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Neue Fotografie 01. September 2016

Ich und Ich

Von Sabine Fischer  Fotos: Luisa Whitton

In Japan boomt die Roboterindustrie. Die Fotografin Luisa Whitton dokumentiert eine gespenstische Nische: die Forschung an menschengleichen Maschinen. Sie hätte nicht gedacht, wie weit einzelne Wissenschaftler dabei gehen.



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Name:
Luisa Whitton
Alter: geboren 1991 in Kent, UK
Ausbildung: MA Photography am London College of Communication
Wohnort: London
Website: www.luisawhitton.com

SZ-Magazin: Für Ihre Fotoserie »What about the heart« haben Sie vier Jahre lang den japanischen Wissenschaftler Hiroshi Ishiguro begleitet. Er kreiert Humanoide, also menschengleiche Roboter. Wie kann man sich das vorstellen?
Luisa Whitton: Professor Ishiguro konstruiert seine Roboter so, dass sie nicht nur wie Menschen aussehen, sondern auch deren Verhalten nachahmen. Sie werden über rund 50 Pneumatikantriebe gesteuert, die so programmiert sind, dass die Roboter sich möglichst menschlich verhalten. Wenn sie in Aktion sind, bekommen sie durch die Bewegung von Kopf und Gesichtsmuskulatur eine Art Mimik – zum Beispiel blinzeln sie genau wie wir.

Wie haben Sie die Arbeit des Forschungsteams in Japan erlebt?

Die meisten meiner Fotos sind in Ishiguros Laboratorien entstanden. Als ich das erste Mal dort war, hatte ich das Gefühl, als würde ich ein Wachsfigurenkabinett betreten. Ich hatte mich zwar vorbereitet und war nicht ganz überrumpelt von den Robotern, aber es war trotzdem unheimlich. In Ishiguros Hauptlabor gibt es zwei Geminoide. Das sind Roboter, die nach einem konkreten menschlichen Vorbild entworfen wurden. Die beiden sitzen dort vor schweren, dunklen Samtvorhängen, fast als stünden sie auf einer Bühne. Das ist sehr gespenstisch.
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Diese Roboter haben Sie auch mehrfach für Ihre Serie fotografiert. Worauf genau haben Sie dabei Wert gelegt?
Mir gefiel die Idee eines sequenziellen Portraits. Auf den ersten Blick sehen die beiden Geminoide aus wie Menschen, sind aber nur die künstliche Abbildung einer Person. Meine Fotos sollen wiederum an klassische Portraitfotografie erinnern. Sie sind quasi das Portrait eines Portraits.

Welchen Zweck erfüllen diese Roboter überhaupt?
Zum einen erforscht Ishiguro, auf welche Weise man solche Maschinen in Zukunft in unser Alltagsleben integrieren könnte. Ob es Vorteile bringt, wenn sie einem Menschen ähnlich sind, weil sie das für die Leute zum Beispiel zugänglicher und vielleicht sogar zu einem Gefährten machen könnte. Außerdem geht es um die Frage, inwiefern diese Art von Technologie unser Verständnis von Identität beeinflusst. Ishiguro erzählte mir von dem Konzept »Sonzai Kan«, also der Frage, ob man Menschlichkeit auf Maschinen übertragen kann. Die Forschung an den beiden Geminoiden ist für ihn der beste Ausgangspunkt, um das zu ergründen.

Inwiefern?

Ishiguro hat die letzten fünf Jahre damit verbracht, einen Roboter nach seinem eigenen Vorbild zu erschaffen, quasi eine Kopie von sich selbst. Er hat versucht, sein Äußeres und seine Persönlichkeit auf den Roboter zu übertragen. Das hat ihn zwar berühmt gemacht, aber er hat mir auch erzählt, dass er dadurch das Gefühl bekomme, der Roboter bestimme seine Identität. Als er älter wurde, hat er deshalb mithilfe plastischer Chirurgie versucht, seinem Roboter-Ich möglichst ähnlich zu bleiben. Als das nicht mehr ging, hat er einen zweiten, älter aussehenden Roboter angefertigt. Ich denke, hier sieht man, welche Auswirkungen diese Art von Forschung auf das Verständnis von Identität haben kann.

Wie beeinflusst das unsere Wahrnehmung von Identität und Menschlichkeit?

Sie wird vager und undefinierter. Ishiguro zum Beispiel ist der Ansicht, dass es kein absolutes Verständnis von Menschlichkeit gibt. Schließlich verwenden wir ja auch künstliche Organe, ersetzen also Teile unseres Körpers durch Maschinen. Ich habe ihn gefragt, was denn dann mit dem Herzen sei. Ohne auf die Metaebene meiner Frage einzugehen, sagte er: »Das ist der einfachste Teil. Künstliche Herzen sind leicht herzustellen. Die Leber ist viel schwieriger.«
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