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aus Heft 02/2017 Internet

Gefällt mir, du Süße!

Von Alena Schröder  Illustrationen: Raymond Lemstra

Das eigene Facebook-Profilbild ist viel mehr als nur eine briefmarkengroße Visitenkarte. Wenn man es wechselt, kehrt man auf den Schulhof zurück.

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Es ist ganz einfach, sich als erwachsene Frau noch einmal zu fühlen wie ein Teenager. Man muss nur sein Facebook-Profilfoto ändern, so wie ich neulich. Das ist natürlich nichts Besonderes, manche tun das mehrmals täglich. Aber für mich war es das erste Mal, ich bin nicht so der Selfie-Typ. Mein altes Profilfoto war wirklich schon sehr alt, niemand soll glauben, ich wollte so tun, als sähe ich noch aus wie mit zwanzig. Außerdem hatte ich gerade aus beruflichen Gründen professionelle Fotos machen lassen, und das soll sich ja auch gelohnt haben.

Leider gibt es bei Facebook keine mir bekannte Möglichkeit, sein Profilfoto diskret auszutauschen. Es lässt sich nicht verhindern, dass bei all meinen Facebook-Freunden auf der Timeline die Nachricht »Alena Schröder hat ihr Profilbild aktualisiert« erscheint – und dann, bämm! Mein Gesicht, riesengroß. Mein Blick – eigentlich der Versuch, seriös, vielleicht ein bisschen verwegen rüberzukommen – wirkt auf diese Weise wie ein stummer Schrei nach Aufmerksamkeit. Na, Internet, wie sehe ich aus?

Es dauert keine dreißig Sekunden, da hagelt es die ersten Kommentare. Menschen, die ich seit Jahren nicht gesehen habe, Ex-Freunde, Grundschulbekanntschaften, Arbeitskolleginnen, machen mir Komplimente, schicken Bussi-Smileys, klicken »Gefällt mir«. Das ist natürlich nett, ich steh auf Komplimente, ich bin auch so weit zufrieden mit meinem Aussehen. Aber diese unerwartete Aufmerksamkeit macht mich verlegen. Ich fühle mich seltsam nackt. Keiner meiner sonstigen Posts der vergangenen Zeit hat so schnell so viele Likes bekommen. Dabei sagen die deutlich mehr über mich aus als dieses Foto. Und je länger ich mich mit all den Reaktionen befasse, umso unruhiger und verzagter werde ich. Warum kein »Gefällt mir« von meiner alten Freundin S.? Komisch, D., der sonst alles kommentiert, was ich poste, hat sich noch nicht geäußert – gefällt ihm mein Bild nicht? Und wenn J. schreibt: »Toll siehst Du aus, Süße!« – meint sie das dann ironisch, weil ich nämlich wirklich vieles bin, aber ganz bestimmt nicht süß?

Es fühlt sich an wie früher auf dem Schulhof. Die gleiche Mischung aus Unsicherheit, Bedürftigkeit und Scham, wenn andere das eigene Aussehen beurteilen. Früher habe ich mit leichtem Spott, aber auch mit Bewunderung auf das Gebaren der Schulhofschönheiten geschaut, heute habe ich die gleichen Gefühle bei erwachsenen Frauen, die ständig neue Profilbilder von sich einstellen. Die kein Problem damit haben, laut ins Internet »Sieh mich an und sag mir, dass ich schön bin!« zu rufen. Bei einigen von ihnen drücke ich auch immer höflich »Gefällt mir«, bei anderen bin ich genervt von der Penetranz, mit der sie mir ihre hübschen Gesichter immer und immer wieder auf den Bildschirm spülen. Und manchmal tun sie mir leid, wenn ich sehe, dass wirklich nur noch ein harter Kern aus Bewunderern übrig bleibt, der zur Not auch dreimal am Tag ein neues Porträtfoto kommentiert. Dass Jugendliche diese Bestätigung brauchen und sich gegenseitig in Großbuchstaben und mit vielen Emojis versichern, dass sie WIRKLICH HAMMER aussehen, SOOOO SCHÖN, BEAUTIFUL!!!! – das verstehe ich. Aber erwachsene Menschen, mit Jobs, Familien, Hauskrediten?

Eine Freundin von mir, bekannt für ihre sonnige Ausstrahlung, hat neulich ebenfalls zum ersten Mal ihr Facebook-Profilbild gewechselt. Sie wählte ein Foto, auf dem sie ausnahmsweise nicht lächelt, und löste eine Welle besorgter, teilweise geradezu empörter Nachfragen aus. Was denn mit ihr los sei, bitte schön? Wieso sie ausgerechnet dieses Bild gewählt habe, sie sehe doch in Wahrheit viel besser aus? Die Freundin erwiderte zunehmend gereizt, ihr gefalle das Bild, denn es zeige ihren aktuellen Gemütszustand: ernst und vielleicht ein bisschen müde. Und nein, dies sei kein Hilferuf, kein Schrei nach Liebe, keine Bitte um Beautytipps, sondern einfach nur ein neues Profilfoto. Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen!

Fast hätte die Freundin ihren ganzen Account gelöscht, so erschüttert war sie über das Ausmaß an Aufmerksamkeit für etwas, was ihr selbst nicht so wichtig erschien. Ich verstehe sie. Da gibt man sich Mühe, auch in sozialen Medien wie ein denkender, witziger, eloquenter, politischer Mensch rüberzukommen – und dann bewegt die Leute doch am meisten, wie man aussieht, im Guten wie im Schlechten.

Facebook ist ein alterndes Netzwerk, die Jugend hat längst andere Kanäle, um sich gegenseitig zu erzählen, wie unwiderstehlich sie ist. Und wer auch jenseits der dreißig noch unter heftiger Kardashianitis leidet, geht ohnehin zu Instagram. Da könnte Facebook seinen Usern ein wenig entgegenkommen und wenigstens die Möglichkeit anbieten, sein Profilbild in Würde, sprich: heimlich zu verändern. Wer dann trotzdem ein Kompliment loswerden möchte, kann das ja tun, es würde sogar wahrhaftiger wirken und nicht wie bestellt.

Und noch einen positiven Nebeneffekt hätte das Ganze: Uns würde die ewige Debatte um die politisch korrekte Anpassung des Profilbildes nach Terroranschlägen erspart. Ob »Je suis XY« nun solidarisch oder anmaßend ist, ob es menschlich oder eurozentristisch ist, zwar die Tricolore, jedoch nicht die jemenitische Flagge über sein Profilbild zu legen, obwohl da doch auch jeden Tag Menschen sterben, ob ein Profilbild in Regenbogenfarben einem diskriminierten Homosexuellen nutzt oder nicht – all diese Diskussionen würden sich erübrigen, wenn das Profilbild einfach die briefmarkenkleine Visitenkarte bliebe, als die es gedacht ist. Oder jedenfalls: als die es von mir gedacht ist.

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Alena Schröder

gesteht, dass sie in Wahrheit mindestens 15 Jahre älter aussieht als auf diesem sehr vorteilhaft gezeichneten Autorenbild.

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