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aus Heft 37/2016 Medien

Ich, verbesserlich

Von Michalis Pantelouris  Illustration: Maria Monteiro; Foto: Clarissa Schwarz / photocase.de

Auf Instagram ist jeder sein eigener Pressesprecher – und macht Dinge, die im normalen Leben lächerlich sind. Das hat einen einleuchtenden Grund.

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Als ich meiner Tochter auf Instagram zu folgen begann, hatte sie vor mir schon sieben Follower. Es war ihr erster Tag auf der Foto-Plattform, und außer mir waren ihre Freunde dort auch Freunde aus dem richtigen Leben, was bei meiner Tochter heißt, aus dem Reitstall. Alle diese Mädchen posten Bilder von Pferden, und von sich selbst mit diesen Pferden. Drei Tage später hatte meine Tochter 397 Follower, und ich sorgte dafür, dass bei ihren Fotos nicht mehr automatisch angezeigt wurde, wo sie aufgenommen worden waren. Väter von jugendlichen Töchtern haben Ängste, und meine Tochter sieht auf Instagram älter aus als sie ist. Und wunderschön. Ein Vater sagt das immer, ich weiß, aber sie ist wunderschön. Und ich hatte das Gefühl, sie wurde jeden Tag schöner auf den Bildern. Dann guckte ich noch einmal genau hin und stellte fest: Sie wurde tatsächlich jeden Tag schöner. Meine Tochter lernte rasend schnell, wie sie gucken und den Kopf und ihre Handykamera halten musste, um auf den Selfies besonders gut auszusehen. Sie fährt fast jeden Nachmittag in den Stall, auch wenn sie selbst an diesem Tag nicht reitet. Stattdessen drehen sie und ihre Freundinnen Videoclips, um sie auf »Insta« zu stellen, wie es bei 13-Jährigen kurz heißt. Diese Videos sind mit allen möglichen Effekten bearbeitet und oft wirklich aufwendig inszeniert. Es ist eine Freude. Und es macht mir Angst. Manchmal denke ich, meine Tochter macht Dinge nur deshalb, weil sie auf Instagram gut ankommen.

»Ich erkenne die Insel gar nicht wieder«, erzählte mir ein Freund, dessen erwachsener Sohn mit seiner Freundin gerade Urlaub in Italien machte. Dem Foto-Feed der beiden folgen Zehntausende, und sie posteten alle paar Stunden neue Bilder. »Dauernd sieht man sie auf einem Boot oder an einem Felsen oder sonstwo. Eigentlich geht man da morgens am Hafen frühstücken und dann liegt man auf einer Sonnenliege. Fertig.« Die Sorge, die da mitschwingt, ist die gleiche wie meine: Natürlich ist nichts falsch daran, mehr mit Pferden zu spielen oder plötzlich – anders als früher – ein Motorboot zu mieten. Im Gegenteil, es fühlt sich an wie mehr Leben. Aber kann es sein, dass inzwischen der wichtigste Punkt an diesem Mehr-Leben ist, wie es auf Instagram aussieht? Es spricht eine Menge dafür.

Pamela Reif ist unter ihrem Alias Pamela Rf mit fast zweieinhalb Millionen Followern die deutsche Königin von Instagram. In einer August-Ausgabe der Bravo gab sie Jugendlichen Tipps wie: »Wenn man nicht wegfährt, kann man Fotos im Schwimmbad oder in der Stadt machen. Ich suche immer nach schönen Türen oder Wänden.« Geht nur mir das so oder ist die dahinterliegende Botschaft: Du sollst dein Leben instagramwürdig machen? In der Frauenzeitschrift L’Officiel beschreibt ein New Yorker Stylist, wie er beim Essen mit einer Kollegin perplex das fürchterlich übertriebene Make-up einer Gruppe junger Frauen am Nebentisch zu analysieren versuchte. Während alle einschlägigen Magazine und Modehäuser seit Jahren einen natürlichen, fast ungeschminkt wirkenden »Nude«-Look propagieren, hatten diese Mädchen fast clownesk stark betonte Konturen. Irgendwann fiel es den beiden ein: Diese aufgemalten Gesichter wirken in der Realität bizarr, geradezu hässlich – aber sehr schön auf Selfies. Diese Mädchen schminken sich nicht mehr für die Handvoll Menschen, denen sie tatsächlich begegnen, sondern für ihre Hunderte, Tausende und Zehntausende »Freunde« in den sozialen Medien.

