Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 19°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 41/2016 Musik

»Ich habe das Wort Flüchtling gehasst«

Interview: Christoph Cadenbach  Foto: Eva Baales

Als Kind musste die Rapperin M.I.A. aus Sri Lanka nach England fliehen. Heute ist ihr klar: Hätte sie es nicht in dieses Flugzeug geschafft, wäre auch sie eine Soldatin der Rebellen geworden.

Vom Bürgerkriegsflüchtling zum Popstar – Mathangi Arulpragasam, die sich als Musikerin M.I.A. nennt, hat einen erstaunlichen Aufstieg erlebt. 1985 floh ihre Mutter mit ihr aus Sri Lanka nach England, wo sie in prekären Verhältnissen groß wurde. Zwanzig Jahre später veröffentlichte sie ihr erstes Album Arular, benannt nach ihrem Vater, der Mitglied einer militanten tamilischen Rebellengruppe war. 2009 war sie für einen Song auf dem Soundtrack zu Slumdog Millionaire für den Oscar nominiert. 2012 trat sie gemeinsam mit Madonna beim Superbowl auf, einem der größten Sportereignisse der Welt. Ihre Musikvideos wurden millionenfach angesehen. Es sind grelle Inszenierungen, in denen es auch um Krieg, Gewalt und nicht zuletzt das Schicksal der Flüchtlinge geht. In ihren Songtexten spiegelt M.I.A. immer wieder die eigene Biografie.


Anzeige
SZ-Magazin: Im Juli 1983 brach in Sri Lanka, dem Heimatland Ihrer Eltern, ein Bürgerkrieg aus, der erst 26 Jahre später endete. Sie waren gerade acht geworden. Wie haben Sie diesen sogenannten Schwarzen Juli erlebt?

M.I.A.: Ich saß draußen vor unserem Haus, es war Nacht, und in der Ferne sah ich Feuerschein und Rauch. Jeder aus unserer Nachbarschaft war auf die Straße gerannt, um zu verstehen, was da los war. In unserem Viertel gab es kein Telefon, also hatte auch niemand Informationen. Aber jedem war klar, dass gerade etwas passierte. Dass es jetzt los ging.

Sie sind Tamilin. Der Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen hatte sich in den vorangegangenen Jahren zugespitzt. Viele Tamilen fühlten sich diskriminiert und wollten für einen unabhängigen tamilischen Staat kämpfen. Tamilische Rebellen töteten 13 Soldaten der sri-lankischen Armee. Die Singhalesen rächten sich, vermutlich unterstützt von Polizei und Militär: Sie brannten tamilische Dörfer nieder, bis zu 3000 Tamilen starben.
Einige meiner Cousins sind halb tamilisch, halb singhalesisch. Sie lebten damals in Colombo, der sri-lankischen Hauptstadt. Einer meiner Cousins wurde aus dem Haus gezerrt und sollte einen Tamilen erschießen, um zu beweisen, auf welcher Seite er stand. Er weigerte sich – und hatte Glück, dass ihm nichts passierte. Es war eine krasse Zeit.

Wie hat Ihnen Ihre Mutter erklärt, was gerade geschah?
Ich wusste damals bereits, dass es politische Spannungen gab, dass etwas sehr Ernstes im Gange war und unser Leben verändern sollte. Der Grund war mein Vater, den ich kaum kannte, weil er fast nie zu Hause war. Aber wenn ich mit meiner Mutter auf der Straße unterwegs war, sprachen uns oft fremde Leute an. Sie bedankten sich bei uns: Mein Vater sei so ein toller Mann! Er tue so viel für die Tamilen!

Ihr Vater Arul Pragasam war einer der Gründer der Eelam Revolutionary Organization of Students, kurz EROS, einer linken, militanten Tamilengruppe. Er studierte Marx und ließ sich in einem PLO-Trainingslager im Libanon ausbilden. War er ein Kämpfer oder ein Denker?
Definitiv ein Denker. Ein Wissenschaftler. Als er 15 war, schickten ihn seine Eltern auf eine Schule nach Russland. Er blieb dort zehn Jahre und studierte in Moskau Ingenieurwissenschaften. Er war anders als alle Tamilen, die ich kannte. Ein Einzelgänger, der am liebsten Bücher liest, Gandhi und Malcolm X zitiert, selbst schreibt. Die Menschen sahen in ihm einen Intellektuellen, einen Ideologen des tamilischen Kampfes.

War Ihre Familie privilegiert aufgrund des Status Ihres Vaters?
Nein. Meine Eltern hatten bis zu meiner Geburt 1975 für einige Jahre in England gelebt, in sehr armen Verhältnissen. Als ich sechs Monate alt war, zogen sie mit mir zurück nach Sri Lanka, nach Jaffna, der größten Stadt im Norden der Insel, in einen einfachen Vorort. Wir wohnten bei der Familie meiner Mutter, im Haus meiner Großeltern. Mein Vater kam nur alle sechs Monate kurz zu Besuch, weil ihn die Revolution in Atem hielt. Aber die Revolution bezahlt halt nicht, deshalb hatten wir kaum Geld.

