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Wild Wild West: Amerikakolumne 15. Dezember 2016

Schatz, ich wünsch' mir eine Charles-Manson-Kette

Von Michaela Haas  Foto: DPA

Der bizarrste Weihnachtstrend aus Amerika: von Massenmördern im Gefängnis hergestellte Bastelarbeiten verschenken. Unsere Autorin wundert sich.

Charles Manson bei einem Gerichtstermin im Jahr 1971. Weil er im Sommer 1969 grausame Morde in Auftrag gab, verbüßt er eine lebenslange Haftstrafe. Von ihm im Gefängnis hergestellte Bastelarbeiten sind auf speziellen Auktionsseiten erhältlich.

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Mit den Amerikanern kann ich mich Weihnachts-mäßig nicht einmal auf grundsätzliches einigen. Der »Fake News«-Wahnsinn, der Amerika umtreibt, macht selbst vor dem Heiligen Fest nicht Halt. So wissen die Amis zum Beispiel nicht, dass es das Christkind ist, das am 24. Dezember die Geschenke bringt. Nein, sie glauben an den Weihnachtsmann! Vom Christkind haben die meisten noch nie etwas gehört. »Meinst du Baby Jesus?« fragen sie dann. Santa Claus, so beharren sie, steige in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember durch den Kamin und stopfe Geschenke in die rot-grünen Wollstrümpfe, die sie dafür bereithalten. Um ihn bei Laune (und Kräften) zu halten, stellen sie ein Glas Milch und einen Teller mit Keksen neben den Kamin.

Während der Rest der Welt aus sicherer Quelle weiß, dass der Nikolaus in Lappland lebt, residiert »Santa« laut meiner amerikanischen Freunde mit Mrs. Santa und seinen Elfen am Nordpol. Von dort aus rast er dann einmal im Jahr auf dem von seinen Rentieren gezogenen Schlitten los, um durch alle Kamine der Welt zu rutschen. Den Einwand, dass das schon rein logistisch unmöglich ist, wenn man nicht – wie das Christkind – Flügel hat, widerlegen sie mit dem »Santa Tracker«. Damit verfolgen sie online seinen Weg um den Globus und rechnen aus, wann der Mann mit dem Rauschebart bei ihnen zuhause ankommt. Dass der Nikolaus tatsächlich schon am 6. Dezember kommt und gemeinsam mit dem Krampus Nüsse und Süßigkeiten verteilt, ist ihnen auch neu. Dabei weiß das doch in Deutschland wirklich jedes Kind!

Aber gut, andere Länder, andere Sitten. Donald Trump ist mit dem Ziel angetreten, Weihnachten wieder großartig zu machen. Er nannte das, kein Witz, ausdrücklich als Grund, warum er sich für die Präsidentschaft bewarb: »Mit einem Präsidenten Trump dürft ihr endlich wieder ›Frohe Weihnachten‹ sagen!« versprach er im Wahlkampf. Der »Krieg gegen Weihnachten«, den Trump und seine Fans beklagen, dürfte damit entschieden sein. Mit den Kriegsschreien meinen sie nicht die Kommerzialisierung von Jesu Geburt, sondern die dumme Angewohnheit vieler Amerikaner, nicht daran zu glauben, dass Jesus tatsächlich mitten im Winter geboren wurde.

Da liegt wirklich einiges im Argen: Laut Pew Research Center glauben nur noch 73 Prozent der Amerikaner, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde, 74 Prozent, dass ein Engel den drei Weisen erschien, um die Geburt Jesu anzukündigen, und 81 Prozent, dass Jesus in eine Krippe gelegt wurde. Insgesamt sind nur noch zwei Drittel der Amerikaner davon überzeugt, all diese Ereignisse hätten genauso stattgefunden, aber 14 Prozent sind Abtrünnige: Sie halten das alles für Humbug und Weihnachten nur für einen Vorwand der Konsum-Industrie, Kohle zu machen.

Trump hat deshalb eigens einen Weihnachts-Schmuck kreiert, damit wir uns vor dem Baum wieder auf das Wesentliche besinnen: Für schlappe 149 Dollar können sich Weihnachts-Fans eine vergoldete Miniatur seines roten Wahlkampf-Käppchens »Make America Great Again« aus an die Tanne hängen. Auch wenn, wie hier kritisch angemerkt werden muss, 79 Prozent der Käufer dafür nur 1-Stern-Rezensionen übrig haben: Das Aufhängen des Ornaments habe den Baum »sofort extrem nach rechts kippen« lassen, warnt ein Amazon-Rezensent; »der Stern aus Hawaii, den wir die letzten acht Jahre hatten« sei schöner, notiert ein anderer, und ein Käufer beklagt gar, das Käppchen versuche »ständig, meine Krippen-Figuren zu deportieren.«

Viele Trump-Fans haben aber in dem Käppchen ein probates Mittel gefunden, der langweiligen Familienfeier ein wenig Zunder zu geben. »Wenn du das an den Baum hängst, fangen die durchgeknallten liberalen Familienmitglieder alle an zu weinen!« freut sich eine Fünf-Sterne-Rezensentin. Oh, du Selige!
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Und damit sind wir beim eigentlichen Thema. Denn ich hege zunehmend den Verdacht, dass diese Weihnachtsriten in erster Linie der Bestrafung dienen. Diese tollen Geschenkideen, die nun ständig in meinem Postfach landen, scheinen mir doch eher geeignet, Tränen auszulösen – nicht der Freude, sondern der Wut.

