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aus Heft 10/2017 Frauen

»Sie kümmert sich um verlorene Seelen«

Von Jochen Schmidt  Foto: Susanne Schleyer / autorenarchiv.de

Der Schriftsteller Jochen Schmidt versteht seine Mutter oft nicht. Trotzdem ist dies eine Liebeserklärung.

Seine Mutter pflegt die indirekte Kommunikation: der Schriftsteller Jochen Schmidt

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Meine Mutter verteilt Zuwendung in Form von dicken Briefen mit Zeitungsausschnitten, die sie für einen sammelt, weil sie meint, dass man sich für bestimmte Themen interessiert. Lange Zeit habe ich deshalb Ausschnitte aus der Fernsehzeitung mit Tipps gegen Haarausfall bekommen. Sie betet jeden Abend, dass ich einen Bestseller schreibe, weil sie mir nichts vererben kann, zur Anregung legt sie ihren Briefen Rezensionen von Büchern bei, die gerade Erfolg haben und von denen sie, um mich zu trösten, betont, dass sie so etwas nie lesen würde: »Diese beiden Jungen, die mit einem geklauten Auto durch den Osten fahren, das ginge doch in Wirklichkeit gar nicht, wer will denn so etwas lesen?«

»Na, zirka eine Million Leute.«
»Also ich lese nichts über Autodiebe.«
»Ist aber gar nicht schlecht.«
»Und das mit dieser Studentin, die sich von diesem Mann fesseln lässt? Das ist doch keine Literatur.«
»Das behauptet auch niemand.«
»Aber die Leute denken, sie müssen es kaufen.«
»Ich glaube, die Leute kaufen das schon freiwillig.«
»Du müsstest eben auch mal einen Krimi schreiben, der in einer schönen Landschaft spielt, so etwas lesen die Leute.«
 
Es hat keinen Sinn, mit meiner Mutter zu diskutieren, egal über welches Thema, Argumente zählen nicht, man rennt gegen Wände, und jede Diskussion kann mit dem Satz »Sei froh, dass du noch eine Mutter hast« abgewürgt werden. Wir sprechen jetzt manchmal darüber, was ihre Generation mitgemacht hat, schwarze Pädagogik, Krieg, Vertreibung, sexuelle Repression. Aber sie sagt immer nur, welches Glück sie hatte.

»Wir sind nicht geschlagen worden.«
»Aber die Lehrerin hat dir doch mit dem Rohrstock auf die Finger gehauen.«
»Die hab ich weggezogen. Sie war so verdutzt, dass sie nichts gesagt hat.«
»Und deine Mutter mit dem Riemen?«
»Das hat uns gar nichts geschadet, wir wussten ja, dass wir was ausgefressen hatten.«
»Also seid ihr doch geschlagen worden?«
»Ich hatte so ein Glück im Leben.«

Während mein Vater etwas schwerhörig wird, so wird meine Mutter manchmal schwersprechig, es ist nicht leicht, immer ihren Gedankengängen zu folgen:
»Du kannst die Scheibe haben mit dem Schwimmer.«
»Welcher Schwimmer?«
»Die springt aber manchmal.«
»Du meinst eine DVD?«
»Dabei ist der doch schwul in der anderen Serie.«

Meine Mutter schätzt Schwule, weil sie angeblich ihre Mütter so verehren. Ein schwuler Cousin von ihr häufelte regelmäßig die Erde auf dem Grab seiner Mutter mit den Händen auf. Roland Barthes hätte ihr gefallen, der plante ja, eine Vorlesung am Collège de France zu halten, bei der er nur Fotos von seiner Mutter zeigen wollte, aber dann wurde Barthes von einem Laster angefahren und verstarb.

Meine Mutter gibt Obdachlosen Geld, weil sie hofft, dass für mich auch jemand ein Herz hat, wenn ich mal so auf der Straße sitzen sollte. Die hätten manchmal sogar ein Uni-Diplom. Sie wäre erst beruhigt, wenn ich Beamter wäre. Wenn ich sie besuche, gehe ich gern joggen.

»Ruh dich lieber mal aus«, sagt sie dann.
»Ich bin doch gerade erst aufgestanden.«
»Ja, aber du wirst auch bald fünfzig.«

An jedem Geburtstag ruft sie mich an, und ich erfahre neue schreckliche Details darüber, wie Kinder zu meiner Zeit auf die Welt gekommen sind. Die sechs bis zehn Frauen auf ihrem Zimmer, die teilweise zugenäht waren und monatelang liegen mussten, um nicht zu früh zu gebären, unter ihnen auch Minderjährige, stöhnten vor Schmerzen, bei Stromausfall wurde mit Kerzen von der vorigen Weihnachtsfeier Licht gemacht. Eine Schwester presste ihren Bauch, um das Blut rauszudrücken, das in einer Schüssel aufgefangen wurde. Die Kinder wurden ihren Müttern aus hygienischen Gründen in den ersten 24 Stunden entzogen.
»Ist das nicht schrecklich?«, sage ich dann.
»Du warst ein sehr fröhliches Kind.«
»Aber war das nicht grausam für dich?«
»Mit 14 bist du ja verstummt.«

Ich weiß nicht, warum sie das wundert, mit 14 muss man doch verstummen. Ich habe mir ja auch immer Sorgen um sie gemacht. Meine Mutter brachte zwar immer gute Laune mit nach Hause, trotzdem war unser Alltag von ihren schrecklichen Migräneanfällen überschattet. »Soll ich noch eine Copyrkal nehmen?«, sagte sie zu meinem Vater. »Ich hab auch schon zwei Ergoffin«, antwortete er. Das klang für mich immer nach harten Drogen, dabei waren es DDR-Varianten von Paracetamol. Aber egal, wie sehr sie litt: Wenn das Telefon klingelte, meldete sie sich fröhlich, als wäre nichts, auch wenn es meine Klassenlehrerin war, die sich über mich beschweren wollte. Überhaupt habe ich bestimmte Emotionen an ihr nie beobachtet. Dass Frauen auch beleidigt sein können, haben mir erst meine Freundinnen beigebracht, ich hatte von meiner Mutter deshalb aber auch nie gelernt, zu Frauen freundlich zu sein, bis heute bekomme ich zuverlässig gute Laune, wenn ich meine Freundin ärgern kann.

