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Familie 24. November 2016

Trotz allem

Von Lena Niethammer  

Der Vater missbraucht seine Tochter und wird dafür verurteilt. Doch die Mutter bleibt bei ihm. Wie kann das sein? Ist es möglich, diese Entscheidung zu verstehen? Und wie kann man so einem unglaublichen Fall in einem Text gerecht werden? Die Geschichte einer Recherche.


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2012. Zwei Tage vor den Osterferien erhält Steffi einen Anruf von der Schule ihrer 13-jährigen Tochter Bianca*. Sie solle sofort kommen, sagt Biancas Lehrer, es gehe um Missbrauch. Im Lehrerzimmer erfährt Steffi, dass ihr Mann Volker, Biancas Vater, ihre Tochter über ein Jahr lang sexuell missbraucht hat. Volker wird wegen Kindesmissbrauch zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Das Jugendamt verbietet ihm, Kontakt zu seiner Tochter zu haben.

Aber Steffi und Bianca entscheiden das Unfassbare: Sie wollen ihm verzeihen und als Familie weiterleben. Das erste Mal höre ich im Frühjahr 2015 von der Geschichte dieser Familie. Ich sitze mit Moritz Peters* in seiner Anwaltskanzlei, wir haben ein Hintergrundgespräch für einen meiner Texte geführt und jetzt plaudert Peters über jene seiner alten Fälle, von denen er sagt, dass sie ihn nie losgelassen haben. Peters hat Volker in dessen Prozess verteidigt. Er erzählt, wie es ihn zunächst befremdet hat, als er von der Entscheidung von Mutter und Tochter hörte. Doch je besser er die Familie kennenlernte, desto reflektierter erschien ihm ihr Vorhaben. Seit gut einem Jahr steht er nicht mehr in Kontakt mit seinen ehemaligen Mandanten. »Ich frage mich, ob sie das auch heute noch leben«, fragt er.

Kann das funktionieren? Kann eine Familie zusammenbleiben nach so einer Tat? Kann es einer Tochter wirklich gut damit gehen, ihren Peiniger permanent zu sehen? Oder stellt da eine Mutter ihre Beziehung über den Schutz des Kindes? Wie können sie sicher sein, dass sich der Missbrauch nicht wiederholen wird? Wie ihm wieder vertrauen? Aber vor allem: Kann man diese Tat tatsächlich verzeihen?

Ich bitte Peters, der Familie einen Brief von mir zukommen zu lassen. Im Dezember 2015 treffe ich Steffi zum ersten Mal für ein Kennenlern-Gespräch. Sie erzählt, dass sie auch heute an ihrer Entscheidung festhalten: Volker und sie sind weiterhin ein Paar und Bianca sieht ihren Vater regelmäßig. Am Ende des Treffens stimmt sie zu, sich von mir begleiten zu lassen. Über sechs Monate werde ich insgesamt neun Tage bei der Familie verbringen.

Im Laufe der Recherche stimmen auch Bianca und Volker zu mit mir zu sprechen. Mit jedem der drei führe ich lange Einzelgespräche. Ich begleite sie zu ihrem Abschlussgespräch beim Jugendamt und treffe ihre Therapeuten. Am Ende habe ich 26 Stunden Interviews auf Band und eine Frage im Kopf: Wie kann ich als Autorin dieser Geschichte gerecht werden? Einem Kinderschänder verzeihen - kann man eine so unverständlich scheinende Entscheidung in einem Text verständlich machen? Soll man das überhaupt?

Über den ungewöhnlichen Weg, den die Familie eingeschlagen hat, möchte ich mir auch heute kein Urteil anmaßen. Die Tochter ist volljährig - sie entscheidet selbst über ihr Leben. Und weder ich noch die Leser dieser Geschichte können am Ende ein Urteil fällen - sondern nur jeder der drei für sich entscheiden, wie es ihnen mit der Wahl geht, die sie getroffen haben. Ich kann versuchen, nachzuvollziehen, wie es zu der Wahl kam und wie die drei damit leben - indem ich ihnen aufmerksam und lange zuhöre. Diese Erfahrung soll auch der Leser machen dürfen.

Deshalb ist ein Text entstanden, der ausschließlich aus wörtlichen Zitaten von Mutter, Vater und Tochter besteht, ohne Kommentare und Einordnungen von mir, der Autorin. Es ist keine Geschichte über alle Kindesmissbrauchsfälle oder über das Phänomen Kindesmissbrauch an sich. Es ist eine Geschichte über eine Familie, über das Leben von drei Menschen - und sie soll von diesen drei Menschen erzählt werden.
 
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*Alle Namen von der Redaktion geändert
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