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aus Heft 36/2016 Gesellschaft/Leben

Anziehungskräfte

Von Tobias Haberl & Xifan Yang  Illustration: Zeloot

In jedem Kleiderschrank finden sich Sachen, die nie getragen werden. Weil sie für jemanden gekauft wurden, der man mal war oder der man werden wollte. Unsere Autoren machen Inventur.

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Tobias Haberl über modische Anti-Codes in seinem Kleiderschrank:

Als ich zwischen 14 und 35 war, fand ich es reizvoll, meine Persönlichkeit oder das, was ich dafür hielt, durch meine Kleidung auszudrücken. Ich war jung, also wetzte ich Löcher in die edlen Wollpullover, die mir meine Mutter zum Geburtstag schenkte. Ich zog in meine erste eigene Wohnung, also kaufte ich mir Anzüge, weil ich dachte, dass ich über Nacht erwachsen geworden war. Ich hatte meinen ersten Job, also trug ich montags ein Halstuch mit Paisley-Muster, dienstags einen speckigen Bundeswehrparka, mittwochs Manschettenknöpfe mit der irakischen Flagge drauf, donnerstags rahmengenähte Budapester und freitags ein Heavy-Metal-Shirt. Okay, dachte ich, das Büroleben mag eintönig sein, aber ich bin unberechenbar, eine Wundertüte, ein Symbol für die Vielfalt und Widersprüchlichkeit des Lebens. Leider war ich nur ein Symbol für Eitelkeit.

Seitdem ich das erkannt habe, habe ich ein Problem: Mein Kleiderschrank ist voll, ehrlich gesagt quillt er über. Und ich? Habe keine Lust auf die Hosen, Hemden und T-Shirts, die Krawatten und Sakkos, die in ihm hängen. Ich besitze sogar mehrere Pyjamas mit Knöpfen, wie Paul Newman sie in Die Katze auf dem heißen Blechdach trägt, weil ich mir vor ungefähr zehn Jahren fest vorgenommen habe, meine Tage ab sofort im Pyjama mit einem Drink auf der Terrasse zu beginnen – bis mir einfiel, dass ich gar keine Terrasse, ja nicht einmal einen Balkon besitze; abgesehen davon schlafe ich viel lieber in Shorts. Und jetzt liegen die Schlafanzüge rum und erinnern mich zusammen mit den anderen Sachen an eine Zeit, in der ich zu viel Geld für Kleidung ausgegeben habe, und an einen Menschen, der sich noch nicht gefunden hatte und seinen Freunden nicht zutraute, sein Wesen auch ohne äußere Hinweise zu erkennen und vielleicht sogar zu mögen.

Seitdem mir Menschen, sogar solche, die ich mal gut gefunden habe, im Internet ständig zeigen, wer sie sind, wo sie sind, wie sie sind und wie sie gerne wären, habe ich nur noch Lust auf das Gegenteil, auf die Nische, den Winkel, das Verschwinden. Das Phänomen der bürgerlichen Repräsentation ist alt, aber noch nie war es so durchschaubar und verlogen wie heute, weil gleichzeitig alle behaupten, keine Statussymbole mehr nötig zu haben, da sie ja sowieso alles teilen. In manchen Momenten finde ich das Spiel mit den Zeichen so peinlich, dass es mir nicht mal mehr genügt, in keinem sozialen Netzwerk zu sein, dann bin ich kurz davor, mein Klingelschild abzuschrauben.

Inzwischen finde ich es rührend bis unangenehm, wenn mir jemand durch seine Kleidung irgendwas mitteilen will. Zum Beispiel, dass er gut verdient, sich für kreativ oder stilvoll hält, an der Börse arbeitet, dem Landadel angehört, ein harter Hund, ein Querdenker oder lustiger Vogel ist, Hip-Hop hört, an einer Elite-Uni studiert, Architekt ist oder regelmäßig die GQ liest. Ich kann nur noch abgegriffene Codes und Anti-Codes erkennen, ein Meer toter Zeichen, einen Kreislauf des Absurden, der eine ganze Branche am Leben hält, aber Originalität längst unmöglich macht. Am liebsten würde ich jeden Tag ein weißes T-Shirt anziehen, wenn es nicht so verdammt auffällig wäre. Im Moment arbeite ich daran, so wenig Signale wie möglich mit meinen Klamotten auszusenden. Natürlich scheitere ich jeden Tag daran, Mode ist Kommunikation, der man nicht entkommen kann, auch nicht durch Ablehnung, aber ich versuche es.

