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Sport 23. April 2016

Schuhtopie

Von Nataly Bleuel  Foto: laensch / photocase.de

Zwölf Jahre lang joggte unsere Autorin drei Mal die Woche in den gleichen Laufschuhen. Nun sind sie kaputt. Als sie sich auf die Suche nach Ersatz machte, entdeckte sie den Sport von einer ganz anderen Seite. 

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Ich musste mir neue Laufschuhe kaufen und wenn man den Satz so hinschreibt, klingt das ganz einfach. Ich hab aber jetzt schon Schiss vor den spöttischen Kommentaren. Und mit mir gehadert, ob ich wirklich damit an die Öffentlichkeit gehen soll. Laufen ist nämlich gar nicht einfach, man läuft nicht einfach so los. Wie ich. Ich laufe jetzt seit zwölf Jahren drei Mal die Woche immer die exakt gleiche Runde durch den Park. Ich habe meine Strecke nie verändert, das Tempo auch nicht und Aerob-Anaerob-Messer und alle anderen Hilfsmittel verweigert. Ich laufe um mich zu bewegen und mal allein zu sein, wegen der flatternden Blätter in den Bäumen und weil es mir zumindest in dieser Hinsicht gefällt, absolut redundant zu sein.

Also trage ich seit zwölf Jahren die gleiche Jacke, das gleiche Shirt und die gleichen Schuhe. Jetzt hatten sie ein Loch. Das versetzte mich in Panik. Schon an der Kasse im Supermarkt. Denn da stehen zur Zeit, die Saison beginnt, vier Zeitschriften im Ständer, die sich mit Laufen beschäftigen: Runners, Running, Condition und ein dickes Heft, das sich ausschließlich mit Laufschuhen befasst. So was macht mir Angst. Ich blockiere nämlich, wenn ich eine zu große Auswahl habe. Zu groß heißt: mehr als zwei. Doch barfuß wollte ich nicht mehr laufen. Ich habe das mal getan, mit so Zehen-Schuhen. Es war ein geiles Freiheitsgefühl und ich habe mich für sehr crazy gehalten. Denn in diesen Zehen-Dingern sieht man aus wie ein Hobbit. Und alle drehen sich nach einem um. Weil man nicht läuft, sondern patscht.

Und dann stehe ich in einem großen Sportgeschäft, vor der Wand mit hunderten von Schuhen. Ich kenne diese Wände gut, ich musste in Barcelona, Marseille und sogar in München mit meinen Söhnen zu einer solchen Wand pilgern. Denn das sind keine Schuhe, die da ausgestellt werden. Sondern Ikonen. In herkömmliche Kirchen gehen wir nie. Ich kann dem Verkäufer nicht mal sagen, wie die Marke heißt, die ich zwölf Jahre lang getragen habe und sage: »Die klang irgendwie japanisch.« Ob ich über den Ballen oder die Ferse abrolle? »Keine Ahnung.« Ob ich sonst irgendwelche Probleme hätte, am Knie oder so? »Nö.« Welche Laufschuhgröße ich habe? Ich denke, oh je, und stottere: »Also in echt 37.« Und komme mir vor wie Leute, die zur Buchhändlerin sagen: »Ich hätte gern dieses Buch, hab jetzt aber grad den Namen des Autors vergessen  - und der Titel, wie ging der noch?«

Der Verkäufer schweigt. Mein Blick irrt über die riesige Schuhwand und ich denke, »Mist, es ist mir sogar die Farbe egal.« Und dass mir der arme Verkäufer leid tut. Der ist Experten gewöhnt, die jeden Schuh beim Namen kennen, so wie meine Söhne. Die kennen den Fußballschuh von Messi, den von Ronaldo und sogar den von Alex Oxlade-Chamberlain. Und jetzt steht hier so ne wirre Alte, leicht dement, und weiß nicht mal ihre Laufschuhgröße und sagt, als er mit drei (!) Kartons kommt: »Hatte ich Achtunddreißigeinhalb gesagt?«  

Ich bin mir ganz sicher, dass Sie als Leser wussten, dass man Laufschuhe anderthalb Größen größer trägt. Weil die Zehen sonst vorne anschlagen und kaputt gehen. Der Verkäufer sagt, er erkenne das beim Marathon sofort: »Die humpelten nicht ins Ziel, weil sie erschöpft sind, sondern weil die Schuhe zu klein sind.« Als er meinen erschreckten Blick sieht, fragt er, wie viele Kilometer ich denn so die Woche laufe? Da packe ich ganz schnell ein Paar Schuhe - sie fühlen sich ganz gut an, die beiden anderen aber auch - und nehme einfach die schwarzen. Weil die sicher auch meinen Söhnen gefallen, besser als die pinken. Und flüstere im Weggehen: »Keine Ahnung, ich lauf halt einfach los.«
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