw. Erregung bleiben.

Die Hersteller des »Wankbands« sprechen davon, man könnte »dirty energy« gewinnen, indem man tut, was man liebt. Endlich, so malt es ihr Werbevideo aus, könnte man dafür sorgen, dass sich auch der arbeitslose Mitbewohner nützlich macht und seinen Teil zum Haushalt beiträgt, und wenn man künftig beim Pornokonsum gestört wird, sollte man doch einfach sagen, man sei gerade dabei, die Stromrechnung zu senken.

Die Atomkraftwerkbetreiber verklagen gerade den Bund, weil sie wegen des Atomausstiegs Schadenersatz verlangen. Wo kämen wir denn da hin, so ihre Argumentation, sie hätten doch noch viel länger Geld verdienen wollen mit Atomstrom und Atomstromsubventionen. Falls das »Wankband« sich durchsetzt, technisch noch effizienter wird, und der Stromgewinn nicht immer gleich wieder durch Bildschirmbetrieb verbraucht wird, drohen weitere Klagen aller anderen Kraftwerksbetreiber. Dies müssen wir in Kauf nehmen. Denn ein Land, in dem Millionen und Abermillionen von Selbstversorgerinnen und Selbstversorgern den überschüssigen selbst erarbeiteten Strom ins Netz einspeisen, wird nicht nur ein entspannteres Land sein, sondern eins, in dem die letzte Stufe der Energiewende endlich vollzogen ist: von den fossilen zu den erektilen Brennstoffen. Und wenn nachfolgende Generationen uns fragen werden, wie wir das geschafft haben, die Welt retten und uns zu befreien von allen Energiediktaten, dann können wir mit Fug und Recht sagen: Ach, das haben wir aus dem Handgelenk geschüttelt.

Illustration: Sammy Slabbinck