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Neue Fotografie 30. November 2016

Zwischen Himmel und Beton

Von Anna-Elena Knerich  Fotos: Sebastian Gabriel

Mythos »Mainhattan«: Der Fotograf Sebastian Gabriel findet, Frankfurt und New York haben mehr gemeinsam als nur Wolkenkratzer. Das zeigen auch seine Bilder – auf sehr intime Art und zugleich mit einer gewissen Distanz.



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Name:
Sebastian Gabriel
Alter: geboren 1987 in Deisenhofen bei München
Ausbildung: Foto-Design an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München
Website: www.sebastiangabriel.com

SZ-Magazin: Sie waren für die European Pressphoto Agency längere Zeit in Frankfurt und in New York. Haben die beiden Städte wirklich Gemeinsamkeiten?
Sebastian Gabriel: Ja, und zwar nicht nur die vielen Hochhäuser und den Finanzsektor – sondern auch eine extreme Rastlosigkeit der Menschen und die deutlichen Klassenunterschiede. Man erlebt die florierende Wirtschaft und ihre Kehrseite an ein und demselben Ort. Das hat mich interessiert – persönlich und als Fotograf.

Wo haben Sie die Atmosphäre als angenehmer empfunden?

Ich bin in beiden Städten richtig angekommen, ihre Dynamik hat mich total elektrisiert. Ich ließ mich vom Leben dort mitreißen und spürte eine Freiheit und Leichtigkeit in meinem Tun, meinem Denken und meinen Möglichkeiten. Auf Dauer sind Großstädte aber anstrengend, Manhattan haute mich manchmal regelrecht um. Dann zog ich mich nach Brooklyn zurück und richtete mich dort wieder auf die Kleinigkeiten des Alltags aus. Wenn etwas von Weitem nicht wirkt, gehe ich näher ran und konzentriere mich auf das Kleine, die Details.

Sie haben eben die Rastlosigkeit der Großstädter angesprochen. Ist das Leben der Menschen dort tatsächlich so anonym?
Die meisten Banker fahren nur zum Arbeiten nach Frankfurt und abends wieder raus. Mich haben eher die Menschen interessiert, die versuchen, zu bleiben – was für viele nicht leicht ist. Trotzdem fand ich die Frankfurter sehr herzlich, zum Beispiel den Syrer in seiner »Trinkhalle«, mit dem ich mich oft noch spätnachts unterhielt. Auch in New York habe ich viele Momente der Zwischenmenschlichkeit erlebt: Ich habe eine Reportage über einen marokkanischen Friseur gemacht, der nach New York gekommen war, um seinen Kindern eine bessere Schulbildung zu ermöglichen. Er war sehr stolz, dass sich jemand für seine Geschichte interessierte.

Welche Orte mochten Sie in New York und Frankfurt am liebsten?

Ich liebe die Fahrt über die Manhattan Bridge, wenn die Bahn langsamer fahren muss und man sich draußen zwischen den Wagons aufhalten kann – das habe ich bei ein paar Kids beobachtet und es dann selbst ausprobiert. Von der Brücke bin ich auch gern am East River entlang bis nach Brooklyn spaziert. In beiden Städten aber ist mein absoluter Lieblingsort auf den Dächern. In Frankfurt habe ich am Stadtrand gewohnt und oft den startenden Flugzeugen nachgeschaut. An diesen Orten zwischen Beton und Himmel spüre ich immer eine große Sehnsucht.

Welche Vorurteile haben sich nicht bestätigt?

Viele Menschen halten Frankfurt für gefährlich und asozial. Ich kann das so nicht bestätigen, auch wenn hier harter Drogenkonsum im Alltag sichtbar ist. Mein Motto ist generell: »Hab’ Respekt, aber keine Angst.« Ich sehe die Junkies als Opfer des Systems, als die Kehrseite der reichen Bankenwelt – und die ist in Frankfurt viel offensichtlicher als in New York. Umgekehrt hat mich New York manchmal fast enttäuscht, weil ich es mir noch rebellischer und mit mehr Subkultur vorgestellt hatte – so wie in den Filmen aus den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren. New York ist eben doch auch ein Stück weit eine ordentliche Stadt geworden. Trotzdem ist sie ein riesiger urbaner Spielplatz geblieben.
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Sie sind gerade wieder in den USA, wo vor Kurzem Donald Trump zum neuen Präsidenten gewählt wurde. Wie erleben Sie jetzt die Menschen in New York?
Die meisten Menschen, mit denen ich hier spreche, sind immer noch ratlos und entsetzt. Es ist nicht verwunderlich, dass viele New Yorker jetzt aus ihrer Schockstarre erwachen und auf die Straße gehen – schließlich stimmten die meisten für Clinton. Als ich einen Mann nach seiner Meinung zur Absperrung des Trump-Towers fragte, sagte er: »Endlich ein Starbucks weniger, zu dem die Leute gehen können«. Das liebe ich so an New York: When it rains, it pours.
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