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aus Heft 28/2016 Die Gewissensfrage

Ältesten-Rad

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Muss man es in Kauf nehmen, sich bei Radtouren mit dem Vater zu langweilen, weil der nicht mehr so schnell die Berge hochkommt?

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»Seit Kindheitstagen mache ich Radtouren mit meinem Vater. Früher nahm er Rücksicht auf mich und führte mich so ans Mountainbiking heran. Nun bin ich 21 und sehr fit, mein Vater aber hat nicht mehr so viel Zeit für Sport und deshalb weniger Kondition. Muss ich jetzt Rücksicht nehmen und mit ihm einfache Touren fahren, auch wenn ich mich dabei langweile?« Hans A., Kempten


Es gibt eine altbaltische Fabel von einer Krähe, die ihre drei Jungen vor einer Flut in Sicherheit bringen muss. Sie kann aber nur eines tragen. Also fliegt sie mit dem ersten los und fragt es im Flug: Wie wirst du mir das vergelten, was ich jetzt für dich tue? Das Krähenkind antwortet: Ich werde alles für dich tun, wenn du einmal alt bist, und dich retten, wenn Gefahr droht. Keine gute Antwort, sagt die Krähe, lässt das Kind fallen, dreht um und holt das zweite Kind, dem sie dieselbe Frage stellt. Das zweite Junge antwortet wie das erste; wieder lässt die Krähe das Kind fallen. Sie holt das dritte und stellt erneut die Frage. Dieses Junge antwortet: Ich würde das Gleiche für meine Kinder machen, was du jetzt für mich machst, und meine Kinder retten. Das ist eine gute Antwort, sagt die Krähe und bringt das Junge ans rettende Ufer.

Bevor manche von Ihnen, geschätzte Leser, nun einen erbosten Kommentar schicken oder posten – lesen Sie bitte weiter. Ich will mit dieser Geschichte nämlich weder Altenfeindlichkeit noch Undankbarkeit oder Rücksichtslosigkeit propagieren, sondern nur zeigen, dass es im Leben Entwicklungen gibt, die sich auf das Miteinander auswirken. Dazu gehören das Erwachsenwerden und das Älterwerden.

Ihr Vater, werter Herr A., wäre ein schlechter Vater, würde er nicht erkennen, dass sich die Zeiten gewandelt haben, und Sie drängen, jedes Wochenende mit ihm Touren zu fahren, bei denen Sie Rücksicht auf ihn nehmen müssen und sich langweilen. Sie wären jedoch umgekehrt ein schlechter Sohn, wenn Sie nicht weiter mit Ihrem Vater auch Touren führen, die unter Ihren Möglichkeiten liegen. Zudem sollten Sie Ihre Einstellung zum Leben und Ihrer Umgebung prüfen, falls Ihnen eine gemeinsame Tour mit einem Menschen, der Ihnen nahesteht, nichts gibt, nur weil dabei Ihre sportlichen Ansprüche nicht vollständig erfüllt werden.


Literatur:
Die Fabel von der Krähe habe ich dem auch sonst lesenswerten Buch »Vom Töten zum Mord. Das wirklich Böse in der Evolutionsgeschichte« (Hanser Verlag, München, 1989, S. 26) des leider viel zu früh verstorbenen Göttinger Anthropologen Christian Vogel (1933-1993) entnommen.


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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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