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aus Heft 30/2016 Wirtschaft/Finanzen

Elender Haufen

Von Fritz Zimmermann  Fotos: Janek Stroisch; Illustrationen: Cyop Kaf

Deutschland ist Europas zweitgrößter Wassersünder. Schuld ist die Gülle. Weil viele Bauern nicht mehr wissen, wohin damit, hat sich ein regelrechtes Gülle-Business entwickelt - mit bösen Folgen.

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Was soll er sagen? 27 Jahre macht er diese Arbeit, sein ganzes Berufsleben hat er gekämpft. Und wenn er nun auf das Ergebnis schaut, auf diese Kurve auf seinem Computer, ist das einfach bitter. Wie lange, fragt sich Egon Harms, geht das noch gut?

Er kann nur den Kopf schütteln in seinem schummrigen Büro in der Oldenburger Innenstadt. Draußen, hinter seinem Fenster im Erdgeschoss, hat es mal wieder angefangen zu regnen. Auf einem gigantischen Schreibtisch, der sich im Halbkreis um ihn windet, stehen zwei Bildschirme, die Harms matt ins Gesicht schimmern. Er fährt mit seinem Zeigefinger diese Kurve entlang. Sie zeigt die Nitratbelastung an einer seiner Messstationen. Die Kurve durchläuft ein Tal. Ja, eine Weile hatte er durchaus Hoffnung, die jahrelange mühsame Arbeit schien zu fruchten: Im Wasser war weniger von diesem krebserregenden Salz, dem Nitrat. Doch es war nicht von Dauer, am Ende sind alle Maßnahmen gescheitert. »Wir sind wieder genau dort angekommen, wo wir angefangen haben«, sagt Harms.

Dunkles Jackett, Krawatte, Vollbart, weißes Haar, 57 Jahre. So langsam kommt die Rente in Sicht. Und er war sicher nicht angetreten, um sich vergeblich zu mühen wie Sisyphos, dafür ist der Job zu wichtig. Harms arbeitet für den Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband, kurz OOWV. Der beliefert Haushalte von Vechta bis an die Nordsee, von Cloppenburg bis Oldenburg. Harms ist verantwortlich für Wasserqualität und Ressourcenschutz. Und will er an diesem Tag erklären, was ihn dabei am meisten beschäftigt, kommt er schnell auf das Thema Gülle.

10,5 Millionen Schweine leben in Niedersachsen, 2,6 Millionen Rinder und mehr als hundert Millionen Puten und Hühner. Geboren, gemästet, geschlachtet. Sechzig Kilo Fleisch isst jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr, ein großer Teil stammt aus der Region um Oldenburg, der Region von Harms. Und obwohl die Tiere nicht lange leben, hinterlassen sie etwas Bleibendes: ihren Kot. 200 Milliarden Kilo Gülle, Jauche und Mist landen in Deutschland jedes Jahr als Dünger auf den Feldern. Das ist mehr, als der Konzern Coca-Cola im selben Zeitraum weltweit an Getränken verkauft.

Über Jahrhunderte nutzten die Landwirte ihre Gülle als Dünger. Sie brachten sie vom Stall aufs Feld, das Getreide kam als Futter zurück in den Stall. Es war der bäuerliche Kreislauf. Doch in den vergangenen Jahren wurden es immer mehr Tiere. Und den Landwirten ging der Platz aus: Es gibt nicht mehr genug Ackerfläche für die Gülle.

Das Nitrat in den Exkrementen enthält Stickstoff. Der ist ein Baustein des Lebens. Pflanzen brauchen ihn zum Wachsen. Doch bringt man zu viel Gülle auf die Felder, überdüngt man sie. Das lässt manche Pflanzen wuchern, sodass andere verdrängt werden – laut einer Studie des Umweltbundesamtes eine Gefahr für die Hälfte aller Arten auf der »Roten Liste«. Zudem sickern die Nitrate – stickstoffhaltige, krebserregende Salze – ins Grundwasser, gelangen in Flüsse, Seen und Meere. Jahr für Jahr eine Million Tonnen in der Ostsee. Sie nähren Algen und töten Muscheln, Würmer, Fische. Ein Umweltdesaster.

