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Geschichte 01. September 2016

Deutsche Wertarbeit

Von Johannes Waechter  Foto: willma... / photocase.de

Im Nordsee-Urlaub kauft sich SZ-Magazin-Autor Till Raether eine Schiebermütz – und stellt fest, dass sie von einer Firma stammt, die in der Nazi-Zeit gegründet wurde. Kann man, mit diesem Wissen, die Mütze tragen?


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Fragt man die hohe Politik, so ist die Antwort klar: Es darf keinen Schlussstrich unter die deutsche Nazi-Vergangenheit geben. Das hat Bundespräsident Gauck oft bekräftigt, zum Beispiel bei seiner Rede anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz. »Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben«, sagte Gauck. »Er gehört zur Geschichte dieses Landes.« Die Bürger selbst scheinen das allerdings anders zu sehen. Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung aus dem vergangenen Jahr möchten 81 Prozent aller Deutschen die Geschichte der Judenverfolgung »hinter sich lassen«, 58 Prozent sind für den erstmals schon kurz nach dem Krieg geforderten »Schlussstrich«.

Dem SZ-Magazin-Autor Till Raether begegnet die Schlussstrich-Debatte an einem unerwarteten Ort: beim Mützenkauf. »Göttmann. Manufacturer since 1937« steht auf dem Etikett einer blauen Schiebermütze, die er in einem Urlaubsort an der Nordsee erwirbt. Trotz der englischen Formulierung handelt es sich bei Göttmann um einen deutschen Hersteller, ansässig im hessischen Bensheim. Darf eine deutsche Firma mit ihrem Gründungsjahr mitten in der Nazi-Zeit werben? Oder darf heute, über 70 Jahre nach Kriegsende, eine blaue Schiebermütze einfach nur eine Kopfbedeckung sein - egal, wann und unter welchen Umständen der Hersteller gegründet wurde? Als Raether merkt, dass er Form und Farbe der Mütze mag, sie aber trotzdem ungern trägt, beginnt er, dieser Frage nachzugehen.

Ein erster Blick in die Firmenchronik ist wenig ermutigend. Über die Gründerjahre des Unternehmens heißt es dort: »Auch wenn der Anfang in eine schwierige Zeit fällt und die Ansprüche an Materialien nur eingeschränkt zu erfüllen waren ...« Kein Wort vom Nationalsozialismus, stattdessen der Verweis auf eine »schwierige Zeit.« Von einem Historiker, der die NS-Vergangenheit deutscher Unternehmen untersucht, erfährt Raether, das solch ein Verhalten für mittelständische Betriebe gar nicht so ungewöhnlich ist. Während die meisten Großunternehmen ihre Geschichte im Nationalsozialismus inzwischen untersucht hätten, sei das bei kleineren Unternehmen nur selten der Fall, aus dem naheliegenden Grund, »dass sich niemand für sie interessiert.«

Aber hat der Mützenherstellter Göttmann überhaupt etwas zu verbergen? Unter welchen Umständen ist die Firma damals entstanden? Raether versucht, mit dem Unternehmen in Kontakt zu treten, ruft etliche Male an, schickt per Mail einen Fragenkatalog. Keine Reaktion, obwohl er sich natürlich als Journalist zu erkennen gibt, der an einem Artikel über den Umgang mit der Vergangenheit arbeitet. Firmenchef Göttmann meldet sich erst, als Raether kurz vor Erscheinen seines Textes eine Frist setzt.

Lesen Sie hier den Text mit SZ Plus:


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