Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 03/2017 Reise

Per Anhalter übers Meer

Von Lars Reichardt  Fotos: Kevin Kunishi

Trampen kann man auch auf dem Wasser. Unser Autor hat es auf den Philippinen ausprobiert - und dabei einiges über das Meer, das Segeln und Fischblut gelernt. Ein Tagebuch.

Unser Autor (rechts) an Bord

Anzeige
Erster Tag


Der Käpt’n ist schlecht drauf, als ich ihm am Strand begegne. Ein Paar hatte sich für die Fahrt von El Nido in den Süden Palawans angemeldet, zahlende Chartergäste. Aber das Paar ist nicht erschienen. Der Lufthansa-Streik hat es in Tokio festgehalten. Weitere Interessenten haben sich nicht mehr gemeldet. Wohl wegen der Entführung eines anderen deutschen Seglers in 500 Kilometern Entfernung durch Terroristen der Abu Sayyaf im November. Vielleicht auch wegen der 2000 Menschen, die die Polizei in den vergangenen sechs Monaten des Drogenhandels bezichtigt und mit Billigung des Präsidenten ohne Prozess erschossen hatte. Die Philippinen sind derzeit ein schwieriger Markt für Segeltourismus.

Giovanni Scarlata, braungebrannt, Zigarette im Mundwinkel, ist etwas kleiner als ich, 1,80 Meter, und etwas älter, Mitte fünfzig, Vater Sizilianer, Mutter Fränkin, aufgewachsen in Nürnberg. Seit 18 Jahren segelt er über die Meere. Am Strand von El Nido bestellt er ein Ankerbier – das erste Wort aus dem Seefahrervokabular, das ich lerne. Giovanni trinkt es im Zweifel auch mittags. Ankern ist kein Parken, es erfordert volle Konzentration und ist nicht ungefährlich, im schlechtesten Fall läuft das Schiff auf ein Riff oder treibt aufs Meer hinaus. Geglücktes Ankern ist allemal Grund genug für einen Drink.

Ich hatte Giovannis Mitleid mit meiner Annonce in einem der vielen Onlineforen erregt, auf denen Tramper gegen Mitarbeit auf dem Boot eine Mitfahrgelegenheit auf allen möglichen Seewegen anfragen. Trans-Ocean heißen die Foren oder Hand gegen Koje: Geübte Segler suchen ein Schiff oder Kapitäne Verstärkung für die Nachtwache am Ruder, besonders auf langen Routen wie der über den Atlantik. Kann nichts, möchte trotzdem mal eine Woche aufs Meer, bin zu allen Putzdiensten bereit, hatte ich gepostet. So ein Ersuchen ist nicht ganz unüblich, aber auch nicht aussichtsreich. Monatelang blieb meine Bitte unerhört, bis sich Giovanni per Mail meldete. Dabei hat er einen Bootsjungen zum Putzen und braucht keine Nachtwache, seit zwei Jahren segelt er nur tagsüber, kleinere Etappen von Insel zu Insel.

Schach spielen kann ich. Als er das erfuhr, beschloss Giovanni spontan, mich mitzunehmen. In Nürnberger Kneipen hat er früher um kleine Beträge Schach gespielt und so sein Studium mitfinanziert. Auf dem Meer hat er lange keinen ernsthaften Gegner getroffen. Außerdem hat Giovanni, der in Studienzeiten Kommunist war, eine Botschaft, die er gern in einem Magazin loswerden will: »Segeln ist kein elitärer Sport für Snobs und Millionäre. Du kommst mit wenig Geld aus. Wir fischen und essen Sashimi an Deck, nur fürs Ankerbier zahlst du was in die Bordkasse«, sagt er mit fränkischem Einschlag. Zwei Mitbringsel hat er sich gewünscht: Lakritzschnecken und Parmesan.

