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aus Heft 42/2016 Reise

Totentanz

Von Johannes Waechter  Illustration: Bene Rohlmann / Sepia

Friedhöfe sind gute Orte zum Spielen, Feiern und Heiraten - sobald dort niemand mehr bestattet wird. Manchmal sogar schon vorher.



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Spielfreude


Viele deutsche Städte haben das gleiche Problem: Weil sich immer mehr Menschen für eine Feuerbestattung entscheiden, werden die großen Friedhofsflächen, die vor Generationen angelegt wurden, nicht mehr gebraucht. Allerdings ist es nicht einfach, einen Friedhof anders zu nutzen, da die Ruhefristen der Gräber beachtet werden müssen. Eine kluge Lösung fand sich vor vier Jahren in Berlin, wo Teile des St. Marien- und St. Nikolai-Friedhofs in Prenzlauer Berg in den neuen »Leise-Park« umgewandelt wurden, eine ansprechende Anlage mit Spielgeräten wie einem Ausguck, einer Schaukelmatte und am Boden verschraubten Baumstämmen. Auf denen balancieren nun Kinder an den verbliebenen Grabsteinen vorbei, etwa dem eines Wolfgang Ritter, gestorben 1957, »innig geliebt, schmerzlich vermisst«.

Geheimer Garten

Der Eingang liegt etwas versteckt auf der Second Avenue, aber es lohnt sich, danach zu suchen: Statt Großstadthektik herrscht auf dem Marble Cemetery im New Yorker East Village die Aura vergangener Zeiten. Die kleine Grünfläche, auf der zuletzt 1937 bestattet wurde, kann gemietet werden, dort finden Hochzeiten, Weinproben und Feste statt. Die Leute vom Atlas Obscura etwa – einer Internetseite, die geheimnisvolle Orte vorstellt – veranstalteten jüngst eine »Secret Garden Party« mit Musik, Croquet und einem Schnellkurs im Schmetterlingsammeln. Höhepunkt: eine Absinth-Verkostung.

Filmreif

Tyrone Power, Peter Lorre, John Huston, Rudolph Valentino – etliche Hollywoodgrößen fanden ihre letzte Ruhe auf dem »Hollywood Forever Cemetery« im Herzen der Filmstadt. Mit der Ruhe ist es oft aber nicht weit her: Der Friedhof wird als Veranstaltungsort genutzt, selbst die lärmige Rockband The Flaming Lips trat dort schon auf. Im Sommer und Herbst gibt es außerdem Open-Air-Kino, zum Saisonabschluss dieses Wochenende wurde ein Film gewählt, der vermuten lässt, dass die Veranstalter Humor haben: Wes Cravens Horrorklassiker A Nightmare On Elm Street, in dem Freddy Krueger mit seiner Messerklingenhand ein paar Jugendliche aufschlitzt.

Grillen am Grab


Weil der Alte Nordfriedhof in München einer Prachtallee im Weg war, die die Nazis durch Schwabing bauen wollten, wurden die Bestattungen 1939 eingestellt. Aus der Straße wurde nichts, der Friedhof blieb – und wird nun wie ein Park genutzt, zum Spazierengehen und Joggen (750 Meter Laufweg im Karree). Als Jugendliche dort auch des Nachts zu feiern und grillen begannen, schritt der Bezirksausschuss ein und veröffentlichte eine Verhaltensrichtline. Demnach erlaubt: »Verweilen auf den Rasenflächen«. Verboten: »Klettern auf den Grabsteinen, Genuss von Alkohol«.

Tief unter der Erde

Ein 300 Kilometer langes Stollennetz durchzieht den Untergrund von Paris, die Gänge enthalten die Gebeine von sechs Millionen Menschen – eine Folge des friedhöflichen Platzmangels, als Paris sich zur Metropole auswuchs. Inzwischen sind die Katakomben ein beliebter Ort für illegale Partys; sofern es gelingt, hineinzukommen und dort unten eine Stromleitung anzuzapfen. Die Polizei versucht, das Treiben der »Katafans« zu unterbinden. Das ist keine Kleinigkeit: Vor einigen Jahren stießen Polizisten auf einen professionell eingerichteten Diskokeller, in dem gerade 300 Menschen feierten.

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