Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 32/2016 Die Gewissensfrage

Nichts zu danken

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

20 Euro Finderlohn für einen verlorenen Personalausweis? Viel zu viel, findet unsere Leserin. Aber darf man eine solche nett gemeinte Geste dann zurückweisen?

Anzeige
»Kürzlich habe ich einen Personalausweis gefunden und per Post dem Besitzer geschickt. Als Dank kamen eine Schachtel Merci und 20 Euro. Ich freue mich über den Dank, finde aber 20 Euro für eine Selbstverständlichkeit unangemesen, noch dazu ist das für den Absender vielleicht viel Geld. Kann ich es zurückschicken oder wäre das eine Kränkung?« Eva U., Hamburg

Das Problem entsteht aus einem Konflikt zwischen dem konkreten Einzelfall und Ihren allgemeinen Überlegungen. Sie haben jemandem einen Gefallen getan, geholfen, und dieser Jemand hat sich bei Ihnen mit einem Präsent bedankt, das aus einem symbolischen Teil, der Schokolade, und einem relevanten finanziellen Teil, 20 Euro, besteht. Form und Umfang des Dankes zu bestimmen, steht in relativ weitem Ausmaß im Ermessen des Dankenden. Den so ausgewählten Dank ganz oder teilweise zurückzuweisen, kann der Dankende deshalb durchaus als kränkend empfinden. Das ist in manchen Kulturkreisen, in denen die Ehre im Vordergrund steht, noch ausgeprägter. Und erschwerenderweise deutet ein besonders großer Dank, den man gerade deshalb als unangemessen zurückweisen möchte, auf eine solche Kultur hin. Das spricht dagegen, im konkreten Einzelfall das Geld zurückzusenden.

Dem stehen Ihre allgemeinen Überlegungen gegenüber. Ihnen scheint es besonders darum zu gehen, dass Sie es als selbstverständlich ansehen, in dieser Weise zu helfen, also den Ausweis dem Besitzer zu schicken. In der Annahme des nicht nur symbolischen Danks liegt jedoch die Anerkenntnis, dass dieser Dank noch im Rahmen liegt, und das erklärt Ihre Handlung zu etwas Belohnungswürdigem. Was nicht weiter schlimm wäre, würde es nicht Ihrer Idee zuwiderlaufen, dass es etwas Selbstverständliches ist, etwas, das jeder stets machen sollte. Geld dafür anzunehmen widerspricht somit Ihrer allgemeinen Vorstellung vom richtigen Handeln.

Wenn Sie das Geld deshalb nicht behalten wollen, können Sie den Konflikt vielleicht offen auflösen, indem Sie es zwar zurücksenden, sich aber ausdrücklich für die Schokolade bedanken, sie als Dank anerkennen und zugleich auf Ihre allgemeine Erwägung auch im Sinne der Ehre hinweisen: Es wäre beschämend für Sie, für eine Selbstverständlichkeit Geld anzunehmen.

Literatur:

Josef Seifert (Hrsg.), Danken und Dankbarkeit. Eine universale Dimension des Menschseins, Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1992.

darin insbesondere:
- Otto Friedrich Bollnow. Über die Dankbarkeit, S. 37-62.
- Georg Simmel, Dankbarkeit. Ein soziologischer Versuch, zuerst erschienen in: Der Morgen. Wochenschrift für deutsche Kultur, begründet und hrsg. von Werner Sombart zusammen mit Richard Strauß, Georg Brandes und Richard Muther unter Mitwirkung von Hugo von Hofmannsthal, 1. Jg., No. 19 vom 18. Oktober 1907, S. 593-598 (Berlin).
- Georg Simmel, Exkurs über Treue und Dankbarkeit, in: Soziologie. Untersuchungen über die Vergesellschaftung, Gesamtausgabe Band 11, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1992, S. 642ff, insbesondere 661ff.H. Reiner, Dankbarkeit, in: Joachim Ritter (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 2, Schwabe& Co., Basel 1972, Spalte 9-11.


Anzeige

Dr. Dr. Rainer Erlinger

Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie eine E-Mail an gewissensfrage@sz-magazin.de

  • Die Gewissensfrage

    Vom Schenken und Kränken

    Ist es überempfindlich, gekränkt zu reagieren, wenn wohlüberlegte Weihnachtsgeschenke nicht gut ankommen?

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger
  • Anzeige
    Die Gewissensfrage

    Stau in der Postfiliale

    Ist es in Ordnung, den Briefmarkenautomaten in der Weihnachtszeit mit dem Einwurf von riesigen Mengen Kleingeld zu blockieren?

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger
  • Die Gewissensfrage

    Muss ich mir »Star Wars« ansehen?

    Ein Freund lädt zum Geburtstag ins Kino ein. Ist man verpflichtet hinzugehen, auch wenn einen der Film nicht die Bohne interessiert? Unser Moralkolumnist berät einen 12-Jährigen.

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger