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Wild Wild West: Amerikakolumne 28. Oktober 2016

Verdammt happy

Von Michaela Haas  Foto: Gettyimages / Leon Neal

Schon in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung war die Rede vom »Streben nach Glück« - dabei macht genau dieser Zwang, glücklich sein zu müssen, die Amerikaner so unglücklich.


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Der gesellschaftliche Imperativ in Amerika heißt: Sei glücklich! Das Streben nach Glück ist in Amerika sogar ein verankertes Geburtsrecht, ein Vertrag, den Amerikaner mit dem Leben ab dem ersten Schrei schließen.

In Deutschland steht alles Mögliche im Grundgesetz: Freiheit, Gleichheit, Grundrechte. In der Menschenrechts-Erklärung der UNO einigte man sich auf »Leben, Freiheit und Sicherheit«. Aber Glück? Zählt nicht zu unseren offiziellen Staatszielen. Da muss der einzelne auf eigene Faust sein Glück (ver)suchen.

In Amerika dagegen ist »The Pursuit of Happiness« der Treibstoff, der die Nation am Rotieren hält. Die Jagd nach diesem ewig flüchtigen, sehr volatilen Gespenst ist in Amerika die zeitgenössische Variante des Goldrausches. Das Versprechen, dass es jeder und jede auf den Zenit der Glückseligkeit schaffen kann, ist in jedes amerikanische Herz graviert.

Bill Clinton war ein Halbwaise aus Hope (Hope wie Hoffnung!), einem Kaff in Arkansas, Sohn einer alleinerziehenden Krankenschwester und später eines alkoholsüchtigen Stiefvaters, bevor er zum mächtigsten Mann der Welt aufstieg. Oprah Winfrey wurde als Tochter eines Teenagers in Mississippi geboren, von ihrer Großmutter in Kartoffelsäcke gesteckt, weil für Kleidung kein Geld da war, und mit 14 schwanger, bekam dann aber ein Stipendium und mauserte sich zur einflussreichsten (und reichsten) Medienmogulin in ganz Amerika. Kein Wunder, dass die wahre Geschichte von Chris Gardner, des bankrotten, obdachlosen, alleinerziehenden Vaters, der sich zum erfolgreichen Börsengenie hocharbeitet, mit Will Smith in der Hauptrolle verfilmt und zum Kassenschlager wurde. Der Titel, natürlich: »The Pursuit of Happyness« (die ungewöhnliche Schreibweise geht auf ein Graffito zurück) .

Diese modernen Märchen gibt es wirklich. Ich war geschockt, als mir meine Freundin Veronica Everett-Boyce ihre Lebensgeschichte erzählte. Die immer top gestylte Afroamerikanerin in ihren Design-Etuikleidern hatte ihren Vater durch Selbstmord verloren, wuchs in diversen Heimen auf, konnte bis zur zehnten Klasse nicht lesen und war zeitweise obdachlos. Nun macht sie gerade ihren Doktor und leitet Urban Fitness 911, ein Mentor-Programm für Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen, wie sie es einmal war.

Na siehste, es geht doch, sagen die Amis. »Pull yourself up by your bootstraps!« ist eine geflügelte Redewendung, die soviel bedeutet wie sich an den eigenen Stiefelriemen aus dem Sumpf zu ziehen.

Das Versprechen, das immer mitschwingt: Alles ist möglich. Alles! Ist! Möglich! Du musst es nur wollen.

Warum Thomas Jefferson, später Amerikas dritter Präsident, auf die Idee kam, »Leben, Freiheit und das Streben nach Glück« als unveräußerliches Recht in die Unabhängigkeitserklärung 1776 zu schreiben, wird auf ewig sein Geheimnis bleiben.

Erklärt hat er es, so weit wir wissen, nie.

Geholfen hat es auch nicht.

Denn in Wahrheit ist Amerika nicht das glücklichste Land der Welt. Bei weitem nicht. Ja, es zählt im Glückswettbewerb nicht einmal zu den Top Ten. Im World Happiness Report landet Amerika auf Platz 13, abgeschlagen hinter Dänemark, Schweiz, Island, Norwegen und Kanada. (Für Deutsche gleichwohl kein Grund zur Überheblichkeit: Deutschland schlug in der letzten Wertung noch weiter hinten auf: Platz 16.)

Mehr noch: Seit 1972 beschreiben sich immer weniger Amerikaner – weniger als ein Drittel - als »sehr glücklich«. Auch der Anteil der Amerikaner, die optimistisch in die Zukunft blicken, sank von fast 80 auf 50 Prozent. Senator Marco Rubio aus Florida meint, Amerika teile sich nicht in »haves and have-nots«, also Reiche und Habenichtse, sondern in »haves and soon-to-haves«, also Reiche und Demnächst-Reich-Werdende. Das Versprechen des American Dreams: Bald gehörst auch du dazu. Das ist ein netter Wahlkampf-Slogan, aber weit von der Wirklichkeit entfernt.

Der Sog der Rags-to-Riches-Stories hat den Nachteil, dass Amerika recht wenig Mitgefühl (und handfeste Unterstützung) übrig hat für diejenigen, die es nicht schaffen, sich aus einer miserablen Kindheit, Armut oder Obdachlosigkeit zu befreien. Allein in Los Angeles leben mehr Obdachlose als in ganz Deutschland zusammen. Wer ernsthaft erkrankt, zum Beispiel an Krebs, verliert meist seinen Arbeitsplatz. Wer seinen Arbeitsplatz los ist, verliert meist auch seine Krankenversicherung, und so kann ein Schicksalsschlag viel schneller als in Deutschland eine Rutschbahn direkt in die Armut sein. Ich habe lange nicht verstanden, warum die Amerikaner so verzweifelt an ihren Jobs hängen, auch bei Krankheit mit zusammengebissenen Zähnen ins Büro gehen und sich oft nicht einmal die gesetzlich verordneten zwei Wochen Urlaub gönnen. Inzwischen verstehe ich es sehr gut: Das soziale Netz hat hier viele, viele Löcher. Eine Erkrankung reicht aus, hindurch zu fallen. Daran hat auch Obamacare bislang nicht viel geändert.

