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aus Heft 29/2016 Das Beste aus aller Welt

Hände weg vom Steuer

Von Axel Hacke  Illustration: Dirk Schmidt

Es wird viel über den Unfall eines Autos diskutiert, das mit Autopilot unterwegs war. Aber ist es nicht viel gefährlicher, dass viele echte Menschen glauben, wirklich Auto fahren zu können?

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Vor zweieinhalb Monaten hat sich in Florida ein schlimmer Autounfall ereignet. An einer ampelfreien Kreuzung kollidierte ein Sattelschlepper mit einem Personenkraftwagen, das Auto geriet unter den Anhänger. Der Fahrer des Autos kam zu Tode, wobei, pardon, nein, das ist es eben: Er war nicht der Fahrer, nicht ganz jedenfalls, denn es handelte sich bei seinem Wagen um ein »teilautonom fahrendes Auto«, was bedeutet: Das Auto fährt im Prinzip allein, der Mensch muss aber die Hände am Steuer lassen und jederzeit die Kontrolle übernehmen können. Es war das erste Mal, dass ein Mensch in einem solchen Pkw, einem Tesla übrigens, starb.

Über diesen Unfall wird seit Mai weltweit diskutiert: ob es nicht viel zu gefährlich sei, einer Maschine dieser Art die Gewalt über sich selbst und über Menschen zu überlassen; ob die Technik überhaupt schon so weit sei, dergleichen zu erlauben; ob überhaupt jemals die damit zusammenhängenden juristischen Fragen zu klären seien. Und dass doch, sagen viele, allein die Vorstellung sehr unheimlich sei, während des Autofahrens Zeitung zu lesen, Karten zu spielen oder einen Film anzuschauen.

Ich habe dann herausgefunden, dass auf der ganzen Welt Jahr für Jahr 1,25 Millionen Menschen im Straßenverkehr ums Leben kommen. Diese Zahl sei, las ich, seit 2007 gleich geblieben, sodass es, setzt man voraus, dass sich daran auch heuer nichts ändern wird, innerhalb von zehn Jahren 12,5 Millionen Verkehrstote gab, die meisten davon natürlich in den ärmeren Ländern Afrikas. In Deutschland waren es 2015 genau 3459 Tote.
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Davon saß keiner in einem teilautonom fahrenden Auto. Ich stellte mir dann vor, an jenem erwähnten Tag vor zweieinhalb Monaten seien alle diese Menschen auf einmal ums Leben gekommen. Das heißt, man hätte irgendwann nachmittags auf sein Smartphone geblickt und gesehen: 12,5 Millionen Tote! Alle im Straßenverkehr. Ein Land von der Größe Bayerns: menschenleer, ausgestorben. Und von den Verletzten noch gar keine Rede. Die Krankenhäuser: überfüllt, überfordert, am Ende. In den Zeitungen weltweit die Leitartikel mit den großen Fragen: ob es nicht viel zu gefährlich sei, einem Menschen die Gewalt über eine Maschine zu überlassen; ob der Mensch je so weit sein werde, ihm dergleichen zu erlauben; ob nun überhaupt diese Massenkatastrophe juristisch zu klären sein werde. Dieses unfassbare Desaster! Wie man auf die aberwitzige Idee habe kommen können, Menschen könnten Auto fahren! Dagegen sei ja, vergleiche man die Opferzahlen, die Atomkraft offensichtlich kinderleicht zu handhaben.

Auf der Stelle müssten alle Autos der Welt in die Fabriken zurückgerufen werden. Die Leute müssten zu Fuß gehen, Bahn fahren, fliegen, radeln, joggen, kriechen, irgendwas! Aber doch nicht Autos lenken! Dafür sei der Mensch wirklich offensichtlich vollständig ungeeignet, würde es heißen.

Manchmal ist man selbst erstaunt, dass man noch am Leben ist. Mit was für Karren man rumgefahren ist, früher, aus Geldmangel. Und in welchen Zuständen, übermüdet, abgelenkt, und, ähem, unter Alkoholeinfluss. Idiotisch. Man vergisst das. Verdrängt es. Überhaupt ist die größte Leistung des Menschen die Verdrängung. Wenn man mit psychischer Verdrängung Strom erzeugen könnte, bräuchten wir kein einziges Kraftwerk, das wäre die sicherste und ergiebigste Energiequelle überhaupt. Verdrängungsenergie. Man kann ein Massensterben tatsächlich so organisieren, dass man es nicht mehr erlebt, es ist irgendwo, aber nicht mehr in unserem Bewusstsein. Die Leute fürchten sich vor allem Möglichen. Das Tatsächliche sehen sie gar nicht.

Bis auf einen Autounfall in Florida eben. Es gibt allerdings Fachleute, die sagen, schon in fünf Jahren werde man, jedenfalls in Deutschland, ein Auto ohne Autopilot als befremdlich empfinden. Die Entwicklung werde sehr schnell gehen. Ich bin begeistert.


Axel Hacke

Für die Verdrängung von Abgabeterminen hat Axel Hacke im Lauf seines Journalistenlebens schon so viel psychische Energie aufgewendet, dass man damit ein Jahr lang den Strombedarf einer mittelgroßen Kleinstadt decken könnte, inklusive Beheizung des Freibads und nächtlicher Beleuchtung des Kriegerdenkmals.

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