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Musik 04. Januar 2017

Die Elbphilharmonie im Praxis-Test

Von Nataly Bleuel  Foto: dpa; Michael Zapf

Klos, Gastronomie, Bequemlichkeit der Sessel: Unsere Autorin hat in der Elbphilharmonie getestet, worauf es wirklich ankommt. Wundern musste sie sich vor allem über den Souvenir-Shop.

Der Konzertsaal der Hamburger Elbphilharmonie. Am 11. Januar findet dort das erste Konzert statt, unsere Autorin war jetzt schon drin.
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Jaa, Hamburg, wir haben verstanden. Am Abend des 31. Oktober habt ihr damit begonnen, da gingen die Lichter an und seither schwappt eine Bilderflut durchs Netz. Von eurer spiegelnden Bubble-Fassade mit der Wellenkrone, von eurer schillernd gebogenen Rolltreppe, die ihr Tube nennt, von eurer Plaza mit Blick über Elbe, Stadt, Hafen, ach was, die Welt. Und vom Gral. Dem Großen Konzertsaal, dessen Heiligkeit bisher noch keiner meiner Hamburger Freunde per Foto-Post bezeugte, weil nämlich keiner reinkam. Vor der Eröffnung am 11. Januar und danach auf Monate, womöglich Jahre auch nicht. Weil ihr keine Karten mehr bekommt, so ausverkauft ist eure Elbphilharmonie. Und wenn man doch ein Ticket haben möchte, so hört man euch raunen, muss man auf dem Schwarzmarkt 1500, 4000 oder gleich 6000 Öcken berappen. Aber zum Glück habt ihr Drohnen, mit denen jeder virtuell in den Gral fliegen kann.

Ja, wir haben es mitbekommen. Eure Elbphilharmonie ist FERTIG. Dieses Foto, als die Lichter angingen, ich habe es circa 34mal erhalten. Und eure Elphi - angeblich nennt ihr sie im Volksmund so - ist groß. Sie ist einmalig. Schwindelerregend. Eine Waterfront-Kathedrale, ein Star des Nordens.

Also bin ich da mal hin. Und ich war sogar drin. Im Gral. Im Großen Saal, glücklich auserwählt im Gefolge der Star-Choreografin Sasha Waltz, die das Foyer und den Saal mit Tanz und Musik einweihte. Und als Berliner Besucherin habe ich in der uns typischen piefigen, patzigen und vor Neid platzenden Kleinkariertheit mal eben Foljendes zu bemerken: Untenrum wirkt eure Elphi ein wenig wie der Eingang zu einem Wellness-Erlebnis-Tempel. Wollt ihr euch mit der bierhallenartigen Störtebeker-Gastronomie und ihren lustigen windschiefen Gläsern an uns Proletarier ranschmeißen? Die Matjes-Stulle vom Imbiss auf der überambitionierten gewellten Pappkachel, von der die Verkäuferin sagt, sie sei »aus Bambus« und »biomäßig abbaubar« aber »trotzdem zum Wegschmeißen«, nö ne?

Zumindest die WCs an der Plaza, also dem öffentlichen Platz im achten Stock: simple Klos und schnöde Kacheln, null Gastroentero-Erlebnis. Mensch, woanders bauen die ganze Restaurants um abgefahrene Bathrooms rum! Durch die gewellten Glastüren bläst ein schneidiger Wind und vor lauter Spiegelung rennt der Kontinentalbewohner dagegen, auf der Suche nach dem Ausweg auf die Reling, heißt doch so? Die Garderoben-Bons sind einen Tick zu schwer, wo soll man die hinstecken, ohne dass die Tasche beult? Und die Bar-Theken sind von Zanussi und nicht von Boffi. Leute!!
Teil der Eröffnungsfeierlichkeiten in der Elbphilharmonie war auch eine »musikalisch-choreographische Raumerkundung« der Choreografin Sasha Waltz und ihrer Tänzerinnen und Tänzer. Musik durfte allerdings nur im Foyer erklingen, noch nicht im Konzertsaal.

Schließlich der Shop der Elbphilharmonie. Es ist eine riesige Reliquien-Handlung: Tassen, Anhänger, Beutel mit Fassadenbubblekacheldesign drauf, von Textil-Künstlern entworfene Taschen, Mäppchen, Tücher mit Fassadenbubblekacheldesign drauf, Schlüsselanhänger mit ... ja, und dann auch noch Tassen mit dem Foto von der erleuchteten FERTIG-Fassade drauf, und Tücher, und Mousepads. Wollt ihr uns fertig machen? Sollen wir hier nur »Merchs shoppen«, wie meine Jungs sagen würden, und nicht auch Notenblätter, Bücher, Kunstbücher? Ihr seid doch sonst berüchtigt für eure distinguierte Art, aber das kommt ziemlich dicke. Auch wenn ihr es mit Selbstironie versucht: »STOLZ« steht fett über eurem Bild von der Elbphilharmonie.

Von Westen her dräut der Shietwetterstorm, also rasch noch ein Wort à la Schwiegermutter: Wer soll das alles putzen? Wer die Holztreppen von Flecken reinhalten, die wie in einer Escher-Grafik über sechs Etagen gegeneinander fließen und die man unentwegt streicheln möchte, so geschmeidig sind sie? Und den Staub aus den Mulden der »Weißen Haut« des Großen Saals herauswedeln, diese aus Gips gefräste, wie organisch wirkende Wandverkleidung, die Hall schluckt zwecks reinem Klang? Hm?

Der Gral. Es gehen in diesem Raum die Worte flöten. Um die Bühne sind in Terrassen die Tribünen angeordnet, im Weinberg-Prinzip, das ihr bei unserer Berliner Philharmonie abgeguckt habt. Die Sitzflächen der Pfeffer-Salz-melierten Sessel sind dick wie Unterarme lang und wenn man einmal sitzt, denkt man, ich steh nie wieder auf. Schon gar nicht mit diesem Blick: auf ein Spektakel aus Schichten, Schatten und Licht. Kein Ton ist zu hören. Denn das Einweihungs-Konzert des Vokalconsorts ist stumm. Erst beim Eröffnungskonzert darf Musik im Saal erklingen. Also stehen die Musiker still und es ist als würde der Raum dadurch erst recht erklingen, sphärisch. Nein, diese Elphi ist kein baumaterialgewordenes Wunder. Es ist, sitzt man in diesem Ding, als öffne es sich zum Weltall. So hoch, so weit, so groß. Und als würde das All, mit einem riesenhaften umgedrehten Pilz-Ohr, diesem Ort lauschen. Hamburg, dein Großer Saal ist eine Überwältigung!
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Als ich ihn verlasse, stupse ich auf der Plaza die Karten-Abreißerin an, mitfühlend, so eisig bläst der Wind. Und denke, als ich über den noch viel zu leeren Platz gehe und durch die Tube, wo auch ich ein Foto mache, das ich nach Berlin poste und in den Rest der Welt: Liebe Hamburger, belebt eure Elbphilharmonie, spielt, tanzt, feiert, lasst es krachen!

Sonst kommen wir nämlich rüber. Aus München, wo man mit einer Arena nur dem Fußball huldigt. Vom Stuttgarter Bahnhof. Aus Frankfurt, mit seinen Bankentürmen. Und aus Berlin, wo unser neuer Flughafen vermutlich niemals FERTIG wird.
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