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aus Heft 10/2017 Frauen

»Wenn ich die zwei schaffe, schaffe ich alles«

Von Silke Wichert  Foto: iStock / Tatyana Tomsickova

Unsere Autorin hatte mit Töchtern gerechnet. Nun hat sie Söhne - und ist froh, keine Kopien ihrer selbst heranzuziehen

Silke Wichert hatte sich immer auf Mädchen eingestellt. Doch dann kam alles anders (Symbolfoto)
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»Du bekommst sicher ein Mädchen!« Die Frühdiagnostik im Familien- und Freundeskreis war eindeutig. Schließlich hatte ich als Kind eine stattliche Barbie-Sammlung besessen, Reitstunden genommen, Affenschaukel-Zöpfe getragen, und später einen ziemlich mädchenmäßigen Beruf ergriffen. Wer über Mode schreibt, ist ja prädestiniert dafür, sich auch den Rest seiner Zeit mit Tüllkleidchen und Glitzersandalen zu beschäftigen. Mein Bruder hat drei Töchter, meine besten Freundinnen jeweils eine. Als unser erster Sohn geboren wurde, sagte eine Bekannte, halb im Scherz: »Gibt auch schöne Hosen.«

In Mütter-Foren liest man oft die Frage: »Wie macht man Mädchen?« Oder den Hilferuf: »Wollte Mädchen, kriege Jungen!« Frauen schreiben, wie sehnlich sie sich ein Mädchen wünschen – als erstes Kind, oder als zweites nach einem Jungen. Sie beraten, welche Diät und welcher Tag vor dem Eisprung womöglich ein X-Chromosom ergibt. Weil das eigene Geschlecht einem nun mal näher, vertrauter ist.

Und es stimmt, ich habe keine Ahnung, wie es ist, als Junge aufzuwachsen. Das hat aber auch Vorteile: Ich gehe unbelastet an die Sache heran. Ich versuche kein Mini-Me heranzuziehen, das die gleichen Sachen trägt und die gleichen Interessen an den Tag legt wie seine Mutter. Ich denke nicht ständig mit verklärtem Blick: »Genau wie ich …«, weil ich weder auf den Knien über Flure gerutscht bin noch täglich Cordon bleu essen wollte. Dafür werde ich in die Geheimnisse von Tiefladern, Sauriern und Auto-Quartett eingeweiht. Ich lerne das andere Geschlecht noch einmal von Grund auf kennen und lieben. Mittlerweile im Intensivkurs: Eineinhalb Jahre später bekamen wir einen zweiten Jungen. Nett gemeinter Kommentar einer anderen Mutter damals: »Ich bin froh, dass ich ein Mädchen bekommen habe, aber Jungs sind natürlich auch total süß.«

Jungen haben momentan keine besonders gute Lobby. Sie sind laut, anstrengend und angeblich die Verlierer unserer Zeit, weil sie sich in der Schule im Vergleich weniger anstrengen und weniger lesen. Die Shell-Studie von 2015 befand, die Gesellschaft werde immer weiblicher, klassische männliche Eigenschaften verlören an Bedeutung. Jungen wollen außerdem seltener Kinder bekommen, mich also womöglich nicht zur Großmutter machen. Was soll ich tun? Ihre weiblichen Eigenschaften fördern? Sie mit Puppen spielen lassen? Haben sie gemacht, sie besaßen sogar einen Puppenwagen, in Knallrosa.

Bis meine Söhne berufstätig sind (und mal sehen, wie weiblich die Gesellschaft bis dahin wirklich geworden ist – am Arbeitsplatz sind Männer gegenüber Frauen ja offenbar noch deutlich im Vorteil), bin ich durch diverse Bolzplatzeinheiten so fit wie lange nicht und freue mich auf meine Karriere als Soccer Mom, statt auf einer grell beleuchteten Wartebank im Ballettstudio zu hocken. Obendrein habe ich das Gefühl, selbstbewusster geworden zu sein, weil ich denke, wenn ich die zwei schaffe, schaffe ich alles. Im Freundeskreis firmieren meine Jungs als »die Raketen«, wir haben eine spezielle Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Natürlich ist es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass das Angebot an Mädchenkleidern bei H&M viel größer ist als das für Jungsklamotten. Aber ich tröste mich: Das gesparte Geld kann ich ja später in Nachhilfe investieren.


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genießt noch einen kleinen, manchmal aber entscheidenden Vorteil in der einzigen weiblichen Rolle in der Familie: Sie bekommt immer alle rosa- und lilafarbenen Smarties zugeteilt.

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