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Wild Wild West: Amerikakolumne 30. Dezember 2016

Wracktauchen in zwischenmenschlichen Abgründen

Von Michaela Haas  Foto: AP

Schamhaare, Silikon-Implantate, ein Hochzeitskleid im Gurkenglas: Im »Museum der gebrochenen Herzen« in L.A. werden die Überreste kaputter Beziehungen ausgestellt. Unsere Autorin nahm dort Abschied von 2016.

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Das Jahresende begehe ich im Museum der gebrochenen Herzen. Ja, das gibt es wirklich. Eigentlich heißt es Museum of Broken Relationships – ein idealer Ort, um Abschiede zu zelebrieren.

Meine Ehe ist intakt, danke der Nachfrage, aber zahlreiche Männer (und mehrere Frauen) haben mir dieses Jahr das Herz gebrochen: Prince, David Bowie, Glenn Frey, Leonard Cohen, George Michael, um nur die schlimmsten Herzensbrecher zu nennen. Als ich schon heulend in der Embryo-Stellung am Boden lag, verpassten mir Carrie Fisher und Debbie Reynolds noch zwei Stiche in die Eingeweide.

Im Museum of Broken Relationships in Hollywood lässt sich besichtigen, wie es aussieht, wenn wir alleine zurück bleiben: Da liegt das Feuerzeug, mit dem er sich immer die Zigarette danach anzündete. Ein zerbrochener Telefonhörer, der nie wieder Anrufe entgegennehmen wird. Sexy Reizwäsche, von der sich der andere nicht mehr reizen lassen wird. Das weiße Hochzeitskleid aus Hawaii, lieblos in ein Gurkenglas gestopft. Die durchsichtig schimmernden Silikon-Implantate, die sich die Ex wegen des Ex einsetzen ließ, begleitet von den Zeilen »Mein Körper gehört nun wieder mir. Diese beiden Silikonbälle haben mir unendlich viel Pein bereitet.« Handschellen mit rosa Flausch, die die Ex nun nicht mehr fesseln. Die Axt, mit der sie seine Habseligkeiten zu Kleinholz hackte. Die giftgrüne Salatschleuder. Ungetragene Verlobungsringe. Sex-Spielzeug. Sogar eine Handvoll Schamhaare. (Intimer geht es nicht: Körperflüssigkeiten werden dem Museum zwar ständig angeboten, aber dort nicht angenommen.)

Die Besichtigung der Liebes-Ruinen ist so verstörend faszinierend wie Wracktauchen. Es gibt Yoga für traurige Mädchen (»Sad Girl Yoga«), rote Kappen mit dem Slogan »Make America Break Up Again« und im Gift Shop die »Alleine«-Tasse mit dem tapferen Versprechen, man wolle sowieso nie wieder Tea for Two trinken. Alles sorgfältig kuratiert und exquisit beleuchtet, als handle es sich um den Louvre der zerbrochenen Träume. Dabei schwimmen in den Vitrinen nur die Trümmer des Schiffsbruchs der Herzen. Anders als im Pariser Louvre sind selten die Ausstellungsstücke an sich der Blickfang, sondern es sind die Notizen, die unter die Haut gehen, weil sie erklären, warum dieses graue Stück Flausch einmal die Welt bedeutete (weil es sich im Bauchnabel des Liebhabers nach dem Sex verfing). Oder warum das Hochzeitskleid im Gurkenglas gelandet ist: Altkleidersammlung fühlte sich nach 7 Jahren Ehe irgendwie nicht richtig an, aber behalten wollte die Besitzerin die seidige Erinnerung an die alte Gurke auch nicht.

