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aus Heft 50/2016 Leben

Alles schläft, einsam wach

Von Till Raether  Foto: Thomas Rousset

Seit einiger Zeit wird unser Autor jede Nacht hellwach. Erst verzweifelte er. Jetzt liebt er die geschenkten Stunden.

Wer sich oft gezwungen sieht, den Mond anzustarren, kann ihn sich auch zum Freund machen.
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Eines Nachts im Frühjahr war es vorbei bei mir. Ich wachte um drei auf, lag wach und suchte in der Peripherie des Schlafes nach einem verborgenen Eingang. Ich fand ihn nicht. Nach ein paar Minuten wieder einschlafen, wie sonst: Das ging nicht, es war, als hätte ich es verlernt. Und so war es auch in den folgenden Nächten. Erst dachte ich: Ach du Scheiße. Das hatte mir noch gefehlt. Das moderne Leben mit Job, Kindern, Trumpnachrichten, Onlinegequatsche und der deutlich spürbaren, aber nur vage umrissenen Vorstellung, das könnte ja wohl nicht alles gewesen sein, oder es ist zu viel – dieses Leben ist auf seine Weise hart genug. Wie soll ich es durchstehen, ohne durchzuschlafen? Normalerweise redet man ja über sich selbst wie über ein Kind im Windelalter: Die Nacht war gut, ich habe durchgeschlafen.

»Die Stunde des Wolfes« nennt der Schlafforscher Jürgen Zulley die Zeit zwischen etwa drei und vier Uhr morgens: In dieser Zeit wachen viele Menschen auf, weil sie zwischen zwei Tiefschlafphasen liegt und in dieser Zeit der Körper überdurchschnittlich viel Melatonin ausschüttet, ein Hormon, das den Schlaf reguliert, aber auch etwas depressiv macht.

Wer nachts um drei aufwacht, kann leicht anfangen zu grübeln, die Uhrzeit macht einem dunkle Gedanken, die umso bedrohlicher werden, je länger man auf ihnen herumkaut. Vor diesem Herumkauen bin ich geflohen. In eine neue Welt, für die ich in den ersten Wochen keinen Namen hatte. Das heißt, ich habe einfach nicht versucht, wieder zu schlafen. Ich habe eine, anderthalb Stunden etwas anderes gemacht, ich bin aufgestanden und habe mich in dieser neuen Welt bewegt, bis ich wieder müde war.

Ich dachte, ich hätte diese Welt erfunden, für mich allein, und ich wäre ihr einziger Bewohner. Sie hat aber bereits einen Namen, das fand ich nach ein paar Wochen heraus: segmentiertes Schlafen. Also: in Stücken oder Teilen schlafen, mit Unterbrechung, als wäre der Nachtschlaf ein neuer Tarantino mit Überlänge, und in der Mitte geht das Licht an, und man vertritt sich ein bisschen im Foyer die Beine und atmet Popcornluft, nur: viel, viel schöner.

Wir haben gelernt, an einem Stück zu schlafen, zum Beispiel von etwa halb zwölf bis halb sieben, so wie ich früher. Ein wunderbar durchschnittlicher Wert, die Menschen in Deutschland schlafen etwa sieben Stunden pro Nacht. Und wachen ein paar Dutzend Male auf, aber fast ohne es zu merken, und schlafen gleich wieder ein. Segmentierter Schlaf verläuft nicht an einem Stück, sondern mit einer bewussten, sogar absichtlichen Unterbrechung ziemlich genau in der Mitte.

Seit etwas mehr als zwanzig Jahren, lese ich eines Nachts in einem New York Times Magazine, das ich mir aus dem Flugzeug mitgebracht und für die Nacht aufgehoben habe, gehen Schlafforscher und Historiker davon aus, dass die Menschen bis zur Erfindung des elektrischen Lichts vermutlich überwiegend in Phasen geschlafen haben. Denn man ging ins Bett, sobald es dunkel wurde, die meiste Zeit des Jahres über in Mitteleuropa also recht früh, und wenn man nach der ersten Tiefschlafphase aufwachte, war noch so viel von der Nacht übrig, dass man aufstand und Briefe schrieb, Tagebuch führte oder einander sogar besuchte, weil die Chancen gut waren, dass der Nachbar auch auf den Beinen war. Bis man sich zu einer zweiten Halbzeit Schlaf bis zum Morgengrauen wieder hinlegte. »Dorveille« nannten die vorindustriellen Franzosen diese Zeit mitten in der Nacht, was zu Deutsch so viel wie »Wachschlaf« bedeutet, und die Engländer sagten schlicht »The Watch«, die Wache.