Ich habe noch nie ein Kleidungsstück im Internet bestellt, war seit drei Jahren in keinem Modegeschäft und öffne meinen Kleiderschrank nur, wenn es unbedingt sein muss, zum Beispiel für einen Termin. Die meisten Sachen, die ich gern anziehe, liegen auf einem Sofa im Schlafzimmer: eine Stoffhose aus Vietnam für zwanzig Euro, die zwar keinen Schnitt hat, aber verzaubert sein muss, weil sie im Winter warm und im Sommer kühl hält. Oder ein alter blauer Kaschmirpullover, den ich so oft anhabe, dass ich, wenn Leute mich darauf ansprechen, behaupte, dass ich mehrere davon besitze, was natürlich eine Lüge ist. Dazu ein paar Hemden, weiß, gestreift, klassisch, ein Gürtel, den man wenden kann, dunkelbraun und schwarz, und Zwölf-Euro-Stofflatschen aus einem Seniorenschuhgeschäft in Spanien, von denen ich tatsächlich zehn Paar habe und die mich seit Jahren durch den Sommer bringen. Ein Anzug in Blau, eine Jeans, ein paar T-Shirts in Grau, viel mehr ist es nicht.

Das Geld, das ich in den letzten Jahren nicht für Kleidung ausgegeben habe, habe ich natürlich weder gespart noch in Staatsfonds von Schwellenländern angelegt, sondern mit vollen Händen ausgegeben, meist für Dinge, die viel fragwürdiger und vergänglicher sind als Mode.
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Xifan Yang über den Zauber ihrer New Yorker Taco-Vans:
Mein Kleiderschrank besteht überwiegend aus Schwarz, Weiß, Khaki, Dunkelblau und Beige. Seitdem ich arbeite und öfter reise, habe ich weder Lust noch Zeit, morgens verschiedene Outfits auszuprobieren, außerdem siegt an den meisten Tagen das Bedürfnis in mir, einigermaßen unauffällig auszusehen. Das ist schade, denn eigentlich liebe ich Mode für das genaue Gegenteil: für die kleinen Fluchten aus dem Alltag, die sie ermöglicht. Für das Gefühl, sich mit einem neuen Kleidungsstück in eine andere Person zu verwandeln. Manchmal ist das jemand, der man gerne wäre. Manchmal ist man dieser Jemand insgeheim schon. Manchmal existiert diese Person nur in einem besonderen Moment oder an einem bestimmten Ort.

Die Sneaker von Vans mit dem aufgedruckten Taco-Muster hätte ich wahrscheinlich in keiner anderen Stadt gekauft als in New York. Erstens mag ich Tacos nicht besonders, der Geschmack von Maisfladen erinnert mich an Pappmaché. Zweitens gibt es nicht allzu viele Anlässe, zu denen man in korallfarbenem Skaterschuhwerk mit Fastfoodmotivdruck auflaufen kann, sofern man nicht in einer Bubblegum-Trash-Band spielt oder 17 ist. Trotzdem oder gerade deshalb war es Liebe auf den ersten Blick. Die Schuhe standen in einem Schaufenster in Brooklyn, unweit des Airbnb-Zimmers, in dem ich mit einer Freundin untergekommen war. Jedes Jahr nehmen wir uns vor, zusammen nach New York zu reisen, diesen Frühling hatten wir beide endlich Zeit. Unser Zimmer kostete 130 Dollar die Nacht, bestand aus kaum mehr als einem Doppelbett und war mit eigenartigen Voodoo-Traumfängern dekoriert. Um auf die Toilette zu gehen, musste man den Hausflur überqueren, in dem es Tag und Nacht nach Gras roch. Morgens um sechs wurden wir von tiefergelegten SUVs geweckt, aus deren Fenstern Bässe wummerten.