In Amerika wird das noch mehr übertrieben als in Deutschland. Das geht bei den Preisen los. »Schenken Sie was Praktisches«, meint Gwyneth Paltrow und bietet auf ihrer Webseite Geschenkideen wie Zahnpasta und Rasierklinge an. Die kann natürlich jeder brauchen, aber die von Paltrow empfohlene Zahnpasta für 120 Dollar (pro Tube!) und die Rasierklinge für 2500 Dollar (militärische Stärke, schwarzes Metall, gibt nur 101 Stück von auf der ganzen Welt) klingen doch nicht wie eine Aufforderung zur Körperhygiene, sondern schreien laut und deutlich »Angeber!«

Oder der Elvie Pelvic Floor Exercise Tracker, ein – ich zitiere – »revolutionäres Gerät, mit dem der Workout für den Beckenboden unglaublich einfach ist und überraschend viel Spaß macht.« Das Beste an dem Gerät scheint nicht nur zu sein, dass es so einfach einzuführen ist wie ein Tampon, sondern dass es sich direkt mit dem Internet verbindet und man den Fortschritt via Bluetooth mit der Elvie App messen kann. So wie auch der Fitbit-Wahn schnell in einen Wettbewerb ausartete, lässt sich nun auch das Beckenkreisen auf Facebook kommunizieren. Ich stelle mir Dialoge vor wie, »Honey, ich bin in fünf Minuten zuhause. Rotierst du schon mal vor?« 

Das sind doch bitte keine Weihnachtsgaben mehr, sondern schon Folter. Kein Wunder, dass sich fast die Hälfte der Amerikaner (laut Pew) »nicht mehr auf Geschenke freuen« und sich von den finanziellen und familiären Verpflichtungen gestresst fühlen.

Der vielleicht bizarrste Trend in Amerika aber sind »Murderabilia«, also des Mörders liebste Weihnachtsgrüße. Seit die Onlineplattform Ebay die Schmuckstücke von Verbrechern aus dem Sortiment verbannte, boomen Versteigerungsaktionen auf anderen Webbörsen. Die Killer-Seiten mit wegweisenden Namen wie MurderAuction.com, supernaught.com oder serialkillersink.com verzeichnen immer vor Weihnachten Rekordumsätze. Eine handgeknüpfte Kette mit »Peace«-Zeichen, die Sharon-Tate-Mörder Charles Manson im Gefängnis geknüpft hat, gibt es schon für 4000 Dollar, die Bleistiftzeichnung eines Dinosauriers mit blutunterlaufenen Augen von Richard Ramirez (13 Morde, 5 versuchte Morde, 11 Vergewaltigungen) für 1200; ein ganzes Sortiment widmet sich nur den Briefen von Amokläufern.

Generell scheinen sich die Preise nicht am Talent der Künstler zu orientieren, sondern es scheint zu gelten: je mehr Morde, je gruseliger die Taten, desto teurer die Kunststücke. Mörder dürfen zwar laut Gesetz nicht direkt kommerziell von ihren Taten profitieren, aber zeichnen, malen und basteln dürfen sie. Bloß, wer kauft sowas? Der Betreiber von »Murder Auction« sagt, etwa 10 Prozent werde von Profis gekauft, zum Beispiel Forensikern, die das Handschriftenprofil von Serientätern studieren wollen, der Rest vor allem von True-Crime-Fans. Das Zeug geht jedenfalls weg wie warme Munition. Mir gefällt eine handgemalte, signierte Weihnachtskarte, die einen hübschen Weihnachtsstern und eine Kerze mit der Aufschrift »Peace« zeigt, jedoch immerhin 3500 Dollar kostet. Ich bin mir aber noch im Unklaren, wie da zu Weihnachten das Prozedere ist: Sagt man dann der Tante gleich beim Auspacken, die Karte sei etwas Besonderes, weil sie der 33-fache Serienmörder John Wayne Gacy alias der »Clown-Killer« gemalt hat? Oder wartet man mit dieser Auskunft, bis sie einen vor der Nachspeise mal wieder zur Weißglut treibt?

Immerhin hat meine Recherche mit einem Schlag mein ganzes Geschenk-Problem erledigt. Kurz nachdem ich erwähnte, wieviel Zeit ich auf diesen faszinierenden Murderabilia-Seiten verbringe, rief meine Tante zurück und sagte, die ganze Familie hätte beschlossen: Wir schenken uns dieses Jahr nichts.

Ich stelle aber trotzdem schon mal die Milch und die Kekse neben den Kamin. Nur für alle Fälle.

Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufsteigt, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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