Wie gesagt, ich bin vorm Drei-Uhr-Grübeln geflohen. Um mir nicht sinnlos den Kopf zu zerbrechen, habe ich angefangen, nachts zwischen drei und vier Dinge zu tun. Nicht so wie am Tag. Schlafwandlerischer und wacher zugleich. Zielloser. Um dann wieder ins Bett zu gehen, gegen vier, und noch mal eine Tiefschlafphase von zweieinhalb, drei Stunden mitzunehmen. Mich darin einzurichten, hat mir die Nächte, die Tage und vielleicht den Seelenfrieden gerettet.

Was am Anfang wie ein Fluch wirkt (warum wache ich jede Nacht auf?), wird herrlich, wenn man aufhört, sich dagegen zu wehren. Normalerweise droht immer irgendeine Art von Gefahr, Peinlichkeit oder Erniedrigung, wenn jemand die folgende Floskel verwendet, aber beim segmentierten Schlaf passt sie: Man muss sich halt drauf einlassen. Man darf nicht dagegen kämpfen. Etwas Schlimmeres, als zu grübeln und um den Schlaf zu kämpfen, kann einem dabei ja nicht passieren. Chronobiologen sagen sogar, dass das Schlafen in zwei Phasen womöglich den ursprünglichen Schlafbedürfnissen und Schlafgewohnheiten unseres Körpers entspricht: Versuchspersonen, denen man die Uhr und den festen Tagesablauf nimmt, fangen jedenfalls nach einer Weile von allein mit dem segmentierten Schlafen an.

Nun habe ich eine Uhr und einen festen Tagesablauf, aber auch dazu passt der segmentierte Schlaf, dazu passt er sogar besonders. Die gute Stunde zwischen meinen beiden Schlafhälften ist ein Gegenentwurf zu meiner Tagwelt geworden. Das habe ich gemerkt, nachdem ich anfangs versucht hatte, »die Wache« als eine Art Verlängerung des Tages zu nutzen: Ich schrieb ein paar Mails über Dinge, die am nächsten Tag anstanden, ich deckte schon mal den Frühstückstisch, sorgfältig und liebevoll, ganz leise, oder ich ließ eine Wäsche durchlaufen im Keller. Aber der Effekt war seltsam, ich war eine Art Heinzelmännchen meiner selbst, und wenn ich morgens den gedeckten Frühstückstisch vorfand und die durchgelaufene Waschmaschine, war es mir unheimlich. Die Nacht-Mails waren schwafelig, redundant und unfokussiert oder überkurz wie zwischen zwei Wimpernschlägen geschrieben. Die Antworten klangen alarmiert: »Warum schreibst du mir um 3.20 Uhr? Bist du krank?«

Tatsächlich fühlt sich die Schlafwache ein bisschen an wie früher als Kind eine von den guten Krankheiten, wenn man fiebrig genug war, um zu Hause zu bleiben, aber nicht so, dass man sich schlecht fühlte, nur matt und verlangsamt. Wie die Vormittage vorm Fernseher damals entzieht sich die Wache dem Nutzwert. Sie ist nicht dafür da, Dinge zu erledigen, sondern im Gegenteil: Der lang gehegte Traum, mal möglichst wenig zu tun, wird nun Wirklichkeit in der guten Stunde zwischen dem Schlafen.

Ich lese ein bisschen, aber nichts, was besonders handlungsreich ist, nichts, wo man sich viele Namen merken muss, denn das Gehirn ist da, aber es signalisiert ganz klar, dass es zum Zugucken gekommen ist und nicht zum Mitmachen. Ich fange an, Proust zu lesen, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, zuerst, weil es mir wie eine Art Fachliteratur erscheint, denn es geht darin ja viel um Schlafen und Nichtschlafen, und wer hat tagsüber Zeit für die Empfindsamkeiten des französischen Großbürgertums der vorvorigen Jahrhundertwende? Bald merke ich, dass Proust lesen wie weiterschlafen und darum ideal ist, und der Vorrat geht nie aus, nach einem halben Jahr segmentierten Schlafens bin ich immer noch nicht beim letzten Band.

Gern aber wandere ich auch einfach durchs Haus. Wobei weder das Wort »wandern« noch das Wort »Haus« präzise beschreiben, wie ich im Schlafanzug durch die Wohnung tapere, aber es fühlt sich so an: Alles wird ein wenig fremd und dadurch größer im Wachschlaf, man fühlt sich als Besucher im eigenen Leben. Und wie ein Besucher sieht man manche Dinge klarer als tagsüber, wenn man einheimisch im eigenen Leben ist: wie sanft die Kinder atmen, die tagsüber so groß und streitlustig sind, wie gewissenhaft die Frau immer ihre Handtasche neben das Bett stellt, vielleicht, damit sie alles gleich hat, falls die Erde bebt. Und wie herrlich tot die Handys an ihren Aufladekabeln hängen, die Bildschirme endlich schwarz wie die Nacht.

