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Sport 10. September 2016

Verdirbt der Fußball unsere Kinder?

Von Nataly Bleuel  Foto: Sergey Nivens/Fotolia.de

Früher lernten Kinder beim Fußball Anstand und Fairness. Heute, dass nur das Geld zählt und man mit Anstand nicht weit kommt. Zwischenruf einer empörten Mutter.

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Die Tage, bevor die Saison losging, dachte ich, ha superclever, lädst du dir mal den Spielplan von Werder Bremen auf deinen Kalender. Dann kann dir keiner mehr was vormachen, in deiner Familie voller Werder-Fans. Von wegen: Lass uns lieber Montag an den See fahren; warum müssen wir so lang im Urlaub bleiben; gibt's da WLAN; och, wir bleiben heut Abend mal zuhause, kannst ruhig allein ausgehen.

Seit Jahren nämlich raffe ich es nicht und merke immer erst, wenn meine drei Herren sich vor die Glotze knallen, dass mein Leben nach einem mir im Verborgenen liegenden Plan getaktet ist. Nach dem Spielplan. Aber mittlerweile nicht mehr nur nach dem von Werder in der Bundesliga. Sondern auch von Real, Barça, Arsenal und Chelsea. Kürzlich konnten wir nicht baden gehen, weil man dabei zusehen musste, wie der Lieblingsverein bei einem Drittligisten, von dem noch kein Mensch je gehört hatte... baden ging: Lotte?

Aber ich bin ja so naiv! Hab ja nüscht geschnallt! Dass nämlich hinter meinem Rücken auch meine Erziehungs-Ideale, Werte, Moralvorstellungen und Träume von Anstand, Fairness, Verhältnismäßigkeit, Loyalität und ja: Haltung zunichte gemacht werden. Durch den Fußball.

Ich so zu meinen Jungs, als sie auf ihrem Smartphone die Message sichten, dass Serge Gnabry zu Werder gehen könnte (und den hatte ich mir gemerkt, weil: jung, hübsch und lustige Locken): »Aber was habt ihr von dem schnuckligen Gnabry, wenn ihr einen so beschissenen Trainer habt?« (Den ich mir auch gemerkt hatte, weil: die Laune - nach Lotte!).

Darauf meine Jungs, synchron: »Egal, Hauptsache, wir haben Gnabry in unserer Mannschaft - auf der Playsi.«

Da fiel es mir so was von den Augen. Wir gingen gerade runter in einen U-Bahn-Schacht, eigentlich kein Ort für Erleuchtungen, so dreckig und duster. Doch es traf mich der Blitz. Sie glauben, Sie müssten sich vor der Generation Smartphone fürchten? Ha!, hier kommt die Generation Playstation!
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Und die tickt so: Wir spielen FIFA. Auf der Konsole. Das ist die Fußball-Welt wie in echt. Nur besser. Weil wir hier die Akteure sind, also die besseren Trainer. Das wäre an sich nicht verwerflich. Denn im Spiel kann man die schreckliche Realität wegdribbeln. Das Blöde ist nur: Die Regeln bleiben die gleichen. Und was, wenn die Regeln und diejenigen, die ihnen folgen sollten, also die Vorbilder, völlig verkorkst sind? Und meine Kinder ihnen alles nachmachen?

Zum Beispiel sprechen meine Söhne nicht mehr von La Liga oder der Premier League. Sie spielen, per Playsi, in der BBVA und der BPL. BBVA wie Banco Bilbao Vizcaya Argentaria und BPL wie Barclays Premiere League. Es sind die spanischen und englischen Ligen, in der Hand der Banken. Und es ist klar, das Geld regiert die Welt. Das lernen die Kinder so. Und schämen sich, dass Werder Wiesenhof als Sponsor hat. Seit sie mal in einem Film gesehen haben, wie Großbetriebe mit Hühnern verfahren. Ich glaube, ein Apple-Stadion fänden sie richtig stark.

Meine Kinder lachen sich über eine Ablösesumme von zwei Millionen für einen Spieler schlapp, peanuts! Obwohl sie wissen, der Große sagt es beiläufig, dass man mit zwei Millionen Euro sehr gut durch ein ganzes Leben käme. Aber jetzt, wo man für Shkodran Mustafi 40 Millionen kriegen kann? In echt, und beim Spieler-Handel im Ultimate Team der Playsi in points? Und für den schnuckligen Leroy Sané 50 Mille?

Meine Kinder gewöhnen sich daran, dass man, sobald einer mit Unsummen und Stardom wedelt, alles stehen und liegen lässt. Sein Team, seine Leute, seine Geschichte. Als mein Kleiner zum ersten Mal mit einer Top-Mannschaft spielte, wollte er anschließend umgehend seinen Verein verlassen: »Weil, die sind so scheiße.« Plötzlich.

Meine Kinder kriegen schon mit, dass diejenigen, die die Regeln im Sport bestimmen, korrupte Kerle sind, die mit Astro-Summen jonglieren, Drogen aka Doping durchgehen lassen, für nichts und nie die Verantwortung übernehmen, trotzdem Präsidenten bleiben und sich nicht an die Regeln halten, die sie selbst mitaufgestellt haben.

Kinder haben ja eigentlich sehr feine Antennen für Doppelmoral, Ungerechtigkeiten, Unsportlichkeit. Wenn ich mal eben ans Smartphone gehe, obwohl ich einen smartphonefreien Tag für toute la famille verordnet habe, regen sie sich tierisch auf. Eigentlich, habe ich also gesagt, müsstet ihr den Fußball boykottieren. So wie ihr auch keine Wiesenhof-Wings verputzen wollt, sondern glückliche Chicks.

Doch dann hängen wir wieder vorm Bildschirm und gucken. Am Spielfeldrand stehen die Herren in teuren Anzügen. Übers Feld rennt jubelnd ein schnuckliger Sané und ich frohlocke: Hoch mit dem Trikini! Doch das ist untersagt. Stinkefinger sowieso. Und nun auch, seine Kinder nach dem Spiel mit aufs Feld zu nehmen. »Sauber«, rufe ich demonstrativ, und: »scheinheiliger Scheiß«.

Aber meine Söhne sehen das viel differenzierter. »Wenn er das Trikot lupft«, sagt der Große, »sieht man doch den Sponsor nicht!«

Und der Kleine: »Das macht eh nur Ronaldo, weil, der hat sein Sixpack an Armani verkauft.«
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