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Wortewandel: Sprachkolumne 24. Dezember 2016

Mordlust oder Mordslust?

Von CUS  Illustration: Nathan Nankervis

Die Kunst der Fuge: Wie ein simpler Buchstabe Leben retten kann, erklärt unser Sprachkolumnist.

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O Tannenbaum, du grünst nicht nur zur Sommerszeit – so kenne ich den Text aus der Kindheit. Die Sommerszeit steht für den Sommer, während die Sommerzeit das Umstellen der Uhr bewirkt.

Es gibt nur ganz wenige Wörter, die ihre Bedeutung ändern, wenn man ein sogenanntes Fugen-s einschiebt. Wetten, Sie können auf Anhieb kein einziges solches Wort nennen, außer den oben bereits verratenen?

Zunächst: Unsere Sprache hat Fugen gern. Sie dienen als Scharnier zwischen zusammengesetzten Wörtern und sie folgen dabei keiner Logik, wäre ja auch noch schöner: Speisekarte oder Speisenkarte, Schweinsbraten oder Schweinebraten, ein Glückspilz, aber kein Pechsvogel. Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt untersucht meinen Hals, klar, und meine zwei Ohren, aber zwei Nasen hab ich nicht. Einparteiregierung wäre logisch, Einparteienregierung ist daraus geworden. Wir haben sowas in Bayern, weil hierzulande die Schnur, die den Bleistift in der Wahlkabine festzurrt, so kurz ist, dass sie immer nur bis zum obersten Wahlvorschlag reicht.

Eine kuriose Fuge ist das o in Mannomann oder Filmothek. Oder das t, das da eigentlich gar nicht hingehört, wie in ordentlich und eigentlich. Sprachökonomie halt, Fugen erleichtern oft die Aussprache. Abendlich kommt von Abend, aber morgendlich nicht von Morgend. Ein Sonderfall ist das g in gegessen. Was macht das seltsame g da bloß? Ganze Fugensilben bieten hopplahopp oder klapperdiklapp.

Wie versprochen aber die raren Wörter, die mit einer Fuge ihren Sinn ändern: Mordslust oder doch eher Mordlust? Beim Tinder-Date ist es dem Fortleben durchaus förderlich, wenn man sich mit den Feinheiten des Fugen-s auskennt. Denken Sie das nächste Mal daran - Fugen-s!

Na warte! wird dem Sportsfreund angedroht, dem Sportfreund nicht. Der Landmann pflügt die Scholle, der Landsmann sagt Grüß Gott statt Guten Tach. Die Landgemeinde liegt am Forellenbach, auf der Landsgemeinde stimmt der Appenzeller ab. Die Schiffsfahrt mit der Titanic war kein Ruhmesblatt der britischen Schifffahrt (und erspart obendrein das unschöne Triple-fff). Malocher machen die Dreckarbeit, Faulenzer schimpfen auf die Drecksarbeit.

Mit manchem Fugen-s outen Sie sich als Österreicher. Oder als Deutscher. Mit dem Adventskranz verraten sich Deutsche in Wien, Adventkranz heißt es da. Dafür ernten Wiener in Deutschland ein Lächeln mit fabriksneu oder Zugsverkehr.

Eine Kinderfrau wird meist keine Kindfrau sein. Nur mit Augenzwinkern funktioniert Stammkunde und Stammeskunde - hier geht es einmal um den Kunden und einmal um die Kunde. Sehr fein ist der Unterschied bei der Schwesternliebe: Die Schwesterliebe, unbefugt, ist die Liebe einer Schwester zu ihren Geschwistern jedweden Geschlechts. Die Schwesternliebe hingegen ist die Liebe unter Schwestern.

Poetisch wird's gern mit den Fugen es oder en: Waldesrand ist halt doch etwas anderes als ein fader Waldrand; Sternenhimmel und Mondenschein entzücken Verliebte, der Sternhimmel nur Astronomen. Anders das Fugen-e: »Nimm deine Stinkfinger da weg«, versus - Schluss jetzt.

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CUS

Als 1990 das erste SZ-Magazin erschien, war CUS schon dabei. Seitdem macht er jede Woche »Das Kreuz mit den Worten«, eine der beliebtesten Rubriken im Heft. In seiner Online-Kolumne »Wortewandel« untersucht er nun sprachliche Kuriositäten und ungewöhnliche Redewendungen, die uns im Alltag vielleicht gar nicht so schnell auffallen. Mehr von CUS gibt es auf seiner Webseite cus-raetsel.de.