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aus Heft 08/2017 Die Gewissensfrage

Lauschangriff beim Lockendrehen

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Soll ich meinen Friseur und seine Angestellten darauf aufmerksam machen, dass ich sie verstehe, wenn sie sich in ihrer Muttersprache unterhalten? 

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»Mein Friseur spricht mit seinen Angestellten, die Mitglieder seiner Familie sind, in seiner Muttersprache, die für Deutsche normalerweise ein Buch mit sieben Siegeln ist. Für mich aber nicht, da ich einige Jahre in diesem Land gelebt habe. Auch wenn es nur um Banalitäten geht: Soll ich sie darauf hinweisen, dass sie nicht so unbeobachtet sind, wie sie vielleicht denken?«
Wolfgang F., Köln


Ihre Frage ist deshalb interessant, weil das Nachdenken darüber mehrere Haken und Wendungen zutage bringt.

Zunächst ist Kommunikation ein zentraler Bestandteil unseres Miteinanders. Daher ist es unschön, wenn in einem Raum Einzelne davon ausgeschlossen sind und nicht verstehen können, was die anderen sprechen. Sie schreiben, dass es nur Banalitäten sind, das können Sie aber nur wissen, weil Sie es verstehen. Wer die Sprache nicht versteht, weiß nicht, ob das Team nicht vielleicht gerade über sie oder ihn spricht oder gar lästert. Das kann sehr leicht ein ungutes Gefühl hinterlassen, insofern ist die Idee einer gemeinsamen Sprache als Basis einer Gesellschaft durchaus sinnvoll.

Andererseits wirkt es – ganz abgesehen von etwaigen Überlegungen zur kulturellen Identität – trotz allem übertrieben, dass sich Familienmitglieder über das gestrige Abendessen, die neue Freundin des Sohnes oder Organisatorisches des Geschäfts nicht in der Muttersprache ihrer Familie unterhalten sollen, nur weil ein Fremder anwesend ist, der ohnehin nicht in das Gespräch involviert ist – und den oder die es auch nicht interessiert.

Daraus ließe sich schließen, dass Sie nicht von sich aus darauf hinweisen müssen, dass Sie das Gespräch verstehen. Zumal vor anderen in einer fremden Sprache zu sprechen denen gegenüber auch etwas Unhöfliches hat. Allerdings, und das wäre nun die letzte Wendung, hat mir das zu viel von »Das haben sie davon« oder »Geschieht ihnen recht«. Derartige Überlegungen sind mindestens ebenso trennend wie unterschiedliche Sprachen. Deshalb würde ich all diese Gedanken hintanstellen und Ihren Friseur freundlich lächelnd in seiner Muttersprache ansprechen. Dass Sie die sprechen und sein Land kennen, ist doch etwas Schönes und Verbindendes, warum sollte man das nicht zeigen?
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Hinweis:
Zur Frage, in welcher Sprache man sich in einer Gesellschaft unterhalten sollte, in der die Teilnehmer unterschiedliche Muttersprachen haben und inwieweit die Benutzung einer Sprache auch Respekt ausdrückt, siehe diese Gewissensfrage.
Dr. Dr. Rainer Erlinger

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