Das Trinkwasser verseuchen die Nitrate bisher nicht. Harms misst die hohen Nitratwerte nur im oberflächennahen Grundwasser, fünf bis zehn Meter tief. Die Brunnen, aus denen Leitungswasser gepumpt wird, sind dreißig bis hundert Meter tief. Dort ist in der Regel kein Nitrat nachweisbar. Denn im Boden gibt einen natürlichen Filter, Pyrit, der Nitrat abbaut. Aber mit jedem Gramm Nitrat schwindet etwas Pyrit. »Irgendwann ist es erschöpft«, sagt Harms. Niemand kann sagen, wann. Doch ist es so weit, sagt Harms, dann läuft das Nitrat einfach ins Trinkwasser durch.

Deshalb hat die EU vor zwei Jahrzehnten eine Grenze gesetzt. Sie regelt, wie viel Nitrat im Grundwasser sein darf: nicht mehr als fünfzig Milligramm pro Liter. Doch die deutsche Politik sabotiert die Einhaltung dieses Wertes seit Jahren. Die Lobby der Bauern ist groß, die Landwirte werden nicht genug kontrolliert, die Nitratwerte sind zuweilen um das Fünffache erhöht. In der EU weist nur Malta schlechtere Werte auf.

Bei Egon Harms, im Gebiet des OOWV, findet jede fünfte Messstelle zu viel Nitrat im Grundwasser. In den Regionen mit vielen Tieren, südlich von Oldenburg, zeigt sogar die Hälfte aller Messstellen Nitratwerte an, die über dem Höchstwert liegen.

Nach vielen Mahnungen hat die EU-Kommission nun genug von der deutschen Wasserpolitik, die Bärbel Höhn, früher Umweltministerin von Nordrhein-Westfalen, »eine staatlich geduldete Brunnenvergiftung« nennt. Im April 2016 hat die EU-Kommission Deutschland verklagt. Es kann einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Und Niedersachsen ist nun genau im Blick. Harms darf also hoffen, dass er am Ende seines Berufslebens doch noch sein Ziel erreicht. Nur: Wohin mit der Gülle? Und was richtet sie an anderer Stelle an?

Wenn Heinrich Aderholz Wasser trinken möchte, hält er nicht einfach sein Glas unter den Hahn. Er gießt es sich aus einer Kanne ein, in der Edelsteine und Magnete liegen, die es erst filtern sollen. Seine Frau hat das Wasser vorher abgekocht und in einer weiteren Kanne mit »effektiven Mikroorganismen« ziehen lassen. Heinrich Aderholz ist 75, trägt zurückgekämmtes graues Haar, ein einfaches Brillengestell und einen Pullover über dem Hemd.

Früher hat Aderholz in der Bauaufsicht gearbeitet, noch heute schätzt er freiberuflich den Wert von Grundstücken. Nebenher baut er auf seinem kleinen Acker Kartoffeln an und Zwiebeln und Kohl. Es ist nicht so, als hätte er etwas gebraucht, um seine Tage zu füllen, als hätte er aus Langeweile die Pappkiste gefüllt, die nun vor ihm auf dem hellen Küchentisch steht und in der er seine Sorgen sammelt: Fotos, Karten, Zeitungsartikel, alles, was er über die Gülle in die Hände bekommt.

»Ich bin kein Umweltfreak oder so, es ist die Entwicklung, die mir Angst macht«, sagt er. Sein Leben hat Aderholz in Zobbenitz verbracht, einem Dorf in Sachsen-Anhalt mit 300 Einwohnern, im Niemandsland zwischen Magdeburg und Wolfsburg. Früher haben sie hier viele Vögel gehabt, Feldlerchen und Kiebitze. »Heute gibt es nicht mal mehr Regenwürmer. Alles ist verseucht.« Neulich hat Aderholz zusammen mit Nachbarn den Nitratgehalt eines Baches gemessen, der in der Nähe eines Trinkwasserbrunnens fließt: das Doppelte des Grenzwertes.

Vor drei Jahren erst war ihm aufgefallen, was da aus Niedersachsen und den Niederlanden bei ihnen ankommt – als Bekannte ihm von diesen Gülle-Schiffen erzählten. Erst da begann er sich zu fragen, wie es um das Wasser steht. Und: Wo kommt das Zeug eigentlich her?

