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aus Heft 26/2016 Die Gewissensfrage

Mein rechter Platz bleibt frei

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Wirkt es unfreundlich, wenn man sich bewusst nicht neben jemanden setzt, sondern lieber einen Platz links und rechts frei lässt?

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»Als ich heute mit einer schweren Erkältung zum Arzt kam, war das Wartezimmer halbvoll. Neben jedem Wartenden war links und rechts ein Platz frei, ich setzte mich auf einen dieser freien Plätze. Als der Herr zu meiner Linken aufgerufen wurde, rutschte ich einen Platz nach links, um freien Platz auf beiden Seiten zu haben. Ist das legitim, oder werte ich damit die anderen Patienten um mich herum ab?« - Dirk C., Augsburg

Sich von jemandem wegzusetzen, beinhaltet eine Aussage. Es bedeutet Mühe, darauf zu achten, ob ein anderer Platz frei wird, aufzustehen, zu diesem Platz zu gehen und sich wieder zu setzen. Offenbar – so die Aussage – ist der Wunsch, mehr Abstand zum bisherigen Nachbarn zu bekommen, groß genug, um diesen Aufwand zu betreiben.

Ob darin eine Abwertung liegt, kommt auf die Motive an. Im Ihrem Fall, der Sie mit einer Erkältung umgeben von einer Virenwolke im Wartezimmer sitzen, möchte ich Sie für das Auf-Abstand-Rutschen mit der Gewissensfragen-Medaille für moralisches Handeln im Alltag auszeichnen. Und säße ich selbst neben Ihnen, würde ich Sie am liebsten dafür umarmen – wäre es nicht in diesem Fall kontraproduktiv.

Aber auch ohne Erkältung würde ich Ihnen als Sitznachbar für Ihr Wegsetzen eine Ehrennadel für rücksichtsvolles Verhalten verleihen. Man empfände es als eigenartig, wenn sich ein neu Eintretender in einem sonst leeren Wartezimmer direkt neben einen setzt. Gleiches gilt für die U-Bahn, eine Gruppe von Parkbänken oder ein Kino. Direkt nebeneinanderzusitzen, führt je nach Sitzabstand zu extremer Nähe bis hin zu unvermeidlicher körperlicher Berührung. Das ist in unserem Kulturkreis unangenehm, und man reagiert darauf, wie der Anthropologe Edward T. Hall beschreibt, mit Abwehrmaßnahmen in Form von Anspannung oder damit, möglichst unbewegt zu bleiben. Deshalb halte ich es, wenn sich etwa eine zuvor volle Bank zur Hälfte leert, für natürlich, auseinanderzurutschen.

Falsch wäre es, mit einem indignierten, gar verächtlichen Blick oder einem Naserümpfen aufzustehen. Macht man es mit einem Lächeln oder sagt: »So haben wir beide mehr Platz«, sollte sich ein verständiger Nachbar nicht abgewertet fühlen, sondern freuen.

Literatur:

Edward T. Hall, The Hidden Dimension, S. 116ff.; deutsch: Die Sprache des Raumes, Pädagogischer Verlag Schwann, Düsseldorf 1976 (Leider nur mehr antiquarisch erhältlich) S. 121ff. Mit diesem Buch begründete Hall die Proxemik, eher bekannt in seiner englischen Form: proxemics. Dieses Fachgebiet untersucht in den Worten Halls die »Handhabung des Raumes seitens der Menschen als eine besondere Ausprägung von Kultur« (Hall 1976, S. 15). Hall unterschied dabei, auch aus körperlichen Funktionen wie Gesichtsfeld und Reichweite heraus, vier Distanzen, die wie Blasen den Menschen umgeben: Die intime Distanz (bis 45 cm), die persönliche Distanz (45 bis 120 cm), die soziale Distanz (120 bis 360 cm) und die öffentliche Distanz (mehr als 360 cm).

Direkt nebeneinander zu sitzen betrifft die intime Distanz (bis 45 cm), was einem bei Fremden eben unangenehm ist. Daraus entsteht ein Konflikt, den Hall am Beispiel öffentlicher Verkehrsmittel so beschreibt:

»Überfüllte Untergrundbahnen und Busse können Fremde in das bringen, was gewöhnlich als intime räumliche Beziehungen klassifiziert wird, aber Passagiere der Untergrundbahnen haben Abwehrmaßnahmen, die die echte Intimität aus dem intimen Raum in öffentlichen Verkehrsmitteln herausheben. Die grundlegende Taktik besteht darin, denkbar unbewegt zu sein und, falls ein Teil des Körpers oder der Extremitäten eine andere Person berührt, sich womöglich zurückzuziehen. Wenn das unmöglich ist, werden die Muskeln an den in Rede stehenden Stellen angespannt gehalten.« (Hall 1976, S. 123)

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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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