Es gäbe so viel über meine Mutter zu sagen: Meine Mutter ist Germanistin geworden, weil sie nicht Chemikerin werden durfte, angeblich schadeten die giftigen Dämpfe Frauen. Aber man nimmt eben, was man kriegt, und macht das Beste daraus.

Meine Mutter benutzte zum Abwaschen Gummifinger, weil sie schon ganz krumme Hände hatte von der Küchenarbeit.

Meine Mutter hatte im Auto als eiserne Ration immer eine braun gewordene Plastikflasche mit Wasser für ihre Kopfschmerztabletten dabei.

Meine Mutter schob uns in der Oper aufblasbare Kissen unter, damit wir etwas sahen. Meine Mutter hat am Telefon geweint, damit der Waschmaschinenmonteur von Monsator kam.

Meine Mutter hat jeden Sonntagmorgen so laut das Klassikwunschkonzert der BBC gehört, dass ich bis heute eine Abneigung gegen Mahler und Wagner habe.

Meine Mutter öffnet dreißig Jahre alte Briefe nicht, weil es ihr auf der Seele liegt, dass sie sie immer noch nicht beantwortet hat.

Meine Mutter las im Urlaub am liebsten auf der Hollywoodschaukel unseres Betriebsferienheims vielbändige englische Familiensagas. Meine Mutter kümmert sich immer um verlorene Seelen. Einmal lobte sie die Rentnerin, die in der Wohnung darunter wohnte und deren Kinder so selten zu Besuch kamen, dafür, wie schön sie Weihnachten um acht Uhr früh Klavier gespielt habe, woraufhin die Rentnerin uns jahrelang mit ihrer Musik weckte, obwohl sie keinen Ton mehr traf.

Meine Mutter ärgert sich immer, wenn die Chinesen beim Eiskunstlaufen so ernst gucken, das sei nur Athletik bei denen, kein Gefühl. Meine Mutter steckte uns in der Kirche vor dem Rausgehen immer Kollekte zu, damit wir sie ins Körbchen taten.

Meine Mutter findet, dass Colin Firth der beste Mr. Darcy aller Zeiten ist, der brauche nämlich ein kantiges Kinn.

Meine Mutter rummste immer mit dem Staubsauger gegen die Kinderzimmertür und wartete vergeblich, dass wir ihr aus Gewissensgründen die Hausarbeit aus der Hand rissen.

Meine Mutter brachte uns einen großen Teller mit Tomatenstüllchen, wenn wir samstags alle Wetten, dass …? sahen. (In Schwarzweiß. Mein Vater guckte im Wohnzimmer in Farbe, aber da war es nicht so gemütlich wie im kleinen Zimmer bei meiner Mutter.)

Meine Mutter heizte morgens, eine Stunde bevor wir aufstanden, den Kohlenofen im Kinderzimmer, manchmal war die Temperatur über Nacht unter Null gesunken.

Meine Mutter trug nach Westreisen, die sie genehmigt bekam, um ihre inzwischen demente Mutter zu besuchen, immer schwere Taschen mit Geschenken für uns über den Grenzübergang, eine musste sie mit dem Fuß schieben, weil sie keine Hand frei hatte. Wir hatten keine Ahnung, wie aufwendig es war, innerhalb von drei Tagen in Hamburg AC/DC-Aufnäher, Schnorchel, Tennis-Schweißbänder, weiße Breakdance-Handschuhe und einen Competition-Pro-Joystick für den C64 aufzutreiben.

Meine Mutter ist ein Flüchtlingskind, sie hat gelernt, niemandem zur Last zu fallen, und würde Wünsche nie direkt äußern. Es ist deshalb schwer, von ihr zu erfahren, was sie möchte.
»Wolltet ihr nicht noch spazierengehen?«, fragt sie nach dem Essen.
»Nein, wir bleiben lieber drin.«
»Schade, bei dem Wetter.«
»Ja, aber wir wollen gar nicht raus.«
»Der Müll muss aber auch noch runter.«
»Sollen wir den mitnehmen?«
»Gestern waren die Tonnen voll.«
»Wir wollten jetzt eigentlich den Abwasch machen.«
»Ich dachte, ich kann mich mal hinlegen.«
»Also stören wir dich?«
»Für morgen ist Regen angesagt, ich krieg schon wieder einen Kopf.«
»Kannst du nicht einfach sagen, was du möchtest?«
»Seid froh, dass ihr noch eine Mutter habt.«
Und das bin ich auch.


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Jochen Schmidt

hätte selbst nichts dagegen, einen Bestseller zu schreiben. Allerdings liegen ihm Krimis wirklich nicht. Zuletzt erschien sein Roman »Zuckersand«, in dem ein Vater mit seinem zweijährigen Sohn spazierengeht.

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