Ihre Göttin ist Kim Kardashian, eine jener Prominenten, die fürs Berühmtsein berühmt sind, und die Großmeisterin des Selfies ist (sie hat ein ganzes Buch mit Bildern von sich selbst veröffentlich unter dem Titel Selfish, selbstsüchtig). Alles an ihr wirkt Comic-haft übertrieben: Augenbrauen, Wimpern, Wangenknochen, schmale Nase und großer Mund (um mal nur vom Gesicht zu sprechen). Und ja, es mag auf das Gegenüber grotesk wirken – aber nicht auf Instagram.

(Symbolfoto)


Es ist die Zuspitzung von etwas, was mir einst wie eine Befreiung vorkam: Mit Facebook ging für mich eine riesige Erleichterung einher, weil ich plötzlich an einem einzigen Ort befreundet war mit meiner Mutter und meinen sittlich fragwürdigsten Kumpels aus Schulzeiten. Wenn ich früher aus dem Urlaub kam, erzählte ich sechs verschiedenen Leuten sechs verschiedene Geschichten darüber, was ich erlebt hatte, für jeden Zuhörer eine andere. Ich war sechs verschiedene Facetten meiner selbst. Auf einmal war das anders. Facebook ist, als hätte man zu jedem Zeitpunkt die ganze erweiterte Familie und alle Freundeskreise in einem Raum versammelt. Das diszipliniert ungemein, denn man kann nicht einfach allen alles sagen, hat aber den Vorteil, dass alle Anwesenden im Großen und Ganzen ein und dieselbe Person erleben. Es gibt keine Versionen von Geschichten mehr zu jonglieren. Das Internet mag Menschen die Möglichkeit bieten, anonym zu sein, mit all den Vor- und Nachteilen. Aber es liefert auch die Möglichkeit, unter seinem echten Namen man selbst zu sein, sichtbar für alle gleichzeitig.

Man müsste schon unmenschlich uneitel sein, um dieses eine Selbst nicht zumindest etwas optimiert darzustellen, das ist mir klar, ich mache das ja auch. Ich versuche einigermaßen erfolglos auf Fotos schlanker auszusehen, als ich bin. Ich versuche, klug und witzig zu wirken, so als wären die täglich fünf guten Minuten mein Normalzustand. Und mir ist klar, dass manche ihre Online-Persönlichkeit so optimieren, dass sie mit der Person, die im Analogen dahintersteckt, vielleicht nur wenig zu tun hat. Das ist, was Prominente seit jeher tun: die öffentliche und die private Person trennen. Aber das hier ist etwas anderes: Wer sein Leben für Instagram optimiert, der lebt ja immer öffentlich. Das Private, sagen wir: die Menschen mir gegenüber beim Abendessen, erleben mich zwar, aber ich bin gar nicht bei ihnen. Sie sind nur die Kulisse für die vielen anderen, für die ich mich optimiere. Es gibt eigentlich nur noch die Person im sozialen Netz, der nervige, optimierungsbedürftige Körper meines Offline-Lebens dagegen ist nur noch Trägermasse für Nasenkontur-Make-up. Das geht so weit, dass manche Make-up-Firmen ihre Produkte mit dem Hinweis vermarkten, sie wirkten wie die Software-Filter von Instagram, die Motive schöner und interessanter aussehen lassen, als sie sind. Auf dass die reale Welt endlich so schön werde, wie sie es im Netz längst ist.

Meine Tochter musste auf meine Bitte ihren Instagram-Feed in eine geschlossene Gruppe verlegen, in der nur die Mädchen aus dem Reitstall sind. Mir ist das lieber so. Und im Fall der Fälle werde ich dann wohl so lange in den Kommentaren darauf drängen, dass sie ihre Augen stärker betont und die Wangenknochen mehr hervorhebt, bis sie das genaue Gegenteil macht. Ob on- oder offline: Irgendwie funktionieren wir ja doch alle gleich.

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Michalis Pantelouris

hat Accounts auf allen wichtigen und fast allen unwichtigen Online-Plattformen und weiß deshalb, dass seine Töchter diese Erfahrung nicht selbst machen müssen. Das Gleiche gilt seiner Ansicht nach fürs Rauchen und ungefähr 77 andere Dinge. Seine Töchter haben da eigene Meinungen.

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