Haben Sie trotz allem zu Ihrem Vater aufgesehen?
Ich hatte nie eine echte Beziehung zu ihm, ich war immer ganz anders als er. Eher kreativ als akademisch. Schon als Kind liebte ich Musik, liebte es zu tanzen, so wie viele aus der Familie meiner Mutter. Ihnen fühlte ich mich nahe. Meine Mutter hatte zwölf Geschwister, die wiederum jeweils acht oder zehn Kinder hatten, und fast alle wohnten in unserer Straße. Es war eine andere Welt als die meines Vaters. Auch heute habe ich kaum Kontakt zu ihm.

Unterstützte Ihre Mutter Ihren Vater?
Nein. Meine Mutter hasste Politik und versuchte, mich und meine beiden Geschwister so gut es ging davon abzuschirmen. Die Ehe zwischen den beiden war arrangiert, sie waren gezwungen worden zu heiraten. Andere Revolutionäre nahmen ihre Frauen und Kinder damals mit in den Untergrund. In der tamilischen Kultur ist die Familie das Wichtigste. Mein Vater wollte aber lieber allein sein mit seinen Büchern. Er war berühmt dafür, ein Sonderling zu sein.

1985 floh Ihre Mutter mit Ihnen und Ihren beiden Geschwistern nach England.
Wir hatten es zuvor schon ein paarmal versucht, aber unser Bus von Jaffna nach Colombo war von der sri-lankischen Armee jedes Mal aufgehalten worden. Die Soldaten holten die Männer aus dem Bus und erschossen sie. Uns schickten sie zurück. Auf unserer letzten Fahrt stoppten wir an einem Teehaus. Daneben stand ein Baum, in dem Leichen hingen. Niemand schaute hoch, aber ich konnte nicht anders. Zurück im Bus musste ich kotzen.

Wer hatte Ihre Reise von Colombo nach London bezahlt?
Leute aus unserem Viertel, sie hatten uns Flugtickets gekauft. Sie fürchteten, dass die Armee ihnen noch mehr Probleme macht, wenn wir länger bleiben. Wegen meines Vaters galten alle unsere Nachbarn als Rebellen.

In England wurden Sie und Ihre Familie die ersten Wochen in einem Flüchtlingsheim untergebracht, dann in einer kleinen Wohnung in einem Sozialbau in Südlondon. Auf den Straßen riefen Ihnen Engländer abfällig »Paki« hinterher.
Das war sehr verwirrend, weil ich anfangs nicht wusste, was das heißt. Meine Tante, die schon länger in London lebte, erklärte mir, dass Paki ein rassistischer Ausdruck für Pakistaner ist. Und dass ich jedem den Mittelfinger zeigen soll, der mich so nennt. Das habe ich dann gemacht. Trotzdem blieb es verwirrend, weil für mich Paki überhaupt nicht abschätzig klang. Ein Tamile zu sein war in meinen Augen das Beschissenste, ein Pakistaner zu sein vielleicht gar nicht so schlecht.

Sie waren elf Jahre alt, als Sie in England ankamen. Sie kannten die Sprache und die Kultur nicht. Dennoch schafften Sie es auf die Universität und schlossen mit 22 Jahren ein Filmstudium am angesehenen Central Saint Martins College ab. Warum war Ihr Weg im fremden Land so erfolgreich?
Wir hatten Sri Lanka mit der Gewissheit verlassen, dass unsere Welt dort nicht mehr existierte. Vom ersten Tag in England an wollte ich aber auch kein Flüchtling sein. Ich hasste dieses Wort und wollte nicht so genannt werden, das war mir peinlich. Ich war bereit, mich zu assimilieren. Und ich kannte bereits einige Codes. Mein Großvater, bei dem wir in Sri Lanka gelebt haben, hatte früher ein Kino geführt, in dem Filme aus dem Westen liefen, James Bond zum Beispiel und Hollywoodklassiker der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Meine Onkel kopierten das, was sie dort sahen, rauchten Zigaretten, schmierten sich Gel in die Haare, wollten James Dean sein. Schon sie hatten massive Identitätsprobleme, verglichen mit anderen Tamilen. Ich wuchs mit diesen unterschiedlichen Codes auf. Beide Seiten meiner Familie brachen auf verschiedene Weise mit dem traditionellen tamilischen Leben.

Die tamilischen Rebellen rekrutierten Kinder als Kämpfer und schickten Hunderte Selbstmordattentäter in den Tod. Deshalb betrachteten die westlichen Staaten sie als Terrororganisation. Bekannt waren die Rebellen auch dafür, Frauen als Soldaten in den Krieg einzubinden, ähnlich wie die kurdische PKK. Konnten Sie als Studentin, die in England lebt, verstehen, was diese Frauen in den Kampf treibt?
Hätte ich nicht in diesem Flugzeug nach England gesessen, wäre auch ich eine dieser Frauen geworden. Das wäre meine Zukunft gewesen, es gab nichts anderes.

