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Wild Wild West: Amerikakolumne 13. August 2016

»Berühmte Menschen fragen nicht an der Rezeption nach Toilettenpapier«

Von Michaela Haas  Foto: getty images

Bryan Cranston ist ein Schatz, Naomi Campbell eher nicht, Oprah Winfrey zahlt gut: Wie wird man eigentlich Assistentin eines Superstars – und warum sollte man sich das gut überlegen? Ein Besuch bei einer Ausbilderin für persönliche Assistenten in Hollywood.

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Derzeit machen wieder einige Assistenten von Superstars Schlagzeilen. Schauspielerin Hayden Panettiere hat gerade ihre Hundesitterin verklagt, weil diese angeblich ihre Hunde verschenkt hat. Kristen Stewart hat sich endlich dazu bekannt, dass sie sich in ihre Assistentin Alice Cargile verliebt hat. Aber wie wird man eigentlich Assistentin eines Superstars? Wieviel verdient die persönliche Assistentin von Oprah Winfrey? Gehört es zum Job, auch Drogen zu besorgen?

Rita Tateel, 64, gibt als Berufsbezeichnung »Celebrity Wrangler« an oder, etwas vornehmer ausgedrückt: »Mein Job ist es, Promis dazu zu bringen, Ja zu sagen.« Sie hat vor 25 Jahren die Association of Celebrity Personal Assistants (ACPA) mitgegründet und ist die Präsidentin von Celebrity Source in West Hollywood, einer Boutique-Firma, die Promis für Events vermittelt. Sie wirkt mit ihrem helbraunen Pagenkopf viel mütterlicher als ich mir eine »Celebrity Wranglerin« vorgestellt hätte.

SZ-Magazin: Auf Ihrer Website steht, wer als persönlicher Assistent für einen Promi arbeiten möchte, solle sich als erstes »Der Teufel trägt Prada« ansehen. Sind die Superstars im richtigen Leben wirklich so schlimm wie die Mega-Zicke im Film?
Rita Tateel: Prominente sind auch nur Menschen. Es gibt die Schreihälse und Choleriker, manche sind gemein, und andere sind einfach wunderbar, freundlich und liebenswürdig. Denken Sie an Naomi Campbell. In zehn Jahren gab es zehn Zusammenstöße, bei denen die Polizei gerufen werden musste, weil sie handgreiflich wurde. Wenn Sie Glück haben, arbeiten Sie für jemanden wie »Breaking Bad«-Star Bryan Cranston, der ist der netteste Gentleman der Welt. Die meisten Promis liegen irgendwo dazwischen.

Naomi Campbell machte Schlagzeilen, als sie ihr diamantbesetztes Handy nach ihrer Assistentin warf, Lindsay Lohan lieferte sich eine filmreife Verfolgungsjagd mit einem ehemaligen Assistenten. Aber auch für einen Job bei Zicken wie Naomi Campbell oder Lindsay Lohan stehen die Leute Schlange wie für kostenloses Kokain, oder?

Die Menschen nehmen das als glamourösen Job wahr. Sie denken, wenn sie für die Reichen und Schönen arbeiten, färbt was ab. Die meisten, die sich Illusionen machen, werden es in diesem Job nicht lange aushalten. Je bekannter der Star, desto mehr Dinge muss man gleichzeitig jonglieren können. Sie sind Butler, Babysitter, Hundesitter, Sekretärin, Sie bringen die Klamotten zur Reinigung, lesen Drehbücher, buchen Flüge, beantworten Anfragen von Journalisten. Das wichtigste Wort in der Jobbezeichnung ist: persönlich. Worin der Job besteht, wechselt von einem Star zum anderen. Ich empfehle, als erstes die Frage zu stellen: Wie viele Assistenten hat dieser Promi in den letzen fünf Jahren verschlissen? Wenn dieser Job ein Schleudersitz ist, dann ist das ganz klar ein Warnsignal.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Organisation für die persönlichen Assistenten von Stars zu gründen?
Ein Freund von mir wurde Assistent des Schauspielers und Fernsehmoderators Alan Thicke, dem Vater des Sängers Robin Thicke. Jonathan Holiff kam zu diesem Job wie die Jungfrau zum Kind. Er hatte keine Ahnung: Was macht eigentlich ein VIP Assistant so alles? Jonathan fragte mich, ob es eine Organisation für persönliche Assistenten von Promis gibt. Als ich verneinte, schlug er vor, eine zu gründen. Das war 1992, und mein Rolodex wurde unsere erste Adresskartei. Ich fand das eine tolle Idee, denn diese Leute sind oft so allein und einsam. Ihre besten Freunde sind der Postbote und der Poolreiniger. Sie sehen sonst ausser den anderen Angestellten meist nicht viele Menschen, wenn sie im Haus eines Stars arbeiten.