Die Gülle hat sich in Deutschland auf eine Reise begeben. Aus dem Westen, wo Egon Harms nicht weiß, wie lange er noch sauberes Wasser aus den Brunnen pumpen kann, hat sie sich auf den Weg in Richtung Osten gemacht, wo Heinrich Aderholz beginnt, Fragen nach dem Grundwasser zu stellen. Zwischen West und Ost hat sich in den vergangenen Jahren ein Gülle-Business entwickelt, geführt von Menschen wie Willi Funke.

In einem schwarzen Geländewagen fährt er über die Landstraße durch das Emsland, einen Landkreis zwischen Oldenburg und den Niederlanden. Links und rechts der Strecke liegen gelb-grünliche Felder und verklinkerte Höfe und Ställe, zu fast jedem Gebäude kann Funke eine Geschichte erzählen. Funke, 47, ist ein Mann mit Glatze und längs gestreiftem Schal, der schnell und laut redet, ungern über sich, umso lieber über das Geschäft. Er leitet das Warengeschäft der Raiffeisenbank Emsland-Mitte, einer Genossenschaftsbank für Landwirte. Knapp 4000 Betriebe haben sie im Emsland, und man traut Funke zu, sie alle zu kennen.

Vor zehn Jahren gründete Willi Funke für die Raiffeisenbank eine Güllebörse. Seine Mitarbeiter nehmen den Landwirten Gülle ab und vermitteln sie als Dünger an Abnehmer, in Regionen, in denen Gülle knapp ist und gebraucht wird, etwa im Osten von Niedersachsen, in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Im vergangenen Jahr transportierten Funkes Mitarbeiter 60 000 Tonnen Geflügelmist und 150 000 Tonnen Gülle und flüssige Gärreste aus Biogasanlagen zu ihren Abnehmern.

Das Geschäft mit der Gülle lohnt sich. Rund hundert Vermittler gibt es in Niedersachsen. Fünfzig Millionen Tonnen Wirtschaftsdünger, so werden die Exkremente genannt, wurden 2015 von Tieren in Niedersachsen ausgeschieden, mehr als ein Drittel davon gaben die Landwirte weiter.

Die Gülle rollt in Lastwagen quer durch Deutschland, über Landstraßen und Autobahnen, durch Dörfer und Städte, in Tanklastwagen, Schüttguttransporten und sogenannten Kombilinern, die auf dem Hinweg Gülle laden können und auf dem Rückweg Getreide. Manchmal liest man von den Transporten in der Zeitung, wenn wieder einer der Tankwagen umkippt und ein Dorf mit Gülle flutet oder wenn ein Lastwagen auf der Autobahn gestoppt wird, weil er zehn Tonnen Geflügelmist zu viel geladen hat. Doch der Gülletransport ist ein Geschäft, dem Menschen, die Landwirtschaft nur aus dem Supermarkt kennen, selten begegnen.

Von der Landstraße biegt Funke auf einen Feldweg ab und lenkt den Wagen in einen abgelegenen Hof. Links und rechts Ställe, vor ihm das Wohngebäude, es riecht nach frischer Ladung für Funkes Transporte. Heinz Behnen tritt aus der Tür, ein großer, dunkelhaariger Landwirt mit Schirmmütze und Gummistiefeln. Funke redet zur Begrüßung auf Behnen ein, in seinem norddeutschen Dialekt, der die letzte Silbe verschluckt und für Ungeübte schwer zu entwirren ist. Behnen, 51, ist ein Milchbauer, 180 Kühe stehen auf seinem Hof, er ist einer von Funkes Kunden.

Die Gülle sei ein großes Problem, sagt Behnen. Noch vor zehn Jahren habe ein Hektar Ackerland im Emsland 700 Euro Pacht im Monat gekostet. »Mittlerweile haben sich die Pachtpreise fast verdoppelt«, sagt er. Beinahe jeder Landwirt suche Flächen, um Gülle darauf ausbringen zu können, auch er selbst. Dadurch steigen die Preise für Ackerland und die Kosten für die Landwirte. Kaum einer kann sich genug Fläche für die Gülle seiner Tiere leisten. Auch Behnen muss einen Teil abholen lassen. So hat sich das Leben der Landwirte geändert: Früher brauchten sie Dünger für ihre Äcker, heute Äcker für ihren Dünger.