El Nido ist ein kleiner Strandort auf Palawan, der langgezogenen Insel im Westen der Philippinen am Südchinesischen Meer. »Marber’s« heißt Giovannis Stammlokal fürs Ankerbier. An den Nebentischen sitzen Backpacker aus aller Welt. Es ist 23 Grad warm, obwohl die Sonne längst untergegangen ist. Wir essen Lapu-Lapu, einen Fisch, der zu Ehren des Mannes benannt wurde, der Ferdinand Magellan in dessen letzter Schlacht besiegt hat, den Weltumsegler aus Portugal. Kinder kommen an die Tische, um bunte Perlenketten zu verkaufen. Boat people nennt man sie im Südchinesischen Meer: Menschen, die nach jahrhundertealter Tradition auf miteinander vertauten Bootsinseln leben. Viele ältere Boat people hatten nie festen Boden unter den Füßen. Sie schicken ihre Kinder an Land.

Giovannis Boot ankert eine Bucht weiter, wegen der lauten Rockmusik in drei Restaurants. Wir fahren mit dem Beiboot raus. Von wegen romantische Stille auf dem Segelboot: Den Klangbrei vom Strand hören wir immer noch. Aber der Sternenhimmel über den Tropen ist ganz klar, und der Mond steht ungewohnt knapp über dem Horizont.

Kapitän Giovanni an seinem Lieblingsort auf der Mescalito.


Das Boot: 14 Meter lang mit einem 17 Meter hohen Mast. Der Kiel ist mit 2,40 Metern vergleichsweise tief, das macht die Mescalito unsinkbar, sagt Giovanni. Unter Deck zwei Kajüten, vorn mit Dusche, zwei weitere Schlafplätze im Salon, daneben eine Toilette. Schönes Holz, mit 29 etwas in die Jahre gekommen, aber gepflegt. Giovanni überlasst mir die größere Kabine und schläft im Salon. Hinten hat er eine Plattform angebaut, mit Leiter ins Wasser. Darüber hängen genug Solarzellen für Licht und Navigation auf dem PC. Sogar WLAN gibt’s. Das Boot hat knapp dreißig Quadratmeter Wohnfläche. Als es gebaut wurde, gab es zwölf Schlafplätze unter Deck. Giovanni nimmt nie mehr als vier Gäste auf. Sechs Leute inklusive Käpt’n und Bootsjunge auf dreißig Quadratmetern sind Herausforderung genug.

Der Bootsjunge: Garang, 22 Jahre alt, zwei Kinder, vier und zwei, wobei er das Mädchen für drei hält und sich von Giovanni vorrechnen lassen muss, dass sie wirklich schon vier ist. Zählen, schreiben, lesen kann Garang nur mit Mühe. An den Schulen lernen philippinische Kinder vor allem marschieren und die Nationalhymne, sagt Giovanni. Garang ist schüchtern und schaut mir nicht in die Augen. Seine Hautfarbe ist vergleichsweise dunkel, das nagt an seinem Selbstbewusstsein, sagt Giovanni, denn auch auf den Philippinen ist Rassismus weit verbreitet. Beim Besteigen des Beiboots am Strand bin ich ausgerutscht und ins Wasser geflogen. Den Bootsjungen habe ich mitgerissen, sein Handy versenkt. Wie peinlich. Ich bin zu groß, zu kräftig, zu dick für so ein Segelboot. Auf der Mescalito muss ich mich ständig ducken und schräg durch die Türen zwängen. »Schiffsbär« tauft mich Giovanni gleich am ersten Tag.

Zweiter Tag

Vor Seekrankheit darf man sich nie sicher wähnen. Auch Giovanni hat es einmal er-wischt, nachts im Schlaf, als der Wellengang vor Rhodos stärker wurde, wachte er auf, als er sich schon übergab.

