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Mode 04. Oktober 2016

Späte Umbrüche

Von Sabine Fischer   Fotos: Instagram

Jahrelang war Judith Boyd Krankenschwester in der Psychiatrie, mit 67 wurde sie zur Modeikone und zum Instagram-Star. Die Geschichte eines Neuanfangs.

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SZ-Magazin: Judith, sind Sie gern 73?

Judith Boyd: Absolut.

Hm. Ist das jetzt die »Ich-bin-Modebloggerin«-Standardantwort?
Das könnte man denken! Ich will zwar erreichen, dass Frauen in meinem Alter nicht als tattrige alte Schachteln wahrgenommen werden. Aber ich hatte wirklich nie Angst vor dem Altwerden. Warum auch? Mit ein bisschen Glück werden wir das alle. Und im Alter steckt noch so viel Veränderung und Energie.

Dafür sind Sie ja das beste Beispiel: Auf Instagram haben Sie inzwischen über 20.000 Follower, Ihr Modeblog »Stylecrone« starteten Sie mit 67 Jahren, davor haben Sie jahrzehntelang als Krankenschwester in einer Psychiatrie gearbeitet. Wie war es, in diesem Alter noch mal ganz neu anzufangen?
Ich mag Veränderungen und versuche, neuen Möglichkeiten gegenüber offen zu sein, deshalb fiel mir der Neuanfang relativ leicht. Aber ich hatte vorher kaum Berührungspunkte mit der Blogger-Sphäre, in die ich da hineingestolpert bin. Vor langer Zeit habe ich mal von »Style Rookie« gelesen, dem Blog von Tavi Gevinson. Sie hat angefangen zu bloggen, als sie gerade 11 Jahre alt war und ich habe mich gefragt, ob es jemanden am anderen Ende des Altersspektrums gibt. Dass ich mich wirklich getraut habe, da mitzumischen, war dann aber situationsbedingt.

Weil Ihr Mann an Krebs erkrankt ist?
Genau. Meinem Mann wurde 2005 eine seltene, sehr aggressive Krebsart diagnostiziert. Ich habe die letzten neun Monate seines Lebens gebloggt und weiter gemacht, nachdem er gestorben ist.
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Warum war gerade das der Moment für ein neues Projekt? Ist man da nicht eher mit sich selbst beschäftigt?

Doch, man lebt erstmal nur noch um die Krankheit herum. Für uns waren das Trauma, der Krebs und die Behandlung omnipräsent. Wir lebten plötzlich in dieser neuen, verwirrenden Normalität und fühlten uns der Realität vollkommen ausgeliefert. Das Blog war eine Art Ablenkung. Wir konnten uns auf etwas anderes, Positives konzentrieren und dadurch die Krankheit leichter ertragen.

In diesem Kontext entstand auch Ihre Modeserie »What to Wear to Chemo«, oder?

Ja. Die Modestrecke war unsere Art, mit dem Stress der Chemotherapie umzugehen. Während seiner Behandlung hatte mein Mann Nelson über 70 Chemositzungen und wir verbrachten viel Zeit in Krankenhäusern. Irgendwann haben wir angefangen, Fotos von mir in meinen extravaganten Outfits zu machen, während wir allein in einem Behandlungszimmer waren. Diese Räume sind furchtbar bedrückend, meistens wartet man auf Testergebnisse und ist angespannt und ängstlich. Ich wusste, dass die Mode da helfen kann.

Woher wussten Sie das?

Ich hatte die Erfahrung schon früher in meinem Beruf gemacht. Nach meinem Schulabschluss wurde ich Krankenschwester, in den 60ern war das eine der wenigen Karrieremöglichkeiten für Frauen. Ich war nach der Highschool viele Jahre in der psychiatrischen Notfallambulanz und habe dort mit schwer traumatisierten Menschen gearbeitet.