Gemeinsam mit Kollegen betreibt Behnen eine Biogasanlage, er erzeugt damit Strom und Wärme und verkauft dies an umliegende Höfe. Behnen kann die Gülle also nutzen. In tierreichen Regionen stehen viele solcher Biogasanlagen, auch weil sie von der rot-grünen Bundesregierung einst gefördert wurden. Doch die Reste nach dem Vergären enthalten weiter die gleiche Menge Stickstoff. Das Nitrat werden die Landwirte damit nicht los.

Im Gegenteil: Um effektiv zu arbeiten, muss eine Anlage außer mit Gülle noch mit Pflanzen wie Mais oder Gras gefüttert werden. Und diese Pflanzen vergären. Am Ende hat Behnen zusätzliche Gärreste, mit weiterem Nitrat. Die Biogasanlagen lösen das Problem mit dem Nitrat nicht, sie verschlimmern es.

3000 Kubikmeter Gärreste müsse er im Jahr von Funkes Mitarbeitern abholen lassen, sagt Behnen. Der Preis pro Kubikmeter schwankt zwischen fünf Euro im Frühjahr, wenn die Felder zum ersten Mal gedüngt werden, und zehn Euro im Winter, wenn die Lager voll sind. Behnen zahlt 25 000 Euro im Jahr, um seinen Dünger loszuwerden, fünf Prozent seines Umsatzes als Milchbauer. Er habe vier Ställe, die er abbezahle, sagt Behnen, und drei Mitarbeiter, denen er jeden Monat ihre Löhne überweisen müsse. Schon bisher sei es schwierig gewesen, die Kosten zu decken. Und jetzt kommt auch noch die Gülle dazu. »Ich überlege schon, was ich meinen Azubis sagen soll: Macht lieber was anderes?« Für die Landwirte ist die Lage nicht einfach. Die Verbraucher fordern mehr Tierschutz, die Lebensmittelketten niedrige Preise, und durch das Wirtschaftsembargo gegen Russland brach ein wichtiger Absatzmarkt weg. Nun liegt der Milchpreis bei unter zwanzig Cent pro Liter und für ein Kilo Schweinefleisch bekam ein Bauer bis vor Kurzem 1,30 Euro.

Das Perfide an der Landwirtschaft ist, dass die Landwirte sich genau ausrechnen können, was sie an einem Liter Milch verdienen oder an einem Schwein. Und sie sehen im Moment, wie jeder Liter Milch, den sie verkaufen, ihnen etwas Geld raubt. Würden sie aufhören zu arbeiten, es käme sie billiger. Um zu überleben, haben die meisten Landwirte in den vergangenen Jahren versucht, ihre Betriebe zu vergrößern und noch mehr Tiere zu halten. Aber die erzeugen mehr Gülle. Und die Kosten für Ackerflächen und Gülletransporte steigen weiter. Diese Spirale zwingt viele Familienbetriebe zur Aufgabe ihrer Höfe.

Fast unbemerkt von den Konsumenten in den Großstädten ist die Gülle auf dem Land zu einem entscheidenden Thema geworden. Es geht um die Existenz der Landwirtschaft in der heutigen Form. Sie droht an ihrer eigenen Gülle zu ersticken.

Willi Funke verabschiedet sich von Behnen, steigt wieder hinter das Steuer und rast über die Landstraße zu seinem nächsten Kunden, ständig piept sein Navigationsgerät und erinnert an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Man dürfe den Landwirten nicht zu viele Vorschriften machen, sagt er. Sonst könnten sie nicht existieren. Funke liebt die deutsche Landwirtschaft. Den Tieren sei es noch nie so gut gegangen wie heute, sagt er. Deswegen fährt er mit einem Journalisten zu seinen Kunden: Er möchte zeigen, dass die Bauern nichts zu verbergen haben. »Wir betreiben hier einen Supermarkt«, sagt Funke und zeigt aus dem Fenster, »die Fleischtheke läuft bombastisch, weil die Holländer zu uns kommen. Unser Fleisch ist besser und billiger.« Dreißig Kilometer sind es von seinem Büro in die Niederlande, das Autoradio findet mehr niederländische als deutsche Sender. So nah, doch in der Landwirtschaft liegen die Länder in verschiedenen Welten.