Es gibt eine Kehrseite dieser einseitigen amerikanischen Glücksbotschaft, die aus Fernsehspots und Zeitschriftenanzeigen trällert: Wenn es dir nicht gut geht, stimmt etwas nicht mit dir. Als ob das Leiden ein unansehnlicher Fleck wäre, den wir wegwischen könnten, wenn wir nur eifrig mit dem richtigen Putzmittel reiben. Oder das richtige Anti-Depressivum schlucken.

Ein Viertel der amerikanischen Frauen nimmt Anti-Depressiva, mehr als ein Drittel der Amerikaner leidet an Angstzuständen, und Amerikaner sind Weltmeister in der Schmerzbetäubung: Jeden Tag sterben in Amerika vierzig Menschen an Schmerzmitteln. Die Amis schlucken 80 Prozent der weltweiten Produktion an Schmerzmitteln, inklusive mehr als 108 Tonnen Vicodin pro Jahr. Das würde reichen, jeden Amerikaner einen ganzen Monat lang rund um die Uhr zu betäuben.

Die Psychologin Iris Mauss von der Universität in Berkeley hat in einer viel beachteten Studie nachgewiesen, dass der Druck, glücklich zu sein, Menschen erst recht unglücklich macht. Denn eine Gesellschaft, die Glück als Messlatte anlegt, kann recht mitleidslos sein, wenn Menschen verzweifeln. Dann sind wir nicht nur unglücklich, sondern »schämen uns dafür, unglücklich zu sein«, erkannte der österreichische Psychiater Viktor Frankl. »Es ist die Jagd nach dem Glück, die das Glück vertreibt.«

Die ungedimmte Strahle-Laune, der unverbesserliche Optimismus vieler Amerikaner, die »Yes, We Can!«-Tatkraft ist toll und ansteckend, so lange sie echt ist. Sich ein Lächeln abzuringen, selbst wenn einem zum Heulen ist, kann uns und eine verfahrene Situation auflockern, und realistischer Optimismus ist ein hervorragender Kompass auf der Lebensfahrt. Aber Achtung: Optimismus zu erzwingen hat wohl eher genau den gegenteiligen Effekt.

So wird Amerika zu einer ewigen Selbstverbesserungs- und Optimierungsmaschine, die ständig röhrt und rauscht und bei der man immer aufpassen muss, nicht den Kürzeren zu ziehen. Kein Wunder, dass Glück zu einer 10-Milliarden-Dollar-Industrie geworden ist. Glück hat ein ganz ähnliches Budget wie die Traumfabrik Hollywood.

Amerika steckt zunehmend Randzonen des Schmerzes ab, die Durchschnitts-Amerikaner möglichst nicht betreten wollen: Hospize, Obdachlosenunterkünfte, Gefängnisse. In Amerika ist die Ausgrenzung weit krasser als in Europa. Ist es Zufall, dass Amerika mehr Menschen einsperrt als jedes andere Land? In Fort Lauderdale, Florida, haben die Verantwortlichen Ende 2014 gar ein Gesetz verabschiedet, dass das öffentliche Verteilen von Essen an Obdachlose unter Strafe stellt. Die Sheriffs haben dann auch gleich den 90 Jahre alten Kriegsveteran Arnold Abbott verhaftet, der jede Woche ein Obdachlosenessen mit seiner Nachbarschaftshilfe Liebe deinen Nachbarn organisiert. Er könnte die Obdachlosen drinnen verpflegen, wo sie keiner sieht, nur in Gottes Namen nicht sonntags vor seiner Kirche. Wir leben in einer Welt, in der ein Amerikaner einen unbewaffneten schwarzen Mann erschießt und dafür nicht einmal angeklagt wird, aber ein anderer ins Gefängnis muss, weil er einem Obdachlosen einen Teller Gemüse reichte. Amerika sperrt Menschen lieber weg. Aus den Augen, aus dem Herzen, aus dem Sinn. Viktor Frankl hat deshalb vorgeschlagen, der berühmten Freiheitsstatue von New York (die gerade ihren 130. Geburtstag feiert) eine Schwester zu schnitzen: eine »Statue der Verantwortung« an der Westküste.

»Freiheit«, sagte Frankl, »ist nicht das letzte Wort. Freiheit ist nur ein Teil der Geschichte und die halbe Wahrheit. Freiheit läuft sogar Gefahr, in Rücksichtslosigkeit abzugleiten, wenn sie nicht im Rahmen der Verantwortung gelebt wird. Deshalb schlage ich vor, dass die Freiheitsstatue an der Ostküste mit einer Verantwortungsstatue an der Westküste ergänzt wird.«

Der Bildhauer Gary Lee Price hat den Prototyp schon gebaut – Hände, die ineinander greifen. Jetzt muss sich nur der richtige Standort finden, die 93 Meter hohe Statue in San Francisco oder San Diego auch wirklich ans Meer zu stellen.
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Damit es irgendwann heißt: Wir streben nach »Leben, Freiheit, Glück und der Verantwortung, alles dafür zu tun, dieses Leben, diese Freiheit und dieses Glück mit allen anderen Menschen zu teilen.«
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe das Präsidentschafts-Rennen dominiert, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass Präsidentschaftsanwärter mit ihren Penisgrößen protzen ist ja nur möglich, weil in Amerika viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas im amerikanischen Wahljahr in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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