Ich habe nicht geschlafen. Das Meer war ruhig, aber der Jetlag hart. Wenigstens funktioniert Garangs Handy wieder. Der Bootsjunge macht mir Kaffee. Ich schwimme einmal ums Boot. Das Wasser ist mit 25 Grad zu warm, um wach zu machen. Am Strand der sattgrünen Insel, vor der wir ankern, steht eine Bambushütte. Ein Wachmann sitzt darin. Nach philippinischem Recht ist es so: Wer fünf Jahre lang die Palmen auf einer unbewohnten Insel schneidet, dem gehört danach dieses Stück Land. Der Wachmann passt auf, dass niemand anderes Palmen pflanzt. Die Hunde der Wachmänner auf den vielen unbewohnten Inseln vor der Küste Palawans graben Schildkröteneier aus. Meeresschildkröten sind auf den Philippinen geschützt. Sie sterben trotzdem aus. Hinter mir taucht eine Schildkröte im Wasser auf. Oft krepieren Schildkröten, weil sie Plastiktüten fressen, die sie für Quallen halten. Erst vier Tage später wird Giovanni von dem riesigen Hai erzählen, den er mal in der Nähe des Ankerplatzes von El Nido unter dem Boot sah.

Giovanni ist guter Dinge und backt Brot für die Fahrt. Ciabatta aus Sauerteig. Wenn wirklich niemand mehr mit ihm segeln will, macht er eben eine Bäckerei auf. Die Restaurantbesitzer in El Nido reißen es ihm ohnehin aus der Hand. Dafür ist Garang heute angespannt. Seine Mutter und seine Frau drängen ihn, von Giovanni mehr Geld zu fordern, doch damit hat er keinen Erfolg. Giovanni schickt Garang und mich zum Einkaufen auf den Markt. Wir kaufen Reis, Wasserspinat, Diesel und zwei große Eisblöcke für den Kühlschrank. Das Leben auf dem Boot ist günstig, aber nicht gratis. Ich soll Garang begleiten, damit er nichts vergisst.

Viele Segler engagieren lieber junge Frauen als Bootsjunge und Geliebte in Personalunion. Käpt’n Giovanni haben deshalb erst mal viele für schwul gehalten. Er hat ja nicht mal eine Geliebte an Land. Inzwischen rechnen ihm die Philippinos hoch an, dass er einem Mann Arbeit gibt und einer der wenigen Europäer ist, die nicht wegen Sex ins Land kommen. Giovanni hat Frau und Kind in Deutschland.

Das Leben im Anzug als Programmierer bei Siemens und abends vor dem Fernseher wollte er 1999 nicht mehr weiterführen. Sein Großvater hatte ihn vor Palermo zum Angeln mitgenommen, warum nicht um die Welt segeln? Giovanni kaufte ein gebrauchtes Boot und lernte das Segeln aus einem Buch. Die ersten Jahre tingelte er zwischen griechischen Inseln. Jeden Winter kehrte er für drei, vier Monate nach München zurück, um mit Programmieren die Bordkasse aufzufüllen. Er verliebte sich in das einfache Leben auf dem Meer – »es gibt nichts Schöneres, als mit Proviant an Bord loszusegeln und nicht genau zu wissen, wohin einen der Wind trägt«. Wenn überhaupt, gibt es sie noch auf dem Meer: die große Freiheit, von der jeder einmal träumt, der sich an den Schreibtisch gefesselt fühlt. Die wenigsten trauen sich, diesen Traum wahr zu machen.

Auf Landurlaub in München lernte Giovanni Natascha kennen. Er sagte ihr, ein Seemann könne keine Frau gebrauchen. Natascha versprach ihm, ihn nie zum Bleiben zu überreden. Sie bekamen einen Sohn, sie heirateten, Giovanni segelte durch den Sues-kanal ins Rote Meer und weiter in den Golf von Aden, auf die Seychellen, die Malediven und nach Borneo, Natascha arbeitet als Angestellte, im Winter und an Ostern besucht sie ihren Mann auf dem Boot, im Sommer, zur Taifunzeit, kommt Giovanni für zwei, drei Monate nach Hause. Als Programmierer kann er inzwischen nicht mehr arbeiten. Jemand, der braungebrannt im Winter kurz aufschlägt und gleich wieder abhaut, macht so neidisch, dass das Betriebsklima ihn nicht verträgt. Seit 2007 verchartert Giovanni sein Boot, im Ganzen oder als einzelne Plätze auf Routen, die er allein erkundet hat. Sailing Palawan nennt er sich auf Facebook.

Natascha hofft, dass Giovanni das Boot dem Jungen und ihr zuliebe aufgeben wird. Giovanni hofft, dass Massimo und sie irgendwann ganz zu ihm aufs Boot kommen.