In den Niederlanden wurde das Gülleproblem bereits in den Neunzigerjahren angegangen. Zuvor hatte es dort große Fleischproduktion auf wenig Raum gegeben, die Böden waren verseucht. Heute haben die Niederlande eines der modernsten Gülleabgabesysteme Europas. Die Lastwagen können per GPS verfolgt werden, die Kontrollen sind streng. Die Niederländer sind bei vielem einen Schritt weiter, auch beim Preis. Dort zahlt man als Bauer das Doppelte pro Kubikmeter Gülle, den man abgibt. Viele Ladungen müssen aus dem Land gefahren werden, etwa nach Deutschland. In den Niederlanden ist kein Platz. Und je länger die Strecke, desto höher der Preis. »Wenn wir hier die gleichen Preise haben wie in Holland, bleiben die Ställe leer«, sagt Funke.

Zobbenitz, das Dorf in Sachsen-Anhalt, dreißig Kilometer entfernt von Niedersachsen und wenige Autominuten vom Mittellandkanal. Dort, in einem Güterhafen, legte also ein Lastschiff an, hörte Heinrich Aderholz damals. Geladen hatte es 1200 Tonnen Gärreste aus Biogasanlagen in Niedersachsen. Es war den Kanal entlanggefahren, vorbei an Hannover und Wolfsburg, und hatte hinter der Grenze in Sachsen-Anhalt gestoppt. Wie die Ameisen holten Laster mit niedersächsischen Kennzeichen die Ladung ab. Das Schiff kam nun alle zwei Wochen.

In der beschaulichen Gegend ist es schon ein Ereignis, wenn ein Schiff mit Gärresten landet. Aber Heinrich Aderholz wunderte sich über etwas anderes. Die Börde – der Landkreis, in dem das Boot seine Ladung abließ – lebte schon in der DDR vom Ackerbau. Seit Jahrzehnten wird dort Dünger auf die Felder geworfen. An vielen Messstationen sind die Nitratwerte im Grundwasser deshalb zu hoch. Zum Teil lagen sie um das Fünffache über dem Grenzwert, bis zu dreißig Jahre dauert es, bis das Nitrat abgebaut ist. Und nun kamen auch noch die Schiffe aus Niedersachsen? Heinrich Aderholz fuhr zum Hafen und machte Fotos. Es war der Anfang seines Kampfes gegen die Gülle, er fing an, seine Pappkiste zu füllen. Gemeinsam mit Nachbarn begann er zu dokumentieren, wenn wieder Lastwagen durch ihre Dörfer zogen. Sie machten Fotos von den Feldern, die vor Gülle schwarz waren. Sie notierten Nummernschilder der Laster aus Niedersachsen oder den Niederlanden, sie nahmen Proben, sie meldeten ihre Erkenntnisse an das Umweltamt. Doch alles, sagt Aderholz, sei so weitergegangen wie zuvor.

Allein aus der Region Weser-Ems in Niedersachsen wurde im vergangenen Jahr knapp eine Million Tonnen Gülle, Mist und Gärreste in andere Bundesländer exportiert. Einer der großen Abnehmer ist Sachsen-Anhalt. Im vergangenen Jahr kamen laut dem Landwirtschaftsministerium knapp 200 000 Tonnen Wirtschaftsdünger aus anderen Bundesländern und den Niederlanden. Das ist die offizielle Zahl.

In Deutschland gibt es aber keine Stelle, bei der die Informationen über die überregionalen Transporte von Gülle zusammenlaufen. Jedes Bundesland dokumentiert für sich. Die Kontrolleure in Sachsen-Anhalt sind bei Transporten aus anderen Bundesländern darauf angewiesen, dass der Abnehmer die Gülle bei ihnen wahrheitsgetreu angibt. Wie viel Gülle tatsächlich nach Sachsen-Anhalt importiert wird, lässt sich nur mit großem Aufwand prüfen.

