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aus Heft 06/2017 Liebe & Partnerschaft

Die Frau, die mich fertig machte

Von Philipp Mattheis  Foto: Jodofe/photocase.de

Kaum war er ihr begegnet, war er ihr verfallen. Die Frau ließ ihn nie ganz nahe kommen, hielt ihn aber auch nicht wirklich auf Abstand. Unser Autor verzweifelte an dieser Liebe, doch er lernte eine Menge - über sich.

Schwer zu ertragen: das ständige Wechselspiel zwichen Nähe und Abstand.
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Ich traf Charlotte auf einer Party in Shanghai, wo wir beide damals lebten. Sie war aus London, die Mutter Portugiesin, der Vater Ire; zierlich, dunkles Haar, riesige Augen, ein Lachen, das Beton sprengt. Es war nach Mitternacht, eine der schwülsten Nächte des Jahres. Sie tanzte im Garten eines alten französischen Hauses, dessen Mauern von der Feuchtigkeit brüchig geworden waren. Rote Girlanden hingen an Wäscheleinen, der Weißwein in den Pappbechern war lauwarm. Ich näherte mich ihr, wir tanzten miteinander. Sie lachte. Und ging. Weil ich ihr nicht sofort folgen wollte, stand ich irgendwann allein auf der Tanzfläche. Und kam mir blöd vor. Ich suchte sie, fand sie, sprach mit ihr über ihre Masterarbeit zum Thema »Antike Militärtechnik«, trank mit ihr, lachte mit ihr über die lallende Kunstlehrerin aus Kanada. Weil alles so perfekt schien und sie so gut roch, wollte ich sie küssen. Sie sagte nicht Nein. Sie sagte: Nicht hier. Ich fragte: Bist du mit einem anderen Mann hier? Statt zu antworten, lief sie fort und begann wieder zu tanzen. Ich folgte ihr.

Shanghai ist wie ein riesiges Flughafenterminal – Menschen kommen und gehen, haben Affären, trennen sich nach ein paar Wochen wieder, weil einer nach Singapur und eine andere nach Sydney weiterzieht. Ich hatte vier Jahre lang in einem Durchlauferhitzer für zwischenmenschliche Beziehungen gelebt, und irgendwann spielen sich Muster ein. Ich tat also, was ich meistens tat, wenn mir eine Frau gefiel. Ich lud Charlotte zum Essen ein. Ich wollte ihr zuhören, sie zum Lachen bringen, ihr ein paar Komplimente machen, sie irgendwann berühren, sie küssen, sie mit zu mir nach Hause nehmen.

Sie kam 45 Minuten zu spät, doch dafür wie ein warmer Sturm. Sie trug einen schwarzen Rock und ein schwarzes Oberteil – nicht aufreizend, sondern schlicht, subtil, sexy. Wir stellten fest, dass wir beide dasselbe Buch lasen: Der Distelfink von Donna Tartt. Und wir waren beide gerade an derselben Stelle. Das Buch handelt von einem seltenen Gemälde, das der Besitzer vor der Welt verbirgt und das ihn sein Leben lang begleitet. Fügung, dachte ich. Wir küssten uns noch vor dem Dessert.

Ich bezahlte das Essen, sie das Taxi zu mir. Wir schliefen nicht miteinander. Wir saßen auf dem Balkon, tranken Wein, sprachen über China, lachten, stellten mehr Gemeinsamkeiten fest: Ihre Schwester war Juristin, mein Bruder Jurist, sie war vor vier Jahren nach China gekommen, ich auch, sie hatte vor einem halben Jahr eine mehrjährige Beziehung beendet, ich auch.