Unser Autor ging auch mal zum Einkaufen an Land, allerdings gab es, wie hier in San Vicente, oft wenig zu kaufen.


Dritter Tag


Beim Segelsetzen verstehen sich Giovanni und Garang blind. Ich stehe im Weg herum. Wir segeln die Küste in südlicher Richtung runter, vorbei an vielen vorgelagerten Inseln, Land bleibt immer in Sicht, nach Delfinen halten wir vergeblich Ausschau. Giovanni hat Garang nicht nur das Segeln, sondern auch ein paar Brocken Englisch beigebracht. Es reicht jetzt für das Nötigste. Wenn aber zahlende Kundschaft auf dem Boot länger ausbleibt, nimmt Giovanni gern Tramper mit, um sich mal länger zu unterhalten. Nur einmal hat er schlechte Erfahrungen gemacht und einen Deutschen nach fünf Wochen in Sri Lanka vom Boot geschmissen – »Der war asozial und wurde aggressiv, wenn er trank.« Je kürzer die Fahrt, desto größer die Chancen für Tramper. »Zwei, drei Tage werden auf dem engen Boot selbst dann nicht zum Problem, wenn man sich nicht so mag«, sagt Giovanni. Paare haben schlechte Karten, weil ein Kapitän nie wissen kann, ob die sich nicht in die Haare bekommen. Gemeinsam reisende Männer sind auch heikel; ein Mordfall aus den Achtzigerjahren ist den Seglern noch gut in Erinnerung, als ein Tramper einen deutschen Kapitän und seine Freundin über Bord warf. Giovanni hat einmal allerdings vier junge Leute von Langkawi in Malaysia nach Phuket in Thailand mitgenommen, und die strichen ihm auf der Fahrt den Salon neu.

Am besten sprechen Tramper Kapitäne in Hafenkneipen an, auch wenn die meisten Mitfahrgelegenheiten inzwischen über das Internet vergeben werden. Wer gut kochen kann, hat schon halb gewonnen. Allerdings nicht bei Giovanni, dessen Vater in Nürnberg ein Sterne-Restaurant führte, in dem Giovanni früh ausgeholfen und vieles gelernt hat. Abends brät er in Senf marinierte Schweinelendchen scharf an, bevor er sie in Alufolie im Ofen zart gart.

Ankern in Liminangcong, Garangs Heimatdorf. Die meisten Bewohner sind Christen. Sie leben vom Quallenexport nach China. Wir hören Hähne krähen und Hunde bellen. Das Ankerbier trinken wir in der einzigen Kneipe. In dem Fischerdorf gibt es keine Touristen, keinen Hardrock, keine Straßenbeleuchtung, aber wie überall auf den Philippinen gibt es Karaoke. Garang stellt uns einen Mann vor, der Hähne für die Kämpfe züchtet, die jedes Wochenende live übertragen werden und auf die viel Geld gesetzt wird. Der Mann nickt freundlich und lobt das Hühnercurry im Topf. Garang hat acht Geschwister, ein Bruder verdient seinen Lebensunterhalt damit, vor den Kämpfen Rasierklingen an den Beinen der Kampfhähne anzubringen. Garang hat wieder gute Laune. Giovanni hat ihm Geld gegeben, damit er seiner Frau ein Handy kauft.

In der Nacht verdrecke ich eine Sitzauflage im Cockpit mit Asche. Aber nach den ersten Schachpartien gegen Giovanni steht es 1:1. Mein erster Achtungserfolg, ich fühle mich nicht mehr ganz so deplatziert an Bord.

Vierter Tag

Die Batterie des Dieselmotors der Mescalito lädt nicht. Giovanni hadert kurz mit seinem Seglerdasein, bevor er die Zündung ausbaut. Nach zwei Stunden ist der Fehler behoben. »Wohin möchtest du heute segeln?«, fragt er mich. »Wieder ein Dorf oder eine einsame Bucht?« Ist egal, wohin man segelt, der Weg ist das Ziel.