Ich liebte alles an New York. Zwar habe ich schon einige Großstädte bereist und fünf Jahre in Shanghai gelebt, aber New York toppte noch mal alles. Jeden Tag marschierten meine Freundin und ich kreuz und quer durch Brooklyn und Manhattan; nachts konnte ich nicht schlafen, weil ich so vollgepumpt war mit Energie. In New York kannst du mit einem Lampenschirm auf dem Kopf herumlaufen, und keiner dreht sich nach dir um. Auch das mochte ich sehr. Ich kam zu der Erkenntnis, dass mein bisheriges Leben ohne New York eine einzige Verschwendung gewesen war. Am liebsten hätte ich sofort zu Hause alle Zelte abgebrochen und wäre in die nächstbeste 1000-Dollar-Bruchbude gezogen.

Am Ende hat es nur für die Vans mit den Tacos gereicht. Irgendwas an den Schuhen macht mir unfassbar gute Laune: Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, in der ich Freitagabend um neun planlos das Haus verließ und erst Sonntagnachmittag wiederkam. In der Nächte auf dem Bürgersteig mit billigem Wodka endeten. In der ich noch das Gefühl hatte, dass mir die ganze Welt offensteht. Dass jeden Moment etwas passieren kann, was mein Leben über den Haufen wirft. Es klingt kitschig, weil schon millionenfach besungen und beschrieben: Aber New York gab mir dieses Gefühl zurück. Zurück in München regte sich jedoch der Kleinmut in mir. Vielleicht hat es was mit München zu tun, jedenfalls läuft hier niemand mit Lampenschirm auf dem Kopf herum. Seit meiner Rückkehr verstauben die Schuhe im Schrank. Die Taco-Vans können nichts dafür. Sie haben nichts von ihren Wunderkräften eingebüßt. Allerdings sind sie außerhalb Brooklyns schwer zu kombinieren. Man kann sie maximal zu Rot oder Orange, Weiß und Schwarz tragen. Richtig bürotauglich sind sie nicht. Alle paar Tage schlüpfe ich morgens in sie hinein und laufe einmal den Flur entlang. Bislang habe ich sie jedes Mal wieder zurückgelegt. Wenn ich es mir genau überlege, möchte ich in der Arbeit doch nicht die Kollegin mit den gefüllten Maisfladen auf den Schuhen sein.

Vor ein paar Wochen war ich im Osten Londons. Neben mir im Bus saß ein Typ in einem knallbunt geblümten Anzug, an den Füßen trug er Samtslipper. Er sah großartig aus. Später kam ich wieder an einem Sneaker-Laden vorbei. Im Schaufenster lachten mich khakifarbene Vans an, bedruckt mit einem Schwarm Enten, hinter dem ein Hund herjagt. Leider hatte der Laden schon zu. Aber ich habe die Schuhe im Internet gefunden. Seit Tagen liegen sie jetzt in meinem Warenkorb. Khaki passt eigentlich zu allem.

Tobias Haberl/Xifan Yang

Tobias Haberl hat viele seiner Klamotten verschenkt, manche an Oxfam, andere auf Reisen durch Afrika. Dort freuten sich die Menschen sehr über seine Hemden und T-Shirts, fast so sehr wie über Kugelschreiber, alte Handys oder ein lebendes Huhn vom Markt. Xifan Yang hat noch andere Lieblingsstücke im Schrank, die sie nie anzieht: ein T-Shirt, auf dem der legendäre Rapper Ice Cube lässig aus einem Cabrio lehnt (auch aus New York), diverse Seidenkimonos mit Tierdruck (aus Tokio) und einen giftgrünen Pulli mit einem riesigen Wal drauf (irgendwo aus dem Internet).