Haben diese Menschen denn sonst keine Freunde?
Es ist ein sehr taffer Job, den kann nicht jeder machen. Sie können zum Beispiel so gut wie kein Privatleben haben. Die meisten Promis verlangen, daß man rund um die Uhr zur Verfügung steht, auch mitten in der Nacht. Wenn Sie mit Ihren Freunden ausgehen wollen, aber Ihr Boss ist in Europa und braucht gerade was, dann sind Ihre Abendpläne Makulatur. Ein Assistent sagte mir, es sei sogar schwer, Topfpflanzen zu erhalten, weil man nie da ist, um sie zu gießen.

Was muß ich außer einer pflanzenfreien Wohnung sonst noch mitbringen, wenn ich Assistentin eines Stars werden möchte?

Ich habe Ihnen eine Stellenanzeige mitgebracht, die ein bekannter Fernsehmoderator gerade ausgeschrieben hat. »MUSS extrem verlässlich, diskret und vertrauenswürdig sein. MUSS sehr gut unter extremem Druck arbeiten können. Begabter Problemlöser. Fähigkeit zum Multitasking. Extrovertierte und freundliche Persönlichkeit. Bereit, viele Überstunden zu machen, auch an Wochenenden und Feiertagen. Jederzeit am Telefon erreichbar.« So geht das auf zwei Seiten weiter. Wenn ich das nur lese, fühle ich mich schon total gestresst!
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Wer meldet sich auf solche Anzeigen?
Promi-Assistenten sind überwiegend weiblich, und von den wenigen Männern in der Branche sind mehr als die Hälfte schwul.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Eine unabdingbare Voraussetzung für den Job ist, daß Sie ein fürsorglicher Mensch sind, sich gerne um den anderen kümmern, ihre eigenen Bedürfnisse zurück stellen. Das Wort »Nein« streichen Sie am besten aus Ihrem Wortschatz. Deshalb sind übrigens auch die meisten Assistenten eher Ende Vierzig als Anfang Zwanzig. Sie müssen gut kommunizieren und organisieren, Probleme lösen, das kann man nicht alles gleich frisch von der Uni weg. Sie brauchen auch eine robuste Gesundheit. Am besten werden sie nie krank.

Wird dafür auch entsprechend bezahlt?
Oprah Winfrey bezahlt ihrer Assistentin eine gute sechsstellige Summe, das ist aber die Ausnahme. Die meisten bekommen weit weniger, vielleicht 50.000 bis 100.000 Dollar im Jahr.

Warum machen die Leute das dann? Wenn jemand so gut organisieren und kommunizieren kann, bekäme man doch einen viel besser bezahlten Job in der Wirtschaft.
Sie bekommen Zugang zu Dingen, die Sie in keinem anderen Job der Welt bekommen. Zu den Highlights zählen Besuche im Weissen Haus, Flüge im Privatjet, Reisen in der Limo, tolle Konzerte. Eine Assistentin bekam am Ende des Jahres einen Range Rover als Bonus, eine andere 50.000 Dollar Weihnachtsgeld. Wenn Sie einen Tisch in einem ausgebuchten Restaurant wollen, können Sie den Namen Ihrer Chefin fallen lassen und kriegen einen Tisch.

