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Wild Wild West: Amerikakolumne 16. Januar 2017

Ein Meer aus schamlippenfarbenen Mützen

Von Michaela Haas  Foto: AP

Mit Pussy-Mützen und Großdemos wollen Frauen zur Amtseinführung von Donald Trump gegen den neuen Grabscher-in-Chief protestieren. Auch Prominenz ist dabei.

Dank im Internet verfügbarer Strick- oder Häkelanleitungen ist es gar nicht schwierig, einen »Pussy Hat« herzustellen.
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An seinem ersten Tag im neuen Job wird Donald Trump, wenn alles gut geht, auf ein Meer aus pink leuchtenden Mützen blicken. Seit Monaten häkeln oder stricken Frauen »Pussy Hats«, also Mösenhüte. Über eine Millionen dieser schamlippenfarbene Mützen sollen es werden, denn mehr als eine Million Frauen wollen am 21. Januar, am Tag nach der Vereidigung, in Washington gegen ihren neuen Präsidenten demonstrieren. Daneben sind in etlichen anderen US-Städten ähnliche Protestmärsche geplant. Auch Stars wie Katy Perry, America Ferrera, Amy Schumer und Scarlett Johansson wollen mitmarschieren, weil, wie Scarlett Johansson sagt, »wir für unsere Überzeugungen einstehen müssen«.

Der Name der Hüte bezieht sich natürlich auf die Äußerung Trumps, er dürfe Frauen einfach zwischen die Beine fassen, weil er berühmt sei. Wie können sich Frauen gegen einen Präsidenten wehren, der sie vor allem nach ihrer Busengröße bewertet?

Als am 8. November die Wahlergebnisse eintrudelten, postete Teresa Shook, eine hawaiianische Großmutter, auf Facebook, Frauen sollten am Inaugurations-Wochenende in Washington protestieren. Dann ging sie zu Bett. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, fand sie mehr als 10.000 zustimmende Kommentare unter ihrem Post. Gleichzeitig hatte Bob Bland, eine Modeproduzentin in New York, eine ganz ähnliche Idee. Sie hatte 20.000 Dollar für die größte Familienberatungsorganisation Amerikas, Planned Parenthood, gesammelt, indem sie »Nasty Woman«-T-Shirts verkaufte. Bekanntlich hatte Trump in einer Präsidentschaftsdebatte Hillary Clinton als »nasty woman« bezeichnet, als »fiese Frau«, und seither schreiben sich viele Frauen den abwertenden Ausdruck als Ehrenabzeichen auf ihre Brust. Was also liegt für all die nasty women näher, als sich zu verbünden und Trump zu zeigen, wie »fies« sie sein können?
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Vorbild der Protestdemo ist der große »Marsch auf Washington«, bei dem Martin Luther King 1963 seine berühmte Rede »I have a dream« hielt. Nun wollen Hunderttausende von Frauen ihren Traum in Washington kundtun. Männer dürfen natürlich auch mitmarschieren, aber die Frauen sind besonders engagiert. Was sie auf die Barrikaden treibt: Trump hat bereits angekündigt, Frauen für Abtreibungen bestrafen zu wollen. Der Organisation Planned Parenthood, die jedes Jahr 2,5 Millionen Frauen hauptsächlich bei der Familienplanung berät und Brustkrebsvorsorge betreibt, die aber auch Abtreibungen durchführt, sollen alle bundesstaatlichen Fördergelder entzogen werden – obwohl bereits jetzt festgelegt ist, dass keine staatlichen Fördergelder für Abtreibungen verwendet werden dürfen. Staaten wie Ohio haben gerade (unter Berufung auf Trump) neue Gesetze verabschiedet oder geplant, die Abtreibungen nach der 20. Schwangerschaftswoche verbieten - selbst nach einer Vergewaltigung oder Inzest.

Aber der aktuelle Aufruf zu zivilem Ungehorsam richtet sich nicht nur gegen diese Beschneidungen von Frauenrechten, sondern ist viel umfassender. Es geht darum, Trump daran zu erinnern, dass Frauen mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellen. Unter dem Hashtag #WhyIMarch twittern Frauen, warum sie sich der Bewegung anschließen: »Für meine Töchter, Nichten und Enkelinnen«, postet eine Oma. »Weil ich behindert bin und mich nicht ruhig stellen lasse«, tweetet eine andere Frau. Wenn die neue Regierung wie angekündigt die allgemeine Krankenversicherung wieder abschafft, machen sich nicht nur Frauen Sorgen, wie sie Verhütungsmittel und andere Gesundheitsleistungen bezahlen sollen.

Schon jetzt halten die Protestierenden ihre Aktion für einen vollen Erfolg: Planned Parenthood sammelt mehr Spenden ein als in jedem der vergangenen zehn Jahre, recherchestarke Medien wie die New York Times und die Washington Post verzeichnen Hunderttausende neuer Abos, Umweltschutzorganisationen sehen ihre Mitgliederzahlen nach oben schnellen. »Viele haben geschlafen und dachten, das läuft schon irgendwie«, sagt die Betseller-Autorin Rebecca Solnit. »Jetzt heisst es: Alle an die Arbeit, es geht um alles.«

Was Trump vielleicht besonders ärgern wird, mehr noch als die Zahl der Protestierenden, ist, dass sowohl die Künstler als auch die Organisatoren des Marsches seinen Namen nirgendwo drucken. Der Name Trump kommt in den Aufrufen nicht vor. »Er ist ein Narziss«, meint Linda Sarsour, eine der Organisatorinnen. »Das hätte er gerade gerne, dass wir ihn zum Mittelpunkt machen!«
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufsteigt, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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