Und wie war Ihnen die Mode da eine Hilfe?
Ich habe tagsüber viele schmerzvolle und schlimme Geschichten erlebt, die ich abends nicht einfach abschütteln konnte. Die Mode war für mich da eine Art Ausgleich. Wir mussten ja damals keine Uniformen tragen, also habe ich mir jeden Morgen ganz sorgfältig ein Outfit zusammengestellt, das ich im Krankenhaus tragen würde. Für mich hatte das etwas Meditatives. Es war etwas, das ich kontrollieren und wodurcn ich näher an meine Patienten herankommen konnte.

Wie meinen Sie das?

Für meine Patienten war ich die Person, die im verwundbarsten und chaotischsten Moment ihres Lebens plötzlich an ihrer Seite war - eine Fremde, aber vielleicht gerade deshalb ein Trost. Im Krankenhaus war ich mit meinen bunten Outfits immer ein Paradiesvogel. Mein Stil spiegelte wider, dass es mir gut ging und das hat viele von ihnen mitten im Angesicht ihrer eigenen Krise berührt. Da ist mir klar geworden, dass Mode ähnlich wie Kunst wirkt und wie sehr sie in diesen Momenten verbinden kann.

Als Bloggerin haben Sie sich dann später ausschließlich der Mode gewidmet und mehrmals für den Fotografen Ari Seth Cohen posiert. Er holt für sein »Advanced Style Movement« ausschließlich ältere Models vor die Kamera. Was ist Ihnen da in Erinnerung geblieben?

Ari Seth Cohen setzt viel daran, das Stigma der älteren Frau in beigen Hosen und Strickpullover zu brechen. Mit ihm zu arbeiten hat mir nach Nelsons Tod viel Kraft gegeben und mir Mut gemacht, mich neu zu entdecken. Ich finde, er bewegt viel, wenn es um das Bild der älteren Frau in der Öffentlichkeit geht.

Wie sieht dieses Bild Ihrer Meinung nach momentan aus?
Alter wird in den Medien fast immer mit Niedergang und Verfall verbunden. Diese Form der Altersdiskriminierung ist vor allem in den USA ein Problem, das von vielen verinnerlicht wurde - ältere Menschen werden schlicht nicht mehr als wertvoller Teil der Gesellschaft wahrgenommen. Andererseits ist auch die Modeindustrie selbst das Problem: Indem sie sich auf junge Models versteifen, verlieren die Designer eine ganze Bevölkerungsgruppe aus den Augen. Die Modeindustrie ist so hinterher, wenn es darum geht, das Älterwerden zu repräsentieren - wenn ihr das irgendwann mal klar wird, hatten wir Einfluss.

Aber es gibt Gegenbeispiele: Das Model Yasmina Rosi hatte ihren Durchbruch mit 59. Sarah Jane Adams ist jetzt 61 Jahre alt, entwickelt sich aber gerade zum Instagram-Phänomen. Glauben Sie, dass sich da etwas verändert?

Ja, es passiert momentan einiges und ich bin froh, dass ältere Frauen in den Medien durch so starke Gesichter repräsentiert werden. Es gibt jetzt ein Publikum, das das Alter wertschätzt und darauf reagiert auch die Modeindustrie. Diese Prozesse sind zwar langsam und noch lange nicht abgeschlossen, aber sie finden statt. Meiner Meinung nach hatte Ari Seth Cohen daran einen entscheidenden Anteil.

Weil er das Alter entstigmatisiert?
Ja, er gibt uns älteren Menschen die Möglichkeit, zu zeigen, dass wir eben keine tatterigen alten Leute sind, die sich für nichts mehr interessieren. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, wie viel Energie Menschen über 60 noch haben. Ari macht zum Beispiel gern Fotos von Menschen, die um die 100 Jahre alt sind. Eines seiner Models hat er vor kurzem gefragt, was sie an ihrem 100. Geburtstag vorhabe – und sie hat geantwortet: »Ich fahre auf die Bahamas. Mit meinem Freund.« Das sagt eigentlich alles.
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