Sie ging durch meine Wohnung, als wäre es ihre. Sie ließ sich auf mein Bett fallen. Ich legte mich neben sie, sie stand auf. Als sie um vier Uhr ging, blieb ihr Duft in meiner Wohnung: süßlich, sanft und scharf. Am nächsten Tag verabschiedete ich mich von zwei Affären, die ich in den vergangenen Wochen gesehen hatte, per SMS: »Ich habe jemanden kennengelernt, den ich wiedersehen möchte.«

Eine antwortete: »Ich fühle mich getäuscht.« Ich dachte: Mach dich mal locker. Ich schrieb: »Das tut mir sehr leid. Gleichzeitig denke ich nicht, dass ich dir etwas vorgemacht habe.«

Charlotte und ich sahen uns wieder, am darauffolgenden Tag, am Tag darauf und am Tag darauf auch, wir sahen uns acht Tage hintereinander. Es war ein Rausch. Wir buchten einen Urlaub in Myanmar (den wir nie antraten), redeten stundenlang über Liberalismus, Liebe und die Kulturrevolution, dazwischen schliefen wir miteinander. Mir gefiel ihr zierlicher Körper, unsere Bewegungen schienen perfekt aufeinander abgestimmt. Ich wurde süchtig nach ihrem Geruch, nach ihrem Humor, ihren Witzen. Ich begann, sie »Goldfinch« zu nennen, Distelfink auf Englisch. Das gefiel ihr. Die Zeit, in der ich nicht bei ihr sein konnte, erschien mir sinnlos – mehr noch, ich bildete mir ein, körperlichen Schmerz zu spüren.

Warnzeichen gab es. Einmal saßen wir im Garten eines italienischen Restaurants. Charlotte sah mich mit großen Augen an und meinte, sie müsse mit mir über etwas sprechen. Sie sei sehr verletzlich, sagte sie. »Ich will wissen, woran ich bin.«

Es gibt Anmach- und Aufreißtipps, die Männern mehr oder weniger psychologisch fundiert erklären, warum man mit Gefühlsäußerungen sparsam sein soll und wie man seine Attraktivität steigert, indem man die Frau im Ungewissen lässt. Und es gibt Omas, die sagen: Willst du was gelten, mache dich selten. Ich aber dachte: Mit ihr ist alles anders. Wozu Spiele spielen?

Ich beugte mich über den Tisch, küsste sie und sagte: »Ich weiß, dass ich dich will. Ich bin verliebt in dich.« Es war die Wahrheit. An etwas anderes als an sie zu denken fiel mir schwerer und schwerer. Arbeit, Sport, Freunde – all das wurde zu Zeitvertreib, bis ich sie wiedersehen konnte.

Und Charlotte? Sie lachte. Ich begriff es in diesem Moment nicht, aber … sie lachte mich aus. Als wir das Restaurant verließen, zog sie mich an sich und sagte: »Wir sollten es langsam angehen.« Sie ging allein nach Hause. Warum, verstand ich nicht, so vieles an ihr war aufregend, einzigartig, eigenartig.

Eigenartig war, dass sie sich zwanzig Minuten lang mit einem betrunkenen Franzosen unterhielt, den sie gerade beim Rauchen vor der Tür kennengelernt hatte, während ich mit ihrem Hund drinnen auf die Rechnung wartete, und dass sie diesen betrunkenen Mann zum Abschied umarmte.

Eigenartig war, dass sie nie bei mir übernachten wollte und ich in diesen zwölf Wochen nur zweimal in ihrer Wohnung war. Manchmal verließ sie mich mitten in der Nacht. Eigenartig war, dass sie manchmal Verabredungen kurz vorher absagte: »Sorry, ich bin müde.«

Ihre Unverbindlichkeit steigerte mein Verlangen nach ihr nur. Ich hatte die Kontrolle verloren. Diesen Zustand extremer, obsessiver Verliebtheit, der über das normale Kribbeln im Bauch hinausgeht, nennen Psychologen Limerenz. Ich war limerent.

»Vergiss es«, sagte eine Freundin. »Die hat einen anderen.« »Mach dich locker«, sagten Freunde. »Lauf ihr nicht hinterher.«

»Die ist halt nicht so verliebt«, sagte eine andere Freundin – eine Analyse, die ich als Unverschämtheit empfand.