Und die Kehrseite?
Ein Assistent hier in Los Angeles hatte einen Boss, der gerade in Europa unterwegs war. In LA war es mitten in der Nacht, aber sein Boss rief an, um zu sagen, das Klopapier sei alle und könne er bitte mal bei der Hotelrezeption anrufen? Ein so berühmter Mensch tut einfach nichts so Profanes wie an der Hotelrezeption nach Toilettenpapier zu fragen. Da geht es ums Image.

Sitzt bei den monatlichen Treffen Ihrer Organisation die Sekretärin von Gwyneth Paltrow neben dem Assistenten von Tom Hanks und die beiden schütten sich das Herz aus, was ihre Chefs diese Woche wieder angestellt haben?
Am Anfang war es tatsächlich so, daß jeder gesagt hat, für wen er oder sie arbeitet. Das machen wir längst nicht mehr. Wenn die Stars davon Wind bekämen, daß über ihr Leben getratscht wird, würden sie ihre Assistenten nicht zu den Treffen gehen lassen. Nein, die Treffen dienen in erster Linie dem Informationsaustausch. Assistenten müssen Aufgaben erledigen, die so ungewöhnlich sind, daß es dafür einfach keine Ressourcen gibt.

Zum Beispiel?
Ein Assistent musste Pudel besorgen, die in Tutus auf einem Kindergeburtstag tanzen. Ein anderer musste einen Akupunkteur finden, der den Papagei akupunktieren konnte. Ein Star wollte eine gaaaanz spezielle europäische Butter zum Frühstück, und zwar in Los Angeles. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Vor allem früher, als man noch nicht alles googeln konnte, stand der Assistent dann da und fragt sich: Wo kriege ich das jetzt her? Es gibt auch viele ganz pragmatische Anliegen: Wir hatten gerade eine Anfrage von der Assistentin eines sehr bekannten Stars, der sein Badezimmer renovieren möchte. Der will nicht, daß irgendein 0815 Handwerker durch sein Haus marschiert, sondern der möchte dann eben einen zuverlässigen Handwerker, der schon für andere Stars gearbeitet hat. Solche Anfragen laufen dann über uns. Die Frau hatte innerhalb einer Stunde 20 Empfehlungen.

Was ist mit den Trittbrettfahrern? Ich möchte eigentlich mein Drehbuch verkaufen, ist es eine gute Idee, mich erst mal als Assistentin von Steven Spielberg zu verdingen, um Kontakte zu knüpfen?
Mit dieser Einstellung werden Sie es schwer haben, die Stelle zu kriegen. Es gibt eine Probezeit. Im ersten Jahr jemandem mit Ihrem Drehbuch zu kommen ist ein absolutes Unding. Aber dann könnte es schon klappen. Es gibt Assistenten, die zu Produzenten, Drehbuchschreibern oder Regisseuren aufgestiegen sind. Ein Drittel arbeitet wirklich gerne als Assistent, ein Drittel sieht diesen Job als Sprungbrett, und ein Drittel hat sich Illusionen gemacht und sieht dann, daß es der falsche Job und viel zu stressig für sie ist. Ein Beispiel dafür ist die ehemalige Assistentin von Lady Gaga, die ihre Arbeitgeberin auf die Bezahlung von Überstunden verklagt hat. Wenn ich für eine Künstlerin wie Lady Gaga arbeite, weiß ich natürlich, daß ich nicht um 17 Uhr Feierabend habe. Das gehört dazu. Alles andere ist bullshit.

Aber Lady Gaga hat sich mit ihr außergerichtlich geeinigt und sie ausbezahlt.
Weil sonst ihr Privatleben vor Gericht ausgebreitet worden wäre. Lady Gaga hätte meiner Meinung nach den Prozess gewonnen, aber die Schlacht verloren. Denken Sie an Nigella Lawson, die britische Starköchin. Ihre Hausangestellten haben vor Gericht von ihrem Kokainkonsum erzählt und ihren Ruf ruiniert.