Die tamilischen Rebellen, die sich Tamil Tigers nannten, finanzierten sich vor allem durch Spenden von Exil-Tamilen. Haben auch Sie gezahlt?
Nein.

2009 endete der Bürgerkrieg sehr blutig. Die Regierungstruppen drängten die Tamil Tigers immer weiter zurück. Sie beschossen dabei auch Schutzzonen, in die Zivilisten geflüchtet waren. Etwa 40 000 Menschen sollen allein in den letzten Wochen gestorben sein. Warum wurden diese Verbrechen noch nicht juristisch aufgearbeitet?
Weil es nicht im Interesse vieler Länder ist, die politischen Druck ausüben könnten, aber selbst Kriegsverbrechen begehen. Ich glaube, wenn die Tamilen den früheren sri-lankischen Präsidenten Mahinda Rajapaksa, der während der letzten Kriegsjahre im Amt war, in Den Haag vor dem Internationalen Strafgerichtshof sähen, gäbe ihnen das Hoffnung. Denn in Sri Lanka haben wir heute noch einen repressiven Staat, der zum Beispiel Menschen einfach Land wegnimmt. Meine Verwandten haben das selbst erlebt. Und auch ich kann dieses Land nicht zurückfordern, obwohl ich ein sri-lankischer Popstar bin.

Wenn Sie in den Nachrichten die Bilder aus Aleppo sehen: Erinnert Sie das an den Bürgerkrieg in Sri Lanka?
In Syrien ist es sehr viel komplizierter: Die Syrer werden gerade von jeder verdammten Nation dieser Welt bombardiert – Russland, Amerika, Türkei, Europa. So etwas habe ich noch nicht gesehen.

Wie würden Sie einem elfjährigen syrischen Mädchen Mut machen, das gerade in einem deutschen Flüchtlingsheim angekommen ist?
Ich würde ihr sagen, dass es nicht das Ende ist, seinen Wohnort und seine Identität zu wechseln. Dass solche Veränderungen ein Leben lang passieren können, und dass sie schön sind. Als ich ein Baby war, sahen die Menschen in mir eine tamilische Migrantin, die in die englische Arbeiterschicht geboren wurde. In Sri Lanka war ich dann eine Tamilin aus einer bekannten politischen Familie. Zurück in England war ich ein Flüchtling und für manche ein Paki. Ich wurde mein Leben lang in wechselnde Kategorien sortiert. Und dann war ich auf einmal ein Popstar. Dann die Frau eines Milliardärs, eine Elitäre.

Sie waren einige Jahre lang mit Benjamin Bronfman liiert, dessen Familie das einst weltweit größte Spirituosen-Unternehmen Seagram aufgebaut hat. Mit ihm haben Sie einen gemeinsamen Sohn.
Ich habe viele Identitäten ausprobiert. Alle sind wichtig, aber keine ist bedeutender als die andere. Der Flüchtlingstraum wird meistens als ein kapitalistischer Traum beschrieben, aber das ist nur eine Dimension. Ich könnte zum Beispiel ein sehr, sehr reicher Popstar sein, wenn ich etwas weniger über Politik reden würde. Aber das will ich nicht. Also habe ich mich dazu entschieden, bloß ein durchschnittlich reicher Popstar zu sein.

Anzeige

Christoph Cadenbach

findet die Musikvideos von M.I.A. deutlich interessanter als das übliche Angebergehabe anderer Popstars. In Borders zum Beispiel (von ihrem neuen Album AIM) zeigt sie sich inmitten von Menschen, die dicht gedrängt auf einem Holzboot über ein unruhiges Meer treiben.

  • Musik

    Persönliche Noten

    In Bayreuth, Salzburg und anderswo beginnen wieder die Festspiele. Wer im Publikum sitzt, muss verrückt sein. Unser Autor weiß das aus eigener Erfahrung.

    Von Florian Zinnecker
  • Anzeige
    Musik

    »Niemand möchte ernsthaft Bratsche spielen«

    Nach Anfangsjahren in der klassischen Musik gründete John Cale zusammen mit Lou Reed The Velvet Underground. Im Interview verrät er, wie ihn seine Kindheit in einem walisischen Bergarbeiterhaushalt bis heute prägt.

    Von Gabriela Herpell
  • Musik

    »Ihr könnt uns mal, wir feiern hier«

    Das Festival »Rock am Ring« wurde wegen Terrorgefahr unterbrochen. Jetzt geht es weiter. Aber wie fühlt sich das für die Besucher an? Unser Kollege ist vor Ort und weiß jetzt: gegen Angst singt man am besten.

    Von Michalis Pantelouris