Eines Abends hielt ich die Spannung nicht mehr aus. Ich rief Charlotte an, fragte, ob ich bei ihr vorbeikommen könne. Als sie sagte, es sei gerade schlecht, insistierte ich. Sie gab nach, zögerlich. Es war acht Uhr am Abend, sie traf mich vor ihrer Haustür – im Schlafanzug. Komisch kam mir das in diesem Moment nicht vor. »Ich will dich«, sagte ich. »Aber ich habe das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Wenn du jemand anderen triffst, sag es mir.« Sie lächelte süß, umarmte mich und sagte: »Du hast ein großes Herz. Es ist alles in Ordnung, aber ich kann mich zur Zeit auf nicht viel einlassen.« Dann ging sie allein zurück in ihre Wohnung. Wartete dort jemand auf sie?

Kurze Zeit später flog sie für zwei Wochen nach London. Am Abend vor ihrem Abflug gingen wir essen. Nachdem wir gezahlt hatten, sagte sie, dass sie nach Hause müsse, E-Mails schreiben und packen. Ich verstand das nicht, ich wollte sie sehen, jede freie Stunde mit ihr verbringen. Ich sagte: »Das macht mich traurig.«

»Du bist für deine Gefühle selbst verantwortlich«, antwortete sie.

Noch ein paar Wochen zuvor wäre mir die Wucht dieses Satzes nicht weiter aufgefallen. Ich hätte darauf erwidert: Ja, natürlich, wer sonst, wenn nicht ich? Menschen sind Monaden. Eigenverantwortlich. Autonom. Emanzipiert. Jetzt aber fühlten sich ihre Worte an wie ein Tritt in meine Eier. Sie verschwand, und ich begann, schlecht zu schlafen. Nachts wachte ich auf mit Herzrasen, suchte auf meinem Handy nach Nachrichten von ihr. Es kam keine. Ich verlor Gewicht, vier Kilo in drei Monaten.

Dann, fünf Tage später, die erste SMS: »Vermisst du mich überhaupt? Ich vermisse dich nämlich.« Euphorie löste die Panik ab.

Als sie wieder in China war, fuhren wir zusammen nach Peking. Es war Mitte Oktober. Ein Herbstwind aus der Wüste Gobi blies nachts durch die Hutongs, die chinesischen Häuser. Wir verliefen uns, weil wir wie im Rausch redeten, lachten, uns berührten. Wir schliefen in weißen, gestärkten Laken, hielten uns die ganze Nacht. Sie sagte, wir seien wie das Paar in Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Das klang schön, nur verstand ich es nicht. Meinte sie, ich sei die Frau, die den notorischen Fremdgänger Tomas bis in den Tod liebte? Am Ende des zweiten Tages schlug ihre Laune um. Sie wurde kalt, abweisend. Warum? Ich war ihr so hörig geworden, dass ich nicht einmal mehr fragte.

Als wir zurück in Shanghai waren, verschwand sie für drei qualvolle Tage. Sie reagierte weder auf Anrufe noch auf SMS. Am vierten Tag trafen wir uns. Sie beendete, was immer auch zwischen uns war. Der Grund? »Es ist zu intensiv.«

Am nächsten Tag rief sie mich an und sagte, sie habe eine Geschlechtskrankheit. Am Tag darauf sagte sie, alles sei in Ordnung, und ob wir mit einem gemeinsamen Bekannten etwas trinken gehen wollten. Ich verstand nicht: Hatte sie nicht gerade mit mir Schluss gemacht? Am dritten Tag fragte sie, ob die Praktikantin aus meinem Büro etwas für sie erledigen könne.

Mir dämmerte: Charlotte waren meine Gefühle egal. Sie spielten keine Rolle, waren für sie wahrscheinlich von Anfang an irrelevant gewesen. Es war ihr gleich gewesen, dass ich verrückt nach ihr war; jetzt war ihr gleich, dass ich Abstand brauchte, um mit der Trennung zurechtzukommen.