Apropos Drogen, gehört es zum Job, Drogen und Prostituierte zu besorgen?
Ich rate jedem Assistenten, vor Jobantritt ganz klar zu machen, wo die eigenen ethischen Grenzen liegen. Ich würde mir eben vorher überlegen, ob ich bei Charlie Sheen anheuere. Hilft es für Ihren Job, daß Sie einen Abschluss in Kinderpsychologie haben? Ich habe eigentlich als Sozialarbeiterin angefangen, aber jetzt sehe ich, daß das die ideale Vorbereitung für den Umgang mit Stars ist, weil sich manche wie Kinder benehmen. Je berühmter sie sind, desto mehr muß man sich um sie kümmern. Unter Promis gibt es Hoarder, Drogensüchtige und Verrückte. Manche Promis machen nichts selbst, die lassen alles für sich machen. Die wissen manchmal nicht, was eine Briefmarke kostet und wie man sie auf einen Umschlag klebt.

Sie unterrichten an der University of California Los Angeles einen Kurs, wie man mit Promis umgeht. Was bringen Sie Ihren Studenten da bei?
Ich versuche, ihnen beizubringen, wie Promis ticken.

Ein Schnellkurs, bitte. Was sind die drei wichtigsten Dinge, die ich über die Psychologie von Promis wissen muss?

Erstens, Zeit ist extrem kostbar. Die 24 Stunden eines Promis sind viel voller gepackt als die 24 Stunden eines Normalmenschen, weil schon ihr Manager, ihr Agent, ihr Buchagent, ihr Publizist, ihre Familie und ihre Charity an ihnen zerren. Also muß ich Anliegen so formulieren, daß sie die geringst mögliche Zeit in Anspruch nehmen.

Zweitens, Familie steht für die meisten Stars an erster Stelle. Als Will Smith zum Beispiel für einen Oscar nominiert war und der Moment kam, an dem seine Kategorie verkündet wurde, war er plötzlich verschwunden. Was war passiert? Seine Tochter hatte plötzlich hohes Fieber. Er hätte seine Frau Jada  zu ihr nach Hause schicken können, aber an dem Abend, der potenziell der wichtigste Abend seiner Karriere hätte werden können, war es ihm wichtiger, sich um seine Tochter zu kümmern.

Drittens, Promis sind extrem unsichere Leute. Viele von ihnen sind sehr schüchtern. Viele denken, Stars müsste enormes Selbstvertrauen haben, weil sie ständig in der Öffentlichkeit stehen, aber viele Stars können nur vom Teleprompter ablesen und sind völlig verloren, wenn sie mal was aus dem Stegreif sagen sollen. Diese Unsicherheit kann sich darin ausdrücken, daß ein Star jedes Detail kontrollieren will. Er will irgendwie die Kontrolle behalten. Das allerwichtigste ist also, Vertrauen aufzubauen.

Wie machen Sie das?
Wenn ich höre, daß ein Star schwierig ist, dann überlege ich als erstes, weswegen könnte der unsicher sein? Ich helfe Stars, sich sicherer zu fühlen. Letztens habe ich einen Sport-Event organisiert. Zu meiner großen Bestürzung sah ich, daß einem ganz bekannten Filmstar etwas aus der Nase lief. Oh Gott, der war nun gerade über den roten Teppich stolziert und von Dutzenden Paparazzis mit einem Nasenpopel abgelichtet worden. Der Mann gilt als extrem schwierig. Also bin ich auf ihn zu, habe mich vorgestellt und mir diskret mit dem Handrücken über die Nase gewischt. »Mach mal so!« habe ich gesagt. Nachdem er sich von seiner Verlegenheit erholt hatte, war er den Rest des Abends wie Pudding in meinen Händen und hat alles gemacht, was ich ihm gesagt habe.

Können Sie sich vorstellen, als persönliche Assistentin für einen Star zu arbeiten?
Nein, ganz bestimmt nicht.
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe das Präsidentschafts-Rennen dominiert, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass Präsidentschaftsanwärter mit ihren Penisgrößen protzen ist ja nur möglich, weil in Amerika viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas im amerikanischen Wahljahr in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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