Als ich meine Sonnencreme auf einem Sitzpolster im Cockpit verschmiere, zeigt sich der Käpt’n das erste Mal leicht genervt von seinem Tramper.

Garang sieht einem toten Fisch an, ob er mit Dynamit gefangen wurde. Ob er vergiftet wurde, sieht er nicht. Viele Segler halten sich deshalb zum Vorkosten eine Katze an Bord. Auch in ersten Riffs vor Palawan finden sich inzwischen Rückstände von Zyanid. Garang taucht und sammelt den Müll an den Korallen ein. Natürlich angelt er nur klassisch: Von einem Freund hat er einen »Helikopter« geschenkt bekommen. Ein Helikopter hängt am Ende an einer Angelleine, hüpft übers Wasser und soll die Aufmerksamkeit der Fische erregen, die dann auf den mit kleinen Kristalliten ummantelten Haken dahinter beißen. Das funktioniert auch in den fischreichen Philippinen nicht immer. Am Abend essen wir Fischcurry mit gekauftem White Snapper, Giovannis Lieblingsessen, mit frischer Kokosnusscreme.

Wir haben in einer Bucht namens Pirates Hold geankert. Das Wasser ist tief und dunkel, nie so verspielt türkisblau wie in der Karibik. Ein Gecko an Land ruft neunmal. »Ein Zeichen dafür, dass er entspannt ist«, erklärt Giovanni. »Normalerweise hört man ihn nur fünfmal.« Garang erzählt, dass er auf der menschenleeren Insel mal Warane zum Essen gejagt hat. Zwei gibbonähnliche Affen kommen aus dem Wald zum Planschen ans Ufer. In Pirates Hold hört man nichts von der Zivilisation. »Eigentlich wollte ich längst wieder zurück nach Malaysia und Thailand, aber dort gibt es so viele Segler, und hier ist die Natur noch viel schöner«, sagt Giovanni. Die Insel steht zum Verkauf. Sogar für Luxusresorts ist sie zu abgelegen.

Nach dem Essen spinnt Giovanni Seemannsgarn: erzählt von den schönen Frauen auf Madagaskar, die im Stehen pinkeln und nie eifersüchtig sind, von unentdeckten Tauchplätzen an der Küste Sudans, davon, wie ihn ein Dealer auf den Seychellen zu einem Drogentransport nötigen wollte, wie es auf den Malediven zu einer Fischschlacht kam, als ein Fischer Fisch gegen Giovannis Cola tauschen, Giovanni aber nichts abgegeben wollte: Minutenlang warfen sie Fische von Boot zu Boot hin und her. Vor dem Atoll Diego Garcia hat Giovanni einen havarierten Tanker gerettet, dem er einen Monteur und Ersatzteile brachte, ein Job, mit dem er 16 000 Dollar verdiente.

Und dann die Geschichte, wie Giovanni knapp einer Entführung entkam: 2006 segelte er von Eritrea aus durch den Golf von Aden mit zwei Trampern an Bord, einem deutschen Wiedertäufer und einer Schweizerin, beide reisten allein. In der Gegend wurden Segler oft von Fischern angebettelt, um eine Cola oder Zigaretten. Als Giovanni von Weitem ein Beiboot mit acht Männern auf sie zukommen sah, wusste er, dass die nicht betteln wollten. Giovanni startete den Diesel, und ging in den Wind. Das Motorboot holte die Mescalito ein, die Männer schwenkten Macheten und Harpunen. Giovanni schickte den Wiedertäufer unter Deck, das alte Gewehr aus dem Zweiten Weltkrieg zu holen, das ihm ein anderer Segler kurz vor dem Ablegen aufgedrängt hatte. Der Wiedertäufer rief: »Ich kann nicht schießen!« Die Schweizerin versteckte sich unter Deck – hätten die Piraten sie entdeckt, hätten sie nie aufgegeben. Sie schrie: »Ich will nicht sterben!« Als die Piraten näher kamen, schoss Giovanni zweimal in die Luft und zielte mit den restlichen zehn Schuss auf den Motor. Nach vierzig Minuten drehten die Piraten ab. Giovanni war vor lauter Adrenalin im Körper wie gelähmt und konnte zwei Stunden nicht aufstehen. Er hat nie erfahren, ob er jemanden getroffen hat. Der Wiedertäufer hat das Trampen auf dem Meer nach der Begegnung aufgegeben, aber bedankt sich heute noch regelmäßig bei Giovanni.