Ich begann, alles über »weiblichen Narzissmus« zu lesen – männerfressende Femmes fatales, die, weil selbst innerlich leer, stetigen Nachschub an Bewunderern brauchen. Ich fand Beleg für Beleg: das Flirten mit dem alten Franzosen, die Unverbindlichkeit, den Entzug. Ich las über Manipulation und darüber, wie man Abhängigkeit schafft: durch das ständige Wechseln zwischen Nähe und Distanz. Menschen, die uns verrückt machen, sind wie Spielautomaten. Man wirft Geldstücke hinein, erhält aber jedesmal ein anderes Ergebnis: mal Innigkeit, mal abweisende Kälte. Ich verstand, wie verwirrend und grausam es sein kann, zugleich maximale Nähe zuzulassen und jegliche Verbindlichkeit zu verweigern.

Und ich verstand noch etwas. Ich hatte selbst jahrelang aus Launen heraus verführt und mich aus Launen heraus wieder getrennt, hatte Nähe gesucht und Verbindlichkeit abgelehnt. Ich hatte mich hinter einer Wand aus Charme und Komplimenten verborgen, so lange es mir gefiel.

Als Mann findet man in der westlichen Kultur genug Beispiele, die den Verführer glorifizieren. Jemanden als Don Juan zu bezeichnen, ist ein Kompliment. Pick-up-Artists versprechen, jedem Mann das »Game« beibringen zu können. Don Draper, James Bond, Hank Moody – coole Typen. Weil sie Inszenierungen schaffen. Weil sie die Kontrolle behalten. Das ist in Ordnung, bis sie zu lieben beginnen. Oder geliebt werden.

Nie konnte ich ihren Satz »Du bist für deine Gefühle selbst verantwortlich« vergessen. Ich zerlegte ihn, analysierte ihn, setzte ihn wieder zusammen. War er falsch? Ja und nein.

Gehen wir eine Verpflichtung ein, wenn wir uns nahekommen? Nein.

Schulden wir uns etwas, wenn wir miteinander schlafen? Nein.

Sind wir Monaden, autarke und emotional isolierte Wesen, die sich zusammentun, wenn es beiden passt, und sich trennen, wenn es nicht mehr passt?

Wir sind es. Aber wir sind auch noch viel mehr.

Ab einem gewissen Punkt beginnt etwas anderes. Überschreiten wir diese Grenze, sind wir miteinander verbunden und aufeinander bezogen. Wir übernehmen Verantwortung für die Gefühle des anderen. Es ist schwierig, diese Grenze zu identifizieren, und es ist einfach, sie zu ignorieren. Sie kann lästig sein, denn Verantwortung kostet Freiheit. Und doch existiert sie. Es ist der schmale Grat, der Verführung von Manipulation, Hingabe von Rausch und Liebe von Funktionieren trennt. Ich war jenseits dieser Grenze, Charlotte diesseits.

Und heute? Ich weiß nicht, was passieren würde, wenn ich noch einmal ihren Duft atmen könnte. Vielleicht würde mein Kopf explodieren. Aber wir leben in weit entfernten Städten, und die Gedanken an sie verblassen wie die Farben des alten Hauses, in dem ich sie zum ersten Mal tanzen sah. So verrückt und manipulativ, wie ich es mir nach der Trennung eingeredet hatte, war Charlotte wohl nie gewesen. Ich muss an den lapidaren Satz meiner Bekannten decken: »Die ist halt nicht so verliebt.« Das ist wohl das Wahrste an dieser Geschichte. Doch im Wahn des Verliebtseins lässt sich Wahrheit nur ertragen, wenn sie nicht schmerzt.

Mir fiel erst viel später ein: Als wir die Party verließen, auf der wir uns zum ersten Mal gesehen hatten, fragte ich sie noch mal, ob sie mit einem anderen Mann hier sei. Sie antwortete nicht. Da rief eine Männerstimme ihren Namen. Sie ging.

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Philipp Mattheis

stieß in jenem Liebeschaos auf ein Buch von Lena Andersson: In »Widerrechtliche Inbesitznahme« verfällt eine Frau einem Künstler und will nicht wahrhaben, dass er ihre Gefühle nicht erwidert. Mattheis verschlang es in zwei Tagen.