Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 20/2016 Gesellschaft/Leben

Sätze, die plötzlich

Von Till Krause  Illustration: Serge Bloch

Viele Menschen formulieren ihre Gedanken nicht mehr zu Ende. Unser Autor findet: Eine Sprache, die mit wenigen Worten auskommt, hat umso mehr Charme.



Anzeige
Es gibt Sätze, die normal anfangen, aber dann plötzlich. Das könnte einen ärgern, bloß. Denn irgendwie versteht man trotzdem, was derjenige. Also ist es vielleicht gar kein? Dieser Text könnte ewig so weitergehen, allerdings.

Sprache ist wandelbar. Seit Jahrtausenden ändert sie ihre Form, findet Begriffe für neue Dinge, passt sich dem Zeitgeist an. Vielleicht ist so zu erklären, dass in letzter Zeit viele meiner Freunde beim Beenden ihrer Sätze mit Worten so sparsam umgehen, als hätte sich der Buchstabenpreis auf dem Weltmarkt verdoppelt.

So entstehen Sätze wie dieser, den ein Bekannter neulich twitterte: »Ich fahre morgen nach Rom, weil: herrlich«. Ein anderer schrieb auf Facebook unter den Fotos einer Geburtstagsparty: »Wollte auch kommen, aber Netflix.« Meine Großmutter verstünde diesen Satz vermutlich gar nicht, der bedeutet: »Das Angebot an jederzeit abrufbaren Fernsehserien im Internet hielt mich leider davon ab, an diesem Abend mit euch zu feiern, liebe Freunde.«

Gelesen habe ich diese Stummelsätze auffallend oft von Menschen, die eine Anbiederung an das längst in der Popkultur angekommene »Isch-geh-Bahnhof«-Migrantendeutsch so peinlich finden wie ich. Trotzdem scheint ein Wettbewerb entstanden zu sein, wer Sprache am radikalsten auf ihre Minimalbestandteile reduzieren kann. Im Bus höre ich immer wieder Sätze wie: »Er dann so: Haha. Und ich so: Na ja.« Man versteht, was gemeint ist. Aber geht es bei Sprache ums reine Verstehen? Sprachpuristen könnten fragen: Wäre das nicht so, als würde man Essen ausschließlich danach beurteilen, ob es den Hunger stillt?

Die Linguistik-Professorin Mathilde Hennig von der Universität Gießen untersucht seit vielen Jahren, wie und warum man auf bestimmte Elemente der Sprache verzichtet. Sie sagt: »Es gehört zum Wesen der Sprache, dass wir nur so viel sagen wie unbedingt nötig.« Das habe es auch schon immer gegeben. Hennig redet von Sprachökonomie, einem Abwerfen von überflüssigem Ballast. Was als Ballast empfunden wird, hängt vom Kontext und der Situation ab. Klar: Wer in einer Münchner Kneipe »Ein Helles!« ruft, meint helles Bier, nicht helle Schlafzimmer oder helle Köpfe. Und kaum einer wird jemandem, der »Heiße Würstchen!« ruft, antworten: »Angenehm, heiße Müller.«

Als Immanuel Kant in seinen Texten vor mehr als 200 Jahren mal auf ein »ich« oder »habe« verzichtete (»Ich habe den Begriff nicht erweitert, sondern ihn aufgelöst«), galt dies noch als Sprachsparerei. Durch Technik wurden Verkürzungen dann rasch populär: Hennig berichtet von Telegramm-Ellipsen, die entstanden, weil für jedes elektrisch übermittelte Wort bezahlt werden musste. Sätze wie »Komme Freitag 17 Uhr« gehörten fortan zum Alltag. Man möchte die Liste um Fußballkommentatoren-Ellipsen ergänzen: »Schürrle, der kommt an, mach ihn, er macht ihn, Mario Götze.« Ein verstümmelter Satz für die Ewigkeit.

Dass man solche Verknappungen vor allem in gesprochener Sprache finde, habe vor allem zwei Gründe, erklärt Mathilde Hennig: Man rede einfach los, ohne erst gründlich die Sätze zu planen. Und man könne in den Gesichtern seiner Gesprächspartner ablesen, wenn sie die Aussage verstanden haben und das Beenden des Satzes eine Zeitverschwendung wäre.

Durch soziale Medien, in denen man eine Mischung aus geschriebener und gesprochener Sprache beobachten kann, wird die Verknappung beschleunigt. Vor allem bei Twitter und Facebook stößt man auf viele fragmentarische Sätze. Und um Aussagen wie »Wollte auch kommen, aber Netflix« zu verstehen, braucht man einen Kontext, in dem viele Menschen ähnliche Vorlieben haben. Genau das ist ein Merkmal von Medien wie Facebook oder Twitter (bei Twitter darf ein Satz ja ohnehin nicht länger sein als 140 Zeichen). Es ist wie beim Telegramm: Sprache passt sich an, erst an die Technik, dann im Alltag.

Das US-Magazin Mental Floss hat sich die Mühe gemacht, in der Sprachdatenbank Corpus of Historical American English nachzuzählen, wie oft geschriebene Sätze mit einem Bindewort wie »jedoch« enden. In den vergangenen hundert Jahren hat sich die Zahl solcher Sätze demnach verdoppelt. Und das ist dann doch eigentlich ganz gut, denn wenn Sprache niemals auf total und völlig überflüssige Wörter verzichten würde, die nur unnötig Platz wegnehmen, dann wäre das ja wohl auf Dauer doch ziemlich anstrengend zu lesen, weil Sätze dadurch unendlich in die Länge gezogen würden, obwohl ihre Bedeutung längst schon allen Leserinnen und Lesern total klar ist, oder nicht?

Anzeige
Till Krause

Die Musik von Tocotronic lässt den Autor eher kalt, aber er bewundert die Band für ihre Albumtitel. Vor allem für Es ist egal, aber.