Das Museum ist, wie passend, in ein ehemaliges Lingerie-Geschäft eingezogen, das bankrott ging. Die Gründer, die beiden Künstler Olinka Vištica und Dražen Grubišić, waren einmal ein Paar. Als sie sich trennten, wollten sie alle Mementos an die gemeinsame Zeit auf den Müll werfen, hatten dann aber eine bessere Idee: sie bestückten damit das Original-Museum in Zagreb. Aber Herzen zerbrechen schließlich überall auf der Welt und, wer weiß das schon, vielleicht besonders viele in Hollywood. Der Mann, der das Museum nach L.A. transplantierte, ist geschieden und wieder verheiratet, aber auch beruflich ein Experte für den Ruin: John B. Quinn ist Entertainment-Rechtsanwalt. Vermutlich gibt es keinen besseren Ort für diese Ausstellung als auf dem Hollywood Boulevard knapp um die Ecke vom Walk of Fame, dem Ort, an dem Träume jeden Tag vor einem Millionenpublikum zerplatzen.

Das Museum der zerbrochenen Beziehungen huldigt nicht nur den romantischen Enttäuschungen. Auch die Altar-Statue einer enttäuschten Christin ist ausgestellt, die sich von ihrem Glauben lossagt; der Brief einer Frau, deren Mann nach einem schweren Motorradunfall zwar nicht das Leben, aber seine Persönlichkeit verlor; ein goldenes Souvenir aus Disneyland von einer Tochter, deren Vater versprach, sie mit zu Disney zunehmen, sich dann aber spurlos aus dem Staub machte, und das Lotto-Ticket eines Spaniers, der herausfand, dass seine drei besten Kumpels, mit denen er 63 Jahre lang befreundet war, ohne ihn spielten und dann auch ohne ihn das große Los zogen.

Jeder kann die Artefakte seiner Beziehungstrümmer einsenden. Als das Museum vor sechs Monaten gegründet wurde, richtete der Direktor einen emotionalen Appell an alle Unglücklichen: »Legt eure emotionalen Lasten ab! Werft die Überbleibsel eurer romantischen Abenteuer nicht weg - schickt sie zu uns!« Seither gehen so viele Mementos von überall auf der Welt ein, dass die Museumsmacher kaum wissen, wohin damit. Es ist, so glauben viele Einsender, kathartisch, die verrottenden Liebesbeweise der ganzen Welt zu zeigen, statt sie still und heimlich auf der Müllhalde zu entsorgen oder im Keller neben den anderen Leichen zu verstecken.

Deshalb ist das der richtige Ort, um Schluss zu machen, und zwar mit diesem Jahr. Im Gift Shop des Museums gibt es den »Bad Memories Eraser«, mit dem sich schlechte Erinnerungen einfach ausradieren lassen, und damit würde ich dieses Jahr gern in die Tonne kippen.
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Wie bei so vielen Beziehungen wüsste ich im Nachhinein, was ich alles anders, besser hätte machen können. Zusammen mit den Krücken von meiner Kreuzband-OP möchte ich diesen Abschiedsbrief einreichen:

Liebes 2016,
wir begannen vielversprechend! Wir küssten uns um Mitternacht mit Champagner. Aber schon Mitte Januar hast du mir das Kreuzband zerrissen und das war erst der Anfang des Ärgers! Ich wünsche mir einen Neuanfang: Ich möchte die Brexit-Wahl wiederholen und die Amerikaner noch einmal ohne Einmischung der Russen abstimmen lassen, ob sie sich von diesem Hass-Clown wirklich regieren lassen wollen. Ich will Prince nochmal tanzen sehen und meinen Hund von seiner Krebs-Diagnose freisprechen. Ich will die Menschen warnen, die sich am Berliner Weihnachtsmarkt nur einen Zimtstern kaufen wollten und die Nachtclub-Gänger, die im Pulse von Orlando eine Nacht lang tanzen wollten. Du hast ein Versprechen nach dem anderen gebrochen. Du warst ein Scheiß-Jahr! Am 31. Dezember zerreisse ich deine Kalender-Seiten in kleine Schnipsel und schicke sie kleingeschreddert nach Hollywood.

Und tschüss. Ausradiert. Vorbei.

Ich fang` jetzt 'ne neue Affäre mit 2017 an. Der ist jung und duftet frisch und verspricht mir die Welt. Um Mitternacht küssen wir uns mit Champagner.
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufsteigt, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.