Deutsche Segler sind in Asien eher unbeliebt, weil die Bundesregierung im Fall einer Entführung Lösegeld zahlt und damit die Sitten auf den Meeren verdirbt. Giovanni kennt den deutschen Segler, den Abu Sayyaf entführt hat. Dessen Frau, die man erschossen auf dem leeren Boot fand, mochte er sehr. Giovanni sagt, er wäre nie so leichtsinnig, dort zu segeln, wo die beiden unterwegs waren. Aber wer von den Philippinen nach Borneo will, muss zwangsläufig durch gefährliche Gewässer fahren.

Fünfter Tag

Ich kann immer noch nicht die Knoten der Segelleinen lösen und stelle mich selbst beim Heben der Ankerkette blöd an. Giovanni lässt mich dennoch ans Ruder. Immer geradeaus, aber auch das ist nicht so einfach, wenn Wind und Wellen am Boot zerren. Rechts und links liegen Perlenfarmen im Wasser. Man muss das an den Bojen erkennen, sonst rammt man die Holzpfähle mit den Käfigen.

Wir segeln in die Bucht von San Vicente. Giovannis Zigarettenmarke gibt es nicht in dem winzigen Ort am Strand, aber Ankerbier und frische Sardinen, das Kilo für einen Euro. In San Vicente soll ein Flughafen gebaut werden, für Direktflüge aus Hongkong. Noch gibt es hier nicht einmal eine Straße oder Autos. Der Gouverneur hat viele Grundstücke günstig aufgekauft. Einige Fischer wollten nicht wegziehen und wurden umgebracht, sagt Giovanni.

Er segelt die Route durch die riesige Bucht zum ersten Mal, ein großer Felsen liegt auf der Strecke, und die Online-Karten sind nicht zuverlässig. Wir fahren langsam und kontrollieren ständig den Tiefenmesser. Am südlichen Ende der Bucht ankern wir. Giovanni frittiert die Sardinen auf sizilianische Art, Garang paniert sie philippinisch: mit Ei, Reis, Shrimps und einer Mischung aus Essig und Sojasauce. Schmeckt apart.

Wir spielen Schach. Giovanni hat heimlich im Internet nachgelesen, wie er sich besser gegen mein Königsgambit behaupten kann. Wieder gewinnen nach zähem Kampf jeweils Giovanni und ich mit Weiß.

Sechster Tag

Schreck am Morgen. Beim Schwimmen entdecke ich, wie nah wir am Riff geankert haben. Wir machen uns schnell davon. Ich darf wieder ans Ruder, zwei Stunden lässt mich die Crew der Mescalito allein an Deck. Ich segle bei dem stärksten Windgang bisher. Mir wird nicht schlecht.

Garang hat die Leine ausgeworfen. Zwei Tunfische beißen an, Yellow Fin. Einer befreit sich vom Haken, der andere ist 15 Minuten später zu Sashimi verarbeitet. Misopaste und Sojasauce hat Giovanni immer vorrätig. Ich wusste nicht, wie stark Fische bluten. Garang ist glücklich, dass wir ihn den Kopf allein essen lassen. Das Fischblut lässt er in der Pfanne stocken und tunkt es mit Reis auf.

Wir segeln 25 Meilen weit. Am Abend schenkt Giovanni seinen letzten Rum aus und legt Musik auf: Tote Hosen und Andrea Bocelli, Paolo Conte und Eros Ramazotti. Zu Marianne Rosenberg bittet er mich zum Tanzen auf die Plattform. Bei Johnny Cashs letzter LP, die er kurz vor seinem Tod aufnahm, sagt Giovanni, dass viele Segler mit dem alten Sänger die Todessehnsucht gemein hätten: »Segler haben oft so viel erlebt, dass sie gar nicht mehr an Land gehen wollen. Das Leben langweilt sie. Sie fahren zur See und bereiten sich auf ihren Tod vor.«

Spielfreier Abend, kein Schach. Wir schlafen beide auf dem Deck unter dem Sternenhimmel. Giovanni spricht im Schlaf, ich schnarche.