Social Media auf dem Telefon nämlich oder Fernsehserien auf dem Laptop: Das geht gar nicht während der Wache. Und es ist nicht das blaue Licht, das einen dann wieder viel zu wach macht, das kann man rausfiltern, ich habe alle Apps dafür. Nein, es sind die Reize aus anderen Zeitzonen, die Sorgenmacher in den Timelines, und in den Serien fällt einem plötzlich diese seltsam gleichförmig aufregende Struktur mehr auf als alles andere, ein Cliffhanger zappelt am nächsten, wer will so leben, und dann kann man doch nicht einschlafen und irrt später mit kleinen Augen durch den nächsten Tag, als hätte man sich darin verlaufen.

Was ich liebe, ist nachts aufzustehen und am Tisch ein Kreuzworträtsel zu lösen. Es ist eine Tätigkeit, die keinem Zweck dient und keinen Nutzen hat als den, dass ich vor mich hin atme und mich daran erfreue, wie der vorne so angenehm runde und weiche Bleistift übers Zeitungspapier huscht. Es ist ein Bild dafür, wie durch die Unterbrechung in der Nacht der Schlaf umgewidmet wird. Normalerweise dient die Nacht der Regeneration, genauer gesagt: der Wiederherstellung der Arbeitskraft, und all die Ängste, die damit verbunden sind, nicht schlafen zu können, gehen in diese Richtung: Wir fürchten, am nächsten Tag nicht fit zu sein, wenn die Nacht schlecht war, nicht durchhalten zu können, es nicht zu schaffen, was immer »es« im Moment auch ist. Im Grunde ist das die harte Währung im Alltagskampf der Mehrfachbelasteten: die Frage, ob deine Nacht gut oder schlecht war, wie du schläfst, wie du aufwachst. Durch das Schlafen in zwei Portionen ist es mir zum ersten Mal gelungen, mich dem zu entziehen. Die Nacht ist für mich kein Entmüdungsbecken mehr, in dem ich mich ungeduldig auf die Anforderungen des Tages vorbereite, sondern sie hat wieder ein Eigenleben.

Schlafforscher nennen meinen Nachtzustand »non-anxious wakefulness«, unangespannte Wachheit, im Gegensatz zur angespannten Wachheit des Grübelns und Nicht-wieder-einschlafen-Könnens. Tatsächlich ist es mir im vergangenen Dreivierteljahr nur zwei- oder dreimal nicht gelungen, im Morgengrauen noch mal für ein paar Stunden einzuschlafen. Und dann hilft es zu wissen, dass jeder einigermaßen gesunde Mensch genug Reserven hat, um nach einer Nacht mit nur drei oder vier Stunden Schlaf ganz gut durch den nächsten Tag zu kommen. Auch das sagt die Schlafforschung, und tatsächlich geht es.

Der segmentierte Schlaf beschert einem im Laufe der Zeit auch tagsüber eine weniger angespannte Wachheit, aber man zahlt durchaus einen Preis dafür: Ich wache nur gegen drei auf, wenn ich zwischen zehn und elf ins Bett gegangen bin. Der segmentierte Lebenswandel passt also nicht so gut zu irgendeiner Art von Partymodus. Andererseits gehe ich seit Jahren ganz gern um diese Zeit schlafen, und wenn ich es nicht getan habe, dann meistens weil ich mir irgendwas beweisen oder dem Tag noch was abringen wollte, das er gar nicht mehr im Programm hatte. Alkohol geht auch nicht so gut.

Das macht nichts, denn wenn man sich an ihn gewöhnt und ihn gepflegt hat, kommt der segmentierte Schlaf nach einer Weile immer wieder zu einem zurück, und mit ihm diese andere Art von Nacht, die nur einem selbst gehört. Im berühmten Abendlied beschreibt Matthias Claudius die Nacht als »eine stille Kammer, wo Ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt«. Früher fand ich das Bild mit der Kammer passend. Aber sobald man sich ein Stück herausbricht aus dem Schlaf, kommt einem die Nacht nicht mehr wie ein enger Raum vor, sondern wie ein großer, punktuell beleuchteter Saal, dessen Pracht man nur ahnen kann und der sich immer wieder aufs Neue nur für eine einzige Person öffnet.
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Till Raether

kam früh mit unkonventionellen Schlafrhythmen in Kontakt: Mit 18 trug er morgens Zeitungen aus und schlief daher nachts von eins bis fünf und vormittags von acht bis elf. Besonders schön träumte er immer im Deutsch-Leistungskurs.

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