Seit in Niedersachsen ein grüner Landwirtschaftsminister regiert, haben dort die zuständigen Ämter neue Mitarbeiter eingestellt und die Kontrollen verstärkt. In Sachsen-Anhalt hingegen wurde die Zuständigkeit von den Landesbehörden an die Landkreise übertragen. Viele Kreise sind mit der Kontrolle überfordert. Diese besteht bis auf wenige Ausnahmen darin, dass die Landwirte alle drei bis sechs Jahre eine Bodenprobe an die Behörden senden. Die Probe nehmen sie selbst.

Die Biogasanlage liegt einige Dörfer weiter, von Zobbenitz ist man mit dem Auto in zehn Minuten da. Hinter einem Wald stehen ihre riesigen, zylinderförmigen Türme und Halbkugeln im Nebel auf einem Feld, sie sieht aus wie eine Raumstation. Die Anlage gehört einer GmbH »von drüben«, wie Aderholz sagt. Mehrheitseigentümer ist ein Energiekonzern aus Luxemburg. Mit Biogas lässt sich eine Menge Geld verdienen.

Die Anlage ist eine der größten in der Region. Zehn weitere hat Heinrich Aderholz in der Umgebung gezählt, auf einer Karte hat er sie mit rotem Stift eingezeichnet. Sie alle produzieren Gärreste, die auf die Felder um Zobbenitz gebracht werden – und verhindern, dass die Nitratwerte sinken. Manchmal sogar auf direktem Weg: Im Januar platzte bei einer Anlage ein Tank. 1,2 Millionen Liter Gärreste liefen auf die angrenzenden Wiesen.

Es ist kein Zufall, dass so viele Anlagen direkt hinter der niedersächsischen Grenze gebaut wurden, im Hinterland der Gülle. Selbst die wenigen, die nach eigener Auskunft nur Pflanzenreste verarbeiten, wie die Betreiber bei Zobbenitz, haben ihre Anlagen auch für Gülle angemeldet. Der Druck in Gegenden mit vielen Tieren ist mittlerweile so hoch, dass die Abnehmer Geld dafür bekommen, Gülle aufzunehmen. In den Niederlanden erhalten Flächenbesitzer bis zu 15 Euro pro Kubikmeter dafür. Sie müssen die Gülle nicht einmal selbst aufs Feld bringen. Für viele Betreiber von Biogasanlagen ist das ein gutes Geschäft: Sie bekommen die Gülle günstig oder manchmal sogar Geld dafür – und erzeugen daraus Energie, die sie verkaufen. Und die Gärreste bekommen sie problemlos unter.

Heinrich Aderholz aus Zobbenitz und Egon Harms von den Wasserwerken in Oldenburg sind einander nie begegnet, doch ihr Wohl ist miteinander verknüpft. Harms sitzt am Ausgangspunkt einer Güllewanderung, die quer durch Deutschland zieht, Aderholz an ihrem Ende. Beide kämpfen für sauberes Grundwasser. Beide zugleich, scheint es, können nicht gewinnen. Wenn Harms erreicht, dass in Niedersachsen weniger gedüngt wird, leidet Aderholz darunter, weil dann mehr Gülle zu ihm kommt. Und wenn Aderholz erreicht, dass weniger Gülle aus Niedersachsen nach Zobbenitz gebracht wird, wachsen wieder die Probleme für Harms.

Das Jakob-Kaiser-Haus liegt zwischen Reichstag und Spree, im Zentrum von Berlin. An diesem sonnigen Frühlingstag wuseln Touristen umher, Ausflugsdampfer ziehen vorbei. Hinter der Glasfassade hasten Mitarbeiter durch die Berliner Politik, es ist Sitzungswoche im Bundestag.

Der Ausschuss für Landwirtschaft und Ernährung hat zu einer Anhörung geladen. Sieben Experten sollen zum Entwurf einer Düngeverordnung Stellung beziehen, unter ihnen ist der Chef von Harms beim OOWV. Seit mehr als zweieinhalb Jahren versucht der Bundestag, die Änderung des Düngegesetzes zu verabschieden. Doch immer wieder gab es Einwände und Änderungen.

Ausgelöst wurden die Beratungen über das Gesetz durch die EU-Kommission. Sie hatte im Herbst 2013 ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet, weil Deutschland sich nicht an die Nitratrichtlinie hielt. Die sieht vor, dass die Belastung im Grundwasser verringert wird. In Deutschland lag sie an vielen Stellen nicht nur weit über den Grenzwerten. Sie stieg.

