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Nackte Zahlen: Sexkolumne 02. Januar 2017

Schweinkram im Unterholz

Von Till Raether  Illustration: Sammy Slabbinck

Einst versteckten Jugendliche, wirklich wahr, Sexheftchen im Wald. Im Internet ist nun eine Debatte darüber in Gang gekommen, was das zu bedeuten hatte.

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In den Siebziger- und Achtzigerjahren waren die Wälder erfüllt von Pornographie. Zumindest ist dies die Kindheitserinnerung vieler US-amerikanischer Internetnutzer, die sich auf Twitter und Reddit über das offenbar weit verbreite Phänomen »woods porn«, also Waldpornos, austauschen: Vorräte von Penthouse, Hustler und anderen Sex-Magazinen, die sie als Kinder und Jugendliche beim Spielen im Wald fanden, versteckt unter gefällten Stämmen oder in hohlen Bäumen. Der Pornographie-Historiker Robin Bougie erklärt im Interview mit der Webseite Dangerous Minds: »Meine Theorie ist, dass Kinder das Zeug ihren Eltern oder im Laden geklaut hatten. Sie konnten es nicht mit nach Hause nehmen, weil es in ihren Zimmern gefunden worden wäre, also brachten sie es an den einen Ort, an dem Kinder so etwas wie Privatsphäre hatten: den Wald. Dort wurde es dann von anderen Kindern gefunden, und der Kreislauf setzte sich fort.«

Dass die Wälder selbst der nostalgisch verbrämtesten US-Kindheit keine reine Idylle waren, wusste man bereits aus der Popkultur: Im US-Wald finden Heranwachsende Leichen (Stand By Me - Das Geheimnis eines Sommers), Horrorclowns (Es) oder Dimensionsportalversuchsanstalten (Stranger Things). Aber waren die ländlichen USA in den Siebzigern und Achtzigern noch oder schon so repressiv, dass man nur im Wald Privatsphäre hatte? Allerdings gibt es keinen Grund zur Annahme, dass Phänomen könnte in Deutschland vor dreißig, vierzig Jahren völlig unbekannt gewesen sein. Schließlich verfügt Deutschland über einen prozentual gesehen sogar noch etwas größeren Waldanteil als die USA, fast ein Drittel unseres Landes ist mit Wald bedeckt. War die deutsche Angst vor dem Waldsterben Anfang der Achtziger eine kollektive Furcht vor dem drohenden Verlust grüner Lui-Verstecke?
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Das Phänomen »woods porn« wirft viele Fragen auf. Gehörte das Zusammentreffen mit masturbierenden Teenagern in freier Wildbahn einst zu den unerfreulichen Begleiterscheinungen des Försterberufs? Hat die Begegnung mit Pornographie im Wald das Frauenbild einer ganzen US-Generation so geprägt, dass am Ende deshalb in neun der zwölf waldreichsten US-Bundesstaaten Donald Trump gewählt wurde? Wurden bei der Holzgewinnung im Stamm versteckte Zeitschriften mit zu Spanplatten verarbeitet und leben heute in der DNA unserer Bücherregale weiter? Gibt es heute immer noch »Waldporno«?

Auf die letzte Frage hat der bereits erwähnte Robin Bougie, Autor des Buches Graphic Thrills - American XXX Movie Posters 1970-1985, eine Antwort: »Nach den Berichten, die mir vorliegen, gibt es das immer noch in den Wäldern, aber nicht mehr in dem großen Umfang wie einst. Wir haben den Büffel bis an den Rand des Aussterbens gejagt, und als wir das Internet erfanden, haben wir ›woods porn‹ so gut wie ausgelöscht.« In den Worten des Fachmanns schwingt Bedauern mit. Aber dies eine gute Nachricht. Wenn es insgesamt mit allem (Welt, Menschheit) so weitergeht, werden wir 2017 Rückzugsräume brauchen. Nicht zuletzt vor den Zumutungen einer durch und durch pornoifizierten Welt, in der der öffentliche Diskurs nicht selten bestenfalls auf dem Stand eines Herrenmagazins der Siebziger- oder Achtzigerjahre ist. Gut, dass man zumindest wieder in den Wald gehen kann, wenn man dem den Rücken kehren möchte.
Till Raether

ist freier Journalist und Buchautor in Hamburg. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb er in einer großen Publikumszeitschrift einen Artikel über Sexualfantasien unter dem Pseudonym »Dirk Meinerstedt«. Für diesen Kalauer leistet er jetzt hier Abbitte. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Alena Schröder.