Siebter Tag

Nur eines fürchtet der Segler mehr als zu viel Wind: zu wenig Wind. Wir schippern mit dem restlichen Diesel Richtung Port Barton. Giovanni erzählt von Tony, einem südafrikanischen Ex-Rugbyprofi, einem seiner wenigen Freunde, mit denen er von den Seychellen auf die Malediven unterwegs war. Sie fuhren im Konvoi, aber es herrschte fünf Wochen lang Flaute.

Sie konnten mit ihren Booten nicht aneinander anlegen, das wäre zu gefährlich gewesen, deswegen warf Tony die Bierbüchsen aus seinem Vorrat in Giovannis Hauptsegel. Der Proviant leerte sich, aber Tony weigerte sich, Giovanni auf dem langsameren Boot allein zu lassen. Am Schluss retteten sie ein paar Kokosnüsse an Bord. Nach fünf Wochen erreichten sie schließlich Malé. Tony hat sich später wahrscheinlich umgebracht. Hat wohl die Einsamkeit und den Tod seiner Frau nie überwunden. »Vielleicht wurde er auch ermordet, denn er prahlte manchmal damit, Goldbarren im Rumpf versteckt zu haben«, sagt Giovanni.

Depressionen sind auf dem Meer nicht selten. Vor allem wenn der Partner wegstirbt. Nur wenige Frauen segeln nach dem Tod ihres Mannes allein weiter. Und vielen Seglern geht irgendwann das Geld aus. Man trifft vergleichsweise viele wohlhabende Schweizer und Österreicher. Ältere mit einer guten Rente sind in der Regel fein raus, dem australischen Rentnerpaar, das auf ein Riff auflief, fehlte dennoch das Geld zur Reparatur. Die beiden führen jetzt eine Tankstelle im Outback.

Das Match Käpt’n gegen Tramper endet 4:4.

Ankerbier in Port Barton. Einfache Bungalows liegen am Strand, in den Restaurants wird noch kein Hardrock gespielt, so wie in El Nido, wo wir unseren Törn begannen. »Schade, dass wir keine Delfine gesehen haben. Aber jetzt kannst du segeln«, sagt Giovanni. Natürlich ist das gelogen.

Garang ist auf der Mescalito eingeschlafen und verpasst es, uns wie verabredet mit dem Beiboot vom Strand abzuholen. Der Käpt’n lässt es sich nicht nehmen, das Beiboot für seinen Tramper zu holen, und schwimmt in die Nacht hinaus.

Anzeige

Lars Reichardt

träumt immer noch von einer Fahrt über den Atlantik. Ernst gemeinte Angebote bitte an: lars.reichardt@sz-magazin.de

  • Reise

    »Eine Kindergartengruppe ist einfacher zu leiten als eine Reisegruppe«

    Gier am Buffet, Polizeieinsätze, geklaute Messer: Der Reiseleiter Heinz-Jürgen Nees erzählt aus 40 Jahren Berufserfahrung – und verrät die schlimmste Panne, die er je erlebt hat.

    Interview: Daniela Gassmann
  • Anzeige
    Reise

    Zuhause bei meiner Putzfrau

    Seit 13 Jahren macht Ferida Makalic bei unserer Autorin sauber. Trotzdem wusste Susanne Schneider kaum etwas über sie – bis sie ihre Putzfrau in ihrer Heimatstadt in Bosnien besuchte.

    Von Susanne Schneider
  • Reise

    Mit Kleinkind am Mount Everest

    Mit seiner dreijährigen Tochter besteigt der Fotograf Stefen Chow hohe Berge und unternimmt abenteuerliche Rucksacktouren. Dass das so ungewöhnlich ist, verschafft ihm bei Einheimischen einen unerwarteten Bonus.

    Von Xifan Yang