In der Verordnung soll die Grenze, wie viel Nitrat auf die Felder gebracht werden darf, nun auch für die Gärreste aus Biogasanlagen gelten. Außerdem soll den Behörden innerhalb eines Bundeslandes erlaubt werden, Daten abzugleichen. Mit dem Gesetz könnte es ein Düngekataster geben.

Doch bei der Anhörung sind nicht alle mit strengeren Regeln einverstanden. Während die geladenen Wissenschaftler sich einig sind, dass die Maßnahmen das Mindeste seien, um das Grundwasser zu retten, warnt der Vertreter des Deutschen Bauernverbandes vor überzogenen Regeln und wirbt für Ausnahmen. Vor allem bei anwesenden Unions-Politikern stößt er auf Wohlwollen, viele von ihnen stammen aus der Landwirtschaft. Sie beginnen ihre Fragen an die Experten häufig mit einer Erklärung, wie die Dinge bei ihnen im Betrieb so laufen.

Einige dieser Abgeordneten bekleiden auch führende Positionen im Bauernverband oder beziehen Nebeneinkünfte von Futtermittelerzeugern und landwirtschaftlichen Versicherungen. Solche Verbindungen sind nicht grundsätzlich verwerflich, es sind auch Abgeordnete der Grünen bei Greenpeace. Doch sie werden zum Problem, wenn Deutschland, das von diesen Abgeordneten maßgeblich vertreten wird, in diesen Fragen gegen EU-Recht verstößt, sich als zweitgrößter Wassersünder präsentiert und nun voraussichtlich aus Steuergeld eine dreistellige Millionenstrafe zahlen muss.

Es scheint, als müsse man sich in dieser Geschichte für eine Seite entscheiden. Will man das Grundwasser retten, wie Harms oder Aderholz, wird sich die Landwirtschaft radikal ändern müssen. Hält man es mit dem Bauern Behnen, den Willi Funke und der Bauernverband vor dem Aus schützen wollen, muss das Grundwasser Nitrate aufnehmen.

Wasserlobby gegen Bauernlobby. Niemand wünscht dem anderen etwas Böses, und doch ist jeder in diesem System eine Gefahr für den anderen.

Kommen schärfere Gesetze, wie von der EU eingeklagt, verschärft das den Konflikt. Durch bessere Überwachung wird Gülle sichtbar, die bisher heimlich versickerte. Die Nachfrage nach Gülleflächen wird größer, der Preis nochmals stark steigen. Es wird mehr Transporte geben, noch teurer, weil sie größere Strecken zurücklegen müssen, in bisher unbelastete Regionen.

Sollten sich gleichzeitig die Kontrollen in Sachsen-Anhalt nicht verbessern, wird Heinrich Aderholz sogar zu den Verlierern des Gesetzes gehören, welches das Wasser schützen soll. Es kommt dann noch mehr Gülle aus Niedersachsen. Ändert sich auch in seinem Bundesland die Politik, wandert die Gülle weiter. Nach Osten. Brandenburg. Dann Polen.

Egon Harms hat in seinem Büro in Oldenburg seine eigenen Sorgen, er muss seine Arbeit machen. Sein großer Wunsch: »Eine strengere Kontrolle ist der einzige Weg.« Geht es aber so weiter, sagt er, brauchen die Deutschen bald Entsalzungsanlagen für sauberes Trinkwasser, so wie in Saudi-Arabien.

Um das wenigstens hinauszuzögern, ist sein Arbeitgeber, der Wasserversorger OOWV, selbst ins Gülle-Business eingestiegen. Er hat rund um Oldenburg mehr als 2500 Hektar Land gekauft oder gepachtet. Eine Fläche größer als Hiddensee. Das Land verpachtet der Wasser- versorger an Landwirte weiter. Wenn diese weniger düngen.

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Fritz Zimmermann

vermutete am Ende seiner Recherche bei jedem Tankwagen, den er auf der Autobahn überholte, er sei voll Gülle. Und unternahm waghalsige Manöver, um die Namen der Transportfirmen herauszufinden und sie in sein Handy zu tippen.

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