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aus Heft 06/2017 Die Gewissensfrage

Halt dich an deiner Liebe fest

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Sollten Menschen, die nicht eifersüchtig sind, es ihrem Partner zuliebe lernen?

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 »Meine Freundin lässt in Gesprächen gelegentlich fallen, dass sie den ein oder anderen Verehrer hat. Das überrascht mich nicht, denn sie ist eine wundervolle Frau. Ich neige nicht zu Eifersucht und vertraue ihr. Nun hält sie Eifersucht für einen Beweis echter Liebe und wirft mir vor, es nicht ernst mit ihr zu meinen. Muss ich Eifersucht lernen?«
Jens. M., Hamburg

Eifersucht hat einen schlechten Leumund. Nicht nur, weil sie, speziell im Übermaß, das Potenzial zum Zerstören einer Beziehung in sich trägt, sondern weil sie zwei Ideen der Liebe entgegenläuft: nicht besitzen zu wollen sowie Vertrauen.

Das Idealbild der Liebe ist, dass sie das Geliebte um seiner selbst willen begehrt. Mit anderen Worten, die ideale Liebe will, dass der oder die Geliebte glücklich ist, und nicht ihn oder sie besitzen. Zudem schließen sich vollständiges Vertrauen in die Liebe der geliebten Person und Eifersucht logisch aus. Anders als Ihre Freundin meint, ist deshalb Eifersucht kein Beweis für echte Liebe, eher umgekehrt.

Zumindest in der Theorie. Oder unter Heiligen und perfekten Menschen. Die britische Philosophin Frances Berenson wies darauf hin, dass diese Sichtweise außer Acht lässt, wie menschliche Wesen wirklich sind. Man könne nicht ignorieren, wie die meisten Menschen tatsächlich empfänden: »Jemanden zu lieben, ohne jemals Eifersucht zu spüren, würde die Ernsthaftigkeit und Tiefe der Liebe in Frage stellen (…) Hier geht es darum, dass, wenn mir eine bestimmte Beziehung alles bedeutet in dem Sinne, dass sie mein Leben lebenswert macht, die Art und Weise, wie ich das Leben sehe, beeinflusst, wertvoll ist für mich, dann wird alles, was diese Beziehung bedroht, ganz natürlich mit Feindseligkeit und Besorgnis angesehen.«

Eine der größten Gefahren für die Liebe ist, dass man den geliebten Menschen als selbstverständlich und sicher gegeben ansieht, dass er oder sie zum Möbelstück im eigenen Leben verkommt. Dem vermag ein gesundes Maß an Eifersucht entgegenzuwirken. Wenn Sie Heiliger oder Zen-Meister sind, ist Ihre Haltung folgerichtig. Bei gewöhnlichen Sterblichen dagegen schwierig. Auch für Ihre Freundin.

Literatur:

Daniel Ferrell, Über Eifersucht und Neid, in: Philipp Balzer, Klaus Peter Rippe (Hrsg.) »Philosophie und Sex. Zeitgenössische Beiträge«, dtv München 2000, S. 113-146.

Christoph Demmerling, Hilge Landweer, »Philosophie der Gefühle«, J.B. Metzler Verlag Stuttgart 2007, S. 195-217.

Wolfgang Lenzen, »Liebe, Leben, Tod. Eine moralphilosophische Studie.« Reclam Verlag Stuttgart 1999, S. 87 ff.

Jerome Neu, »Jealous thoughts« in: A. O. Rorty (ed.), »Explaining Emotions.« Univ of California Pr. pp. 425--463 (1980).
 
Frances Berenson, »What is this Thing Called ‘Love’?« Philosophy, Volume 66, Issue 255, January 1991, pp. 65–79, especially pp. 73–75.

Hannah Arendt, »Der Liebesbegriff bei Augustin«, Dissertation Heidelberg 1928, neu herausgegeben und mit einem Vorwort von Ludger Lütkehaus, Philo Verlag, Berlin 2003.

Arendt beginnt den ersten Teil ihrer Dissertation mit dem Zitat von Augustinus: »Nihil enim aliud es amare, quam propter se ipsam rem aliquam appetere.« (De div. Quaest. 83, qu 35, 1) Übersetzt: Denn zu lieben ist nichts anderes, als eine Sache um ihrer selbst willen zu begehren.

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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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