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Wild Wild West: Amerikakolumne 23. November 2016

Warum Obama Truthähne begnadigt

Von Michaela Haas  Foto: AFP

Unsere Autorin erklärt bizarre Thanksgiving-Rituale – und warum sie die Art, wie die Amerikaner das Fest feiern, wahnsinnig enttäuschend findet.

Under den Augen von John Reicks, Präsident der »National Turkey Federation«, begnadigt Präsident Obama den Truthahn Tater.
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Das Rennen auf das Weiße Haus ist entschieden, blieb aber bis zum Schluß spannend. Es war buchstäblich ein Wettbewerb auf Leben und Tod, oder, wie Präsident Obama es nennt, »die Hunger Games im richtigen Leben«. Der Gewinner ist nun, wie erwartet, wieder ein männlicher Weißer. Von den mehr als 80 Bewerbern, die sich Hoffnungen auf den Platz in Washington machten, schaffte es schließlich ein Prachtexemplar aus einem Swing State: der 40 Pfund schwere Truthahn aus Iowa wird am Mittwoch von Präsident Obama begnadigt.

Das Assessment Center war anspruchsvoll: Die Bewerber mussten beweisen, dass sie auch bei Andrang einer großen Menschenmenge »cool« bleiben, sich frisch gefedert fotogen vor den Paparazzis präsentieren, und zwitschern (»tweeten«) können sie natürlich auch, selbst wenn ich Mühe habe, ihr Gegacker ins Deutsche zu übersetzen. Es ist ein Ritual, das sich jedes Jahr mit schöner Regelmäßigkeit wiederholt und zur Präsidentschaft gehört wie die Air Force One oder das State Dinner.

Wer sich darüber lustig macht, wie staatstragend das Ereignis auf dem North Portico des Weißen Hauses begangen wird, hat vieles nicht verstanden: Die Rolle des TOTUS (The Turkey of the United States) vereint die Amerikaner derzeit stärker als die von POTUS (President of the United States) und FLOTUS (First Lady of the United States). Deshalb wird der auserwählte TOTUS und sein Vize-TOTUS (es wird immer ein Ersatzvogel nominiert, falls dem ersten etwas zustößt) mit Autokolonne und Flagge von seinem Bauernhof in Iowa ins Weiße Haus eskortiert. »Ein Haufen Truthähne« mache sich Hoffnungen, es ins Weiße Haus zu schaffen, scherzte Obama noch letztes Jahr in Anspielung auf das chaotische Mannschaftsfeld der republikanischen Präsidentschaftskandidaten, nicht ahnend, dass ihm tatsächlich einer dieser eitlen Gockel nachfolgen würde.
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Die Tradition begann eigentlich als Scherz. Ronald Reagan war der erste, der 1987 einen Truthahn namens Charlie »begnadigte« und statt in den Ofen zu einem Streichelzoo schickte. Damit wollte er von der Iran-Contra-Affäre ablenken und der Frage, ob er den militärischen Sicherheitsberater Oliver North wegen der illegalen Waffenlieferungen an den Iran begnadigen würde. Das war eben immer schon eine bewährte Polit-Strategie: mit ein wenig Gezwitscher vom eigentlichen Skandal ablenken. Und es funktioniert: Die Amerikaner beteiligen sich mit Feuereifer an der Online-Wahl des Truthahns und seiner Namensgebung. Ich fürchte, die Wahlbeteiligung ist vermutlich höher als bei den Präsidentschaftswahlen. Irgendjemand muss sich Namen wie »Mac« und »Cheese« (2014) oder »Cobbler« und »Gobbler« (2012) schließlich ausdenken. Dieses Jahr heißen die beiden übrigens »Tater« und »Tot«, wie am Dienstag bei ihrer offiziellen Präsentation bekannt gegeben wurde, und bei der Begnadigungszeremonie im Weißen Haus witzelte Obama zum letzten Mal »Yes, we cran«.

Die »Begnadigung« eines Hahns ist eigentlich eher ein trauriger Witz, denn gleichzeitig werden im Rest des Landes an diesem Tag 46 Millionen seiner Kollegen geschlachtet. (Der Tofurkey, also der Tofu-Truthahn, setzt sich erst langsam durch.) Und selbst die begnadigten Truthähne werden so extrem auf Größe gezüchtet, dass sie - typische Vertreter ihres Volkes - meist von Fettleibigkeit, Herzproblemen und Atemnot geplagt sind. Die meisten Truthähne sterben noch im Jahr ihrer Begnadigung. Aber immerhin eines natürlichen Todes, vielleicht in Disneyland oder auf der »Frying Pan Farm«.

Dabei hätte es der Truthahn beinahe zu höchsten Ehren geschafft: Benjamin Franklin wollte den Truthahn sogar zum amerikanischen Wappentier machen. Nix stolzer Adler. Franklin hielt den Adler für einen Fiesling mit schlechter Moral, den Puter dagegen für einen respektablen Ureinwohner Amerikas.

Das blieb den Amerikanern erspart, dafür feiern sie Thanksgiving mit einer Inbrunst, als sei es wichtiger als Weihnachten und alle Nationalfeiertage zusammen. Traditionell kommt die ganze Familie zusammen, um einen riesigen Truthahn zu grillen und mit Cranberry-Sauce, Bohnen und Süßkartoffeln zu verspeisen. Und um den drei heiligen T's vom Thanksgiving zu huldigen: Truthahn, Trinken, TV.

Ich war irrsinnig aufgeregt, als ich zum ersten Mal auf eines dieser legendären Thanksgiving-Feste eingeladen wurde. Das war in Denver, Colorado. Bei meinem ersten Thanksgiving wollten die Gastgeber mit einem 12-Kilo-Vogel beeindrucken und hatten dafür extra einen riesigen Ofen im Garten aufgestellt. Um drei Uhr nachmittags warfen sie den Vogel in das Feuer. Um es kurz zu machen: Ich habe an diesem Abend kein Stück Truthahn bekommen. Der Vogel war einfach zu groß und selbst bis Mitternacht nicht richtig gegart. Aber ich lernte dafür die anderen traditionellen Gepflogenheiten bei Thanksgiving kennen.

Erste Überraschung: Was ich mir als Familienfeier vorgestellt hatte, erwies sich als Fernsehabend. Alle, wirklich ausnahmslos alle, sitzen vor dem überdimensionierten Flachbildfernseher und gucken Football. Gespräche beschränken sich auf das gemeinsame Brüllen nach einem Touchdown. Zweitens: Die traditionellen Beilagen, also die bittersüße Cranberry-Sauce, das Maisbrot und die Bohnen sättigen auch ohne Vogel.

Und drittens: Nicht jeder, der einen dicken Vogel hat, hat auch